Wenn die Faschisten marschieren

G20 in Hamburg: keine Resultate, viel Tamtam, sehr viel Gewalt. Überflüssig und sinnlos.

Kriegszustand auf den Strassen: Protestierende setzen während des G20-Gipfels eine Barrikade vor einem Supermarkt in Hamburg in Brand.

Kriegszustand auf den Strassen: Protestierende setzen während des G20-Gipfels eine Barrikade vor einem Supermarkt in Hamburg in Brand. Bild: Keystone

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Von oben sah man den Zug kommen, fast durchgängig schwarz vermummt bewegten sich die Männer (und ein paar Frauen) auf der Strasse, es war ein Bild des Krieges, als ob eine fremde Truppe einmarschiert wäre, locker, fast aufgeräumt, mit behendem Schritt. Von einheimischen Verteidigern, also der Polizei, war nichts zu sehen – man hatte kapituliert, und die Videos, die wir hier beschreiben, entstanden; verschreckte Anwohner haben sie mit ihren Iphones gemacht, nachdem sie sich oben in ihren Wohnungen verschanzt oder hinter Vorhängen versteckt hatten. Was stand ihnen bevor? Würden sie abgeführt? Ihre Kinder geplagt? Ihr Besitz geplündert?

Dann und wann lösten sich plötzlich einzelne Personen aus dem Demonstrationszug, huschten zu einem parkierten Auto am Strassenrand und legten Feuer, um sich sofort wieder in die schützende Menge der Namenlosen zurückzuziehen. Wann immer ein Auto aufflackerte, eine Scheibe in Brüche ging, ein Container gekippt oder ein Zaun eingestampft wurde, geschah nichts. Es herrschte Anarchie. Kriegszustand in Hamburg.

20 Politiker einer selbst ernannten Weltregierung, die sich G20 nennt, tagten derweil ungestört an ihren ergebnislosen Sitzungen, palaverten, schäkerten, assen, tranken, füllten sich die Bäuche mit deutschen Köstlichkeiten und fühlten sich so viel wichtiger als alle anderen Menschen, denen sie (zum Teil) ihre Ämter verdankten – bei manchen handelte es sich ohnehin um ungewählte Diktatoren –, während ganze Quartiere einer Millionenstadt in Trümmer gelegt wurden. Dass hier auch Menschen wohnten, die Steuern bezahlten, damit die Weltregierung in Sicherheit ihren Geschäften nachgehen konnte: Es schien die Politiker kaum zu kümmern. Wir sind so wichtig, wir regieren die Welt. Seit dem Sonnenkönig haben sich Staatsmänner nicht mehr so monarchisch aufgeführt. Dass sie zur Zerstreuung nicht noch ein paar Wähler einluden, die zwischen den Gängen vor ihnen tanzten: Es muss als Überraschung gewertet werden.

Extrazug ins Kampfgebiet

Gewiss, schuld an der Gewalt, die am vergangenen Wochenende in Hamburg Urständ feierte, sind nicht diese Politiker, sondern Tausende von Gewalttätern, von Linksfaschisten, die so überzeugt sind, dass sie recht haben, dass ihnen alle Mittel billig erscheinen. «Smash G20», zerschlagt G20: Schon allein die Sprache ihrer Parolen zeigt, wie faschistisch sie denken. Wer nicht recht hat, soll untergehen. Doch diese winzigen linksextremen Minderheiten, die sich überschätzen, wären leicht zu bekämpfen, wenn man denn nur wollte. Wer Gewalt anwendet, wer Eigentum zerstört, bricht das Gesetz und wird belangt, das gilt seit gut 3000 Jahren in den meisten Zivilisationen.

Neu ist in unserer Hochkultur der Dekadenz, dass man politische Gewalt je nach Standpunkt etwas unterschiedlich beurteilt und behandelt. Wären Tausende von braun uniformierten Neonazis in Hamburg aufmarschiert, wäre die deutsche Polizei ebenfalls so eigenartig gehemmt aufgetreten wie am vergangenen Wochenende? Hätte man – wie tatsächlich geschehen – ebenfalls Extrazüge bereit gestellt, damit die Demonstranten nach Hamburg kommen und ihre Molotowcocktails in aller Ruhe im Gepäcknetz verstauen können?

Schlimm sind nicht nur diese linksextremen Gewalttäter, schlimm ist auch, dass sich manche unserer Politiker, oft linker Provenienz, so schwer tun, sie als das zu sehen und zu verfolgen, was sie sind: gewöhnliche Kriminelle, die ihren Testosteronspiegel nicht im Griff haben. Natürlich sind sie politisch: Es macht keinen Sinn, ihnen das abzusprechen, doch sie halten Gewalt für ein legitimes Mittel in der Politik, das macht sie zu klassischen Faschisten. Ob rechte oder linke Faschisten, ob Nazis oder Kommunisten: Wie hältst du es mit der Gewalt? Das ist die entscheidende Frage. Unter keinem Titel gehört Gewalt in die demokratische Politik, wo man alles sagen und denken, über alles debattieren und abstimmen soll, aber nie irgendetwas mit Gewalt durchsetzen darf. ?

Kein Gedanke, keine Meinung und kein Ziel ist edel genug, um das Blut anderer dafür zu vergiessen. Das ist der fundamentale Unterschied, den manche heute nicht mehr verstehen. Hamburg steht deshalb nicht für einen wachsenden «Widerstand» gegen die Globalisierung, was die linken Prügler gerne so sähen, sondern für den Niedergang des Rechtsstaates, der inzwischen so politisiert scheint, dass er die einen, die ihm nicht passen, verfolgt, wenn sie prügeln, wogegen er die andern, deren Gedankengut er mit einer gewissen Nostalgie und Verständnis betrachtet, kaum behelligt, wenn sie ebenfalls prügeln. Das eine gilt als Skandal und Gefahr, das andere als gut gemeint.

Das Welttheater

Wenn die Bilder der brennenden Autos von Hamburg die folgende Bemerkung vielleicht geschmacklos erscheinen lassen, so drängt sie sich dennoch auf: Es hatte auch etwas Lächerliches, wie diese selbst ernannten Kommunisten und Retter der Welt eine sich selbst eingesetzte Weltrettungsregierung zur Einkehr bewegen wollten. Es war grosses Theater zweier Truppen der Illusion. Was in aller Welt haben diese Politiker, wenn sie nicht gerade palaverten (und so weiter), denn beschlossen? «Beim G-20-Gipfel in Hamburg am 7. und 8. Juli koordinieren sich die RepräsentantInnen der 20 ökonomisch stärksten Mächte der Welt», schrieb der Zürcher Aufbau, eine linksextreme Organisation, im Vorfeld, als sie ihre Kindersoldaten nach Hamburg aufbot.

«Koordinieren»! Schon das Wort allein verrät, was es verschleiern soll: Wann immer «koordiniert» wird, geschieht rein gar nichts. Handeln, Beschliessen, Durchsetzen, Tun: Das sind die politischen Akte, die man allenfalls kritisieren oder bekämpfen kann, aber die Koordination? Die G20 sind eine undemokratische, eitle, überflüssige Veranstaltung, die den Steuerzahler und Bürger Millionen kostet, ohne dass er für sein Geld je etwas Sinnvolles oder Greifbares bekommt. Es ist ein Schloss Versailles für Staatsmänner und Staatsfrauen oder jene, die sich dafür halten. So gesehen ist aus Schweizer Perspektive nur eines richtig: Die G20 grossflächig zu ignorieren. Nicht hingehen, nie darüber reden, beschweigen. Dass unser Finanzminister Ueli Maurer (SVP) ebenfalls als Gast dorthin gefahren ist, um am Katzentisch zu sitzen, war ein schwerer Fehler.

Diese G20 gilt es wirklich abzuschaffen. Aber mit dem Stimm- oder Wahlzettel. (Basler Zeitung)

Erstellt: 15.07.2017, 03:00 Uhr

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