Kopf des Tages

Sie spricht fast nie jemanden frei

Marina Syrowa, die Richterin im Prozess gegen Pussy Riot, war schon an einem Chodorkowski-Verfahren beteiligt.

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Sie muss nun richten. Was wird sie also tun, da halb Europa auf sie schaut? Marina Syrowa hat den unerbittlichen Vortrag des Staatsanwalts gehört, sein Plädoyer, die Punkgruppe Pussy Riot müsse von der Gesellschaft isoliert werden, und zwar für drei Jahre. Aber der Richterin hallen sicher auch noch die Worte von Wladimir Putin im Ohr nach. Aus der Ferne des olympischen London hatte der Präsident erklärt, man solle die drei jungen Frauen doch nicht so hart bestrafen. Doch was meint Putin nur damit? Und was meint Syrowa wohl dazu?

Ein Freispruch jedenfalls würde nicht so recht passen zur Praxis der russischen Justiz und zu Marina Syrowa, die an ihrem Richtertisch immer wieder mit strengem Blick über den Rand ihrer Brille schaut. Erst einmal in 178 Fällen hat sie einen Freispruch verkündet, will das Internetmagazin «Openspace» herausgefunden haben. Damals ging es um einen Verkehrsunfall. Jetzt geht es um Rowdytum und Verbreitung religiöser Hetze. Doch eigentlich geht es um viel mehr.

Wenig Sinn für Humor

Aus Syrowas Richterspruch wird sich ablesen lassen, wie viel Kritik dieses Land auszuhalten bereit ist, gegen die einflussreiche Orthodoxie, gegen die politische Führung. Mit welchem Verständnis der Staat seinen Gegnern antwortet, ob er auch zu Milde fähig ist gegenüber jungen Müttern, die seit Monaten in Untersuchungshaft sitzen. Bisher hat sich die Frau am Richtertisch mit der braunen Kurzhaarfrisur selten grosszügig gezeigt in diesem Prozess. Gesuche der Verteidigung lehnte sie in der Regel ab, Zeugen wurden nicht zugelassen, längere Pausen nur selten gewährt.

Und so ahnen die Angeklagten wenig Gutes. Als eine Reporterin im Saal einmal lachte, weil auch die Angeklagten lachten, als ihnen nämlich die Strumpfmasken präsentiert wurden, mit denen Pussy Riot ihren Skandalauftritt in der Moskauer Erlöserkathedrale begingen, da wies Syrowa die Beobachterin hinaus. «Wem nach Lachen ist, kann in den Zirkus gehen», sagte sie scharf. «Ich habe Sie gewarnt, im Saal herrschen Ruhe und Ordnung.» Fortan blieb es still.

«Nur ein leerer Körper»

Syrowa hat es sichtbar eilig, den aufsehenerregenden Prozess durchzuziehen. Morgens beginnt die Verhandlung, erst spät am Abend wird sie beendet. Die drei Angeklagten warfen der Richterin Befangenheit und mangelnden Respekt vor, wollten sie sogar austauschen lassen. Sie sei nur ein leerer Körper, der täglich ins Gericht gebracht und abends wieder abgeholt werde, sagte eine der Angeklagten.

Aber Syrowa sitzt noch immer diesem Prozess vor, und dieser könnte ihrer weiteren juristischen Karriere durchaus dienen. Seit vier Jahren arbeitet die Juristin am Moskauer Chamowniki-Gericht, in dem Ende 2010 auch das Urteil gegen Michail Chodorkowski gesprochen wurde. Angeblich steht die 50 Jahre alte Richterin auf einer schwarzen Liste, die der Oppositionspolitiker Garri Kasparow im vorigen Jahr Vertretern des amerikanischen Kongresses überreicht hat. Syrowa hatte an einem umstrittenen Verfahren gegen Chodorkowskis Ölkonzern Jukos teilgenommen.

Immerhin, ganz ohne Hoffnung müssen die drei Angeklagten von Pussy Riot auch nicht sein. In jedem zehnten ihrer Urteile blieb Syrowa unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Das Urteil wird noch diese Woche erwartet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2012, 06:20 Uhr

Sie bleibt ein Phantom: Richterin Marina Syrowa. (Bild: PD)

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