Wie die Mafia mit Hochgeschwindigkeitszügen Kasse macht

Seit Jahren protestierten Umweltaktivisten gegen den Bau der Hochgeschwindigkeitsstrecke Turin–Lyon. Mafia-Experte und Buchautor Roberto Saviano zeigt, welche weiteren Gefahren der Bau mit sich bringt.

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Anfang März gerieten sich italienische Umweltaktivisten und Ordnungshüter erneut in die Haare. Autobahnabschnitte wurden lahmgelegt, Bahnhöfe besetzt und Hauptstrassen in ganz Italien blockiert. Grund der landesweiten Proteste war – einmal mehr – der geplante Bau der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Turin und Lyon. Die umstrittene Strecke ist ein Teil des Hochgeschwindigkeitsnetzes TAV (Treno ad Alta Velocità), das sich durch ganz Italien erstreckt und dessen Bau bereits 1970 begonnen wurde (siehe Box).

Die Baugegner, Mitglieder des No-TAV-Komitees, wehren sich seit Jahren gegen den Ausbau der Bahnstrecke. Schon 2005 war es zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Umweltaktivisten und der Polizei gekommen. Rund 30'000 Menschen hatten sich an den Protesten beteiligt. Und im Juli letzten Jahres kam es im Susatal (Piemont), wo die Hochgeschwindigkeitsstrecke gebaut werden soll, erneut zu Gewalteskalationen: Rund 200 Menschen wurden verletzt.

Die Mafia ist das eigentliche Problem

Während die No-TAV-Aktivisten sich vor allem aus Umweltgründen gegen den Bau wehren, wies der italienische Mafia-Gegner und Autor Roberto Saviano («Gomorrha») in einem Artikel in der Tageszeitung «La Repubblica» auf ein ganz anderes Problem hin: die Mafia. Die kriminelle Organisation kontrolliere nämlich so gut wie alle grösseren Baustellen in Italien. «Alle sprechen von TAV, aber in erster Linie sollte man sich folgender Tatsache bewusst sein», schreibt Saviano, «in den letzten dreissig Jahren sind die Hochgeschwindigkeitszüge ein Instrument zur Verbreitung der Korruption und der organisierten Kriminalität geworden.» Eine Tatsache, die mehr wiege als alle Umwelt- und politisch motivierten Argumente. Saviano kritisiert, dass im Augenblick vor allem abgewogen werde, ob der Bau im Susatal vor allem ökonomische Vorteile oder ökologische Nachteile mit sich bringe. Dabei sei es viel wichtiger, sich abzusichern, dass die Baustelle nicht zur grössten Goldgrube der Mafia werde.

Dass die Mafia in Italien ihre Finger in etlichen Baufirmen hat, ist längst kein Geheimnis mehr. Und weil die Korruption von Politikern ebenfalls zur Tagesordnung gehört, sind Auftragserteilungen (unter anderem für Bauprojekte wie etwa Autobahnen, Überbauungen oder Zugstrecken) an mafiakontrollierte Firmen gang und gäbe. «Die Geschichte der Hochgeschwindigkeit in Italien ist eine Kapitalanhäufung von Bau- und Zementkartellen der Mafia. Die zuständigen Clans haben sich schon seit Jahren auf die Strecke Turin–Lyon vorbereitet», so Saviano.

Bestätigt wird diese These von der staatlichen Antimafia-Kommission (DNA): In ihrem vergangenen Jahresbericht (2011) rangierte die Region Piemont auf Platz drei der Verbreitung der kalabresischen Mafia. Die sogenannte 'Ndrangheta ist also nach Kalabrien und der Lombardei neuerdings im Piemont am einflussreichsten. Mit geschätzten 44 Milliarden Euro Jahresumsatz (Stand 2007) gilt die 'Ndrangheta als mächtigste Mafiaorganisation Europas.

Baustellen praktisch für die Sondermüllentsorgung

Die Mafia geht bei ihrer Infiltration offenbar sehr geschickt vor und präsentiert sich mit eigens für den Norden gegründete Bauunternehmen. So deckte vor einigen Jahren die Guardia di Finanza auf, dass die Mailänder Firma Edilcostruzioni an Santo Maviglia, einen Drogenhändler aus Kalabrien, gebunden war – seine Firma führte den von Edilcostruzioni angenommenen Auftrag (an der Hochgeschwindigkeitsstrecke Mailand–Turin) durch. Und in weiteren Ermittlungen flogen immer mehr Strohmänner auf, die im Dienst von mächtigen Mafiafamilien wie etwa der Papalia, Nicoscia, Arena oder Zagaria standen.

Nebst lukrativen Auftragsarbeiten haben die Grossbaustellen einen weiteren, nicht zu verachtenden Vorteil für die Mafia-Clans: Im Rahmen der Antimafia-Ermittlungen während des Baus der TAV-Strecke Mailand–Turin wurde tonnenweise illegal entsorgter Sondermüll in den Baugruben sichergestellt (ebenfalls ein Kerngeschäft der Mafia). Die neapolitanische Camorra besitzt das Monopol im Giftmüllhandel, seit über 30 Jahren entsorgen norditalienische Unternehmen ihre Gifte über die Camorra. Doch die illegale Entsorgung hat ihren Preis: Laut Schätzungen des italienischen Umweltschutzverbandes Legambiente verdient die Camorra damit jährlich rund 20 Milliarden Euro. Die Kontrolle der TAV-Baustellen ist für die Mafia laut Saviano ein doppeltes Business: «Sie bereichert sich, indem sie die Baustellen ausgräbt und danach wieder auffüllt.» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.03.2012, 12:04 Uhr

Kampf gegen die Mafia: Der italienische Autor Roberto Saviano veröffentlichte 2006 den dokumentarischen Roman «Gomorrha», worin er die wirtschaftskriminellen Machenschaften der neapolitanischen Camorra aufdeckt. Seither steht der 32-jährige Saviano permanent unter Personenschutz und lebt im Untergrund. Er arbeitet als Journalist für verschiedene italienische Medien.

Das TAV-Projekt

Italien und Frankreich bauen gemeinsam eine Bahnlinie für Superschnellzüge von Turin nach Lyon. Die geplante Strecke soll den europäischen Bahnkorridor von Lissabon nach Kiew schliessen. Kernstück der Strecke ist ein 57 km langer Basistunnel, der Italien mit Frankreich verbindet. Umweltschützer demonstrieren seit Bekanntgabe der Pläne gegen den Bau. Sie befürchten, dass das stark uran- und asbesthaltige Gestein im Fall eines Baus eine Bedrohung für die Bevölkerung darstellen könnte. Die Kosten für den Tunnelbau werden auf rund 8 Milliarden Euro geschätzt.

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