Vom Märchendorf in die Hölle

Acht Millionen Roma leben heute in der EU. Gemeinsam ist ihnen, dass sie von allen gehasst werden.

Eigentlich wenig zu feiern: Feiern zum Jahrestag von St. Georg.

afp

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Wenn hinter den Birken die riesige rote Sonne untergeht, steigt aus den Wiesen langsam der Nebel auf. Dann fällt Sintesti, ein Dorf nur zehn Kilometer vor dem lärmenden Bukarest, ganz aus Welt und Zeit. Frauen mit schwarzen Zöpfen, grossen Ohrringen und knallbunten Röcken kommen auf den Höfen zusammen und zünden Feuer an. Riesige Häuser beherrschen das Dorf, viele mit kunstvoll verzierten Dächern aus Zinkblech. Märchenschloss steht hier an Märchenschloss. Der grösste Palast gehört dem Bulibasha, dem Zigeuner-Häuptling. Der alte Herr in Schwarz schaut traurig und etwas misstrauisch, wenn man an seine Türe klopft. Dann führt er den Gast doch durch die hohe Halle in ein Büro. Hier sitzt ein Mann, der sich als Vasile Ionescu vorstellt. Vor sich hat er einen grossen Schreibtisch und hinter sich mächtige Vitrinen mit nachgemachten Meissener Nippesfiguren. Wenn Herr Ionescu spricht, kehren Ort und Zeit zurück. «Mit dem Roma-Problem geht die EU sehr widersprüchlich um», sagt er und fährt sich durch den zottigen Bart.

Kann man es der EU verdenken? Schon Ionescus Erscheinung ist verwirrend. «Philologe» sei er, sagt er in fliessendem Französisch, er lebe abwechselnd in London und Sintesti. Wir sind hier in einem Dorf der Kaldarashi, erzählt er, der Nomaden-Roma, die Alteisen verwerten. Die meisten hängen dem Christianismus an, der irgendwie etwas mit den Kopten zu tun hat, einer altorientalisch-christlichen Kirche. Genaues erfährt man nicht. Wenn die Rumänen in Bukarest behaupten, dass die Leute von Sintesti in ihren Palästen nicht einmal Toiletten hätten, dann stimmt das, klärt Ionescu auf. Das hänge mit den religiösen Reinlichkeitsregeln zusammen. Wenn man das hier alles zauberhaft und exotisch finde, könne er das verstehen. Aber die Faszination des «Exotismus», mahnt er, bedeute leider auch «allzu oft Ausgrenzung».

Mehr Roma als Finnen

Mit Bulgarien und Rumänien sind 2007 auch drei bis vier Millionen Roma der EU beigetreten, wie der Minderheiten-Kommissar der OSZE einmal geschätzt hat. Zusammen mit den schon rund anderthalb Millionen in Ungarn, der Slowakei und Tschechien sind sie damit so zahlreich wie die Finnen oder die Dänen. Aber vergleichen lassen sie sich mit nichts und niemandem.

Vom Märchendorf in die Hölle ist es mit dem Auto eine gute Viertelstunde. Auch in Zabrauti spielt sich das Leben vor dem Haus ab. In der kleinen Siedlung aus fünf heruntergekommenen Plattenbauten im Ceausescu-Stil leben ähnlich viele Menschen wie in Sintesti: etwa tausend. Cristina, 18, wohnt hier mit dem 20-jährigen Bogdan. Die Tochter, neun Monate alt, haben sie jetzt zur Tante gegeben. «Hier geht es nicht», sagt Cristina: «Zu laut, dreckiges Wasser, Tuberkulose.» In ihre Einzimmerwohnung mit den Wasserflecken an der Decke passen auf knapp zehn Quadratmeter ein Herd mit Gasflasche, die Bettcouch und eine Kommode. Besonders ärgert es Cristina, dass die aus dem zweiten Stock immer ihren Müll aus dem Fenster schmeissen.

Ergreifende Geschichten

Obwohl seit tausend Jahren auf dem Kontinent, passen die Roma auch heute noch in keine europäische Schublade. Wer Cristina und Bogdan und alle die Unglücklichen von Zabrauti als «ethnische Minderheit» qualifiziert, bewegt sich hart an der Grenze zum Zynismus. Zur «Kultur» oder «Lebensweise» lässt sich das Elend hier beim besten Willen nicht umdeuten. Florica zum Beispiel, die in der Etage über der jungen Familie wohnt, hat 28 Jahre als Verkäuferin gearbeitet. Dann starb der Mann. Die Witwe musste das Haus verkaufen, wurde krank und verlor ihre Arbeit. So beginnen viele Erzählungen in vielen Elendsvierteln Europas. Aber Florica wäre vielleicht nicht in Zabrauti gelandet, wenn sie eine hellere Hautfarbe hätte. Mit ihrem dunklen Teint, meint sie, war sie dem Absturz immer auch dann nahe, als es ihr gut ging.

Nur gut eine halbe Million rumänische Staatsbürger bekennen sich bei Volkszählungen freiwillig als Roma – wobei Freund und Feind einhellig versichern, dass es in Wirklichkeit viel mehr sind. Wenn Roma eine Identität ist, dann eine verhasste, eine, die einem am Bein klebt. Cezara, die junge Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation, erzählt die ergreifende Geschichte eines Mädchens, das verzweifelt versucht hat, sich mit der Wurzelbürste die Farbe aus dem Gesicht zu schrubben. Aber auch einfach als «Unterschicht» oder «Menschen in der Armutsfalle» wären die Roma ebenfalls schlecht verstanden. Dagegen spricht der Stolz des Philologen Vasile Ionescu auf die tausendjährige mündliche Überlieferung ebenso wie die dicken BMWs der X-Klasse in den Höfen der Alteisenhändler von Sintesti. Was die Roma aller Kategorien zusammenhält, ist offenbar vorwiegend der Hass der anderen.

Angst vor Verwechslung

In Rumänien sind sie als ethnische Minderheit anerkannt, in Frankreich, wo alle Menschen ungeachtet der Herkunft als Franzosen gelten, natürlich nicht. Aber die Anerkennung in Rumänien sei «Heuchelei», sagt der Europäer Vasile Ionescu. In Frankreich gebe es immerhin reservierte Stellplätze für ihre Wohnwagen. Und für die Rumänen seien die staatlich anerkannten Roma bloss eine willkommene Zielscheibe. Sonst versuchen Behörden überall, auch in Rumänien, die Kopfzahlen der jeweiligen Minderheiten möglichst nach unten zu drücken. Wenn es um Roma geht, gilt dieses Gesetz nicht. 350'000 Schulkinder in Rumänien sollen Roma sein, meint die Schulbehörde. Je mehr es sind, desto mehr kann man in Sonderschulen abschieben.

Wenn Nachrichten über illegale Siedlungen rumänischer Roma im Westen nach Rumänien dringen, wie jetzt aus Paris, herrscht vor allem eine Sorge: Rumänen, die jetzt dorthin reisen, könnten mit Roma verwechselt werden – zumal westliche Politiker die Roma lieber einfach «Rumänen» nennen, um nicht den Menschenrechtlern in die Quere zu kommen. Erst vor einem halben Jahr hat Rumäniens Aussenminister Teodor Baconschi seinem französischen Kollegen die «physiologischen, naturgegebenen Probleme mit der Kriminalität in einigen rumänischen Gemeinschaften» erklärt, um Verwechslungen zu vermeiden. Jetzt, nach Präsident Sarkozys Vertreibungsplänen, stellte Baconschi immerhin fest, Rumänien könne die «Stigmatisierung einer ganzen ethnischen Gruppe» nicht dulden.

Alltägliche Gemeinheiten

Brüssel setzt auf die Selbstbestimmung der Roma, auf Autonomie und nationales Selbstbewusstsein. Der Erfolg ist kümmerlich. Zwar sind in Rumänien jede Menge Roma-Parteien registriert, darunter auch eine für die Kaldarashi und eine für die «Bergleute und Musikanten». Was aber fehlt, sind die Wähler. Nicolae Paun, 45, ist einer von zwei Roma unter 330 Abgeordneten, und auch er sitzt nur dort, weil der «ethnischen Minderheit» per Verfassung ein Parlamentssitz zusteht.

Paun engagiert sich im Menschenrechtsausschuss, wo es viel zu tun gibt: Immer wieder werden alltägliche Gemeinheiten berichtet – wenn etwa die Polizei bei 15 Grad minus illegale Slum-Hütten abreisst, wenn eine Behörde den Roma Wohnungen auf dem Gelände des Klärwerks anbietet oder ein Spital die Roma-Patientinnen von den anderen isoliert. Aber fällt der Name von Paun, winken die Leute von Zabrauti nur ab. «Das sind alles Gauner», sagt Florica unter dem Applaus der Umstehenden. Wenn sie wählen, ist den Leuten von Zabrauti die ethnische Zugehörigkeit herzlich egal.

Traum vom neuen Europa

Derweil träumt Philologe Ionescu inmitten der unwirklichen Kulisse von Sintesti von einem neuen Europa. Einem Europa, in dem Roma frei umherziehen könnten, ohne sich um Grenzen zu scheren; alle die Sprache sprächen, die gerade frei ist; den absonderlichsten Glaubensrichtungen anhingen, ohne dass sich jemand daran stören würde. Ihre Hautfarbe wäre ihnen und allen anderen egal.

Sarkozys jüngste Kriegserklärung zeigt allerdings, dass diese Gedanken noch lange ein Traum bleiben dürften. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.07.2010, 22:07 Uhr

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