«Adolf Hitler verherrlichte den Islam»

Hunderttausende Muslime kämpften für das Dritte Reich. Ihre Motive waren vielfältig, erklärt der Historiker David Motadel.

Sein Judenhass war «schwer zu übertreffen»: Amin al-Husseini, der Grossmufti von Jerusalem, bei einem Auftritt vor bosnischen Freiwilligen der Waffen-SS im November 1943.

Sein Judenhass war «schwer zu übertreffen»: Amin al-Husseini, der Grossmufti von Jerusalem, bei einem Auftritt vor bosnischen Freiwilligen der Waffen-SS im November 1943. Bild: (c) Deutsches Bundesarchiv

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BaZ: Herr Motadel, in den Jahren 1941 und 1942, so schreiben Sie, habe das nationalsozialistische Deutschland damit begonnen, so etwas wie eine aktive Islampolitik zu betreiben. Was passierte da und warum?
David Motadel: Zu dieser Zeit begann die deutsche Führung, sich systematisch mit dem Islam zu beschäftigen. Ein Grund dafür war, dass deutsche Soldaten 1941 und 1942 in Gebieten einmarschierten, in denen grössere muslimische Bevölkerungsgruppen lebten – auf dem Balkan, in Nordafrika, im Kaukasus und auf der Krim. Ein weiterer Grund war die militärische Lage: Ende 1941 war klar, dass der Blitzkrieg gegen die Sowjetunion gescheitert war. Ab 1942, vor allem aber nach der Niederlage in Stalingrad 1943, bemühte man sich in Berlin aus strategischem Kalkül zunehmend um grössere Allianzen.

Anders als Deutschland hatten Frankreich und Grossbritannien Kolonien. So gesehen mussten Muslime den Nazis wie natürliche Verbündete erscheinen, getreu dem Motto «Der Feind meines Feindes ist mein Freund».
In der Tat begann das NS-Regime nun, eine antiimperialistische Politik zu betreiben. Sie unterstützten antikoloniale Nationalisten, darunter nicht nur Muslime, sondern beispielsweise auch nicht-muslimische Inder wie Subhash Chandra Bose oder irische Nationalisten wie Seán Russell. Die Islampolitik war Teil eines Versuchs, Verbündete zu gewinnen.

Einige führende Nazis scheinen vom Islam regelrecht begeistert gewesen zu sein: Heinrich Himmler sprach von einer «Heldenreligion», die «für Soldaten praktisch und sympathisch» sei. Da wird eine merkwürdige Mischung aus romantischen Ideen und Zynismus sichtbar. Was überwog?
Eindeutig der Zynismus. Aber da war schon auch ein tieferes Interesse: Hitler kam in seinen Tischgesprächen immer wieder auf den Islam zu sprechen, interessanterweise fast immer dann, wenn er über Religion im Allgemeinen sprach. Den Islam, den er als starke und aggressive Krieger-Religion verherrlichte, stellte er einem angeblich verweichlichten Katholizismus gegenüber. So gesehen diente ihm der Islam auch im Diskurs vor allem als Mittel zum Zweck.

Im kleinen Kreis schwärmte Hitler ja auch vom Wein und den Jungfrauen, die den Muslims für die Zeit nach dem Tod versprochen würden. Der Islam, so sagte er, könnte selbst ihn noch für die Religion begeistern. Beeinflussten solche Gefühle seine Politik?
Das glaube ich nicht. Der klarste Indikator dafür ist, dass die deutschen Bemühungen, Muslime als Verbündete zu gewinnen, wie gesagt erst relativ spät einsetzten. Aber die Tatsache, dass die NS-Elite eben nicht ideologisch islamfeindlich war, war schon eine notwendige Voraussetzung für diese Strategie. Hätte Hitler den Islam gehasst wie das Judentum, wäre diese Politik natürlich nicht möglich gewesen.

Aus welchen Quellen schöpfte Hitler sein Wissen über den Islam?
Das ist schwer zu sagen, denn er hinterliess keine Lektüreliste. Zum Teil war ich aber schon erstaunt, wie gut er sich auskannte. Selbst über die Frühgeschichte des Islam hielt er seiner Entourage Vorträge. Er verfügte sicher über ein solides Halbwissen.

Vielleicht prägte ihn ja Karl May.
Das würde ich nicht einmal ausschliessen. Hitler las May – und dieser prägte das Islambild ganzer Generationen. Gut möglich ist auch, dass Hitler von Friedrich Nietzsche beeinflusst war: Zum Teil kann man die entsprechenden Zitate nebeneinander stellen und erkennt dabei eklatante Überschneidungen.

Der Judenhass der Nazis war ja ein rassisch begründeter. Wie liess sich das mit einer Sympathie für die Araber vereinbaren, die von Rassetheoretikern ebenfalls als Semiten betrachtet wurden?
Das war in der Tat ein gewisses Problem. Die pragmatische Antwort des NS-Regimes darauf war, die Begriffe «Semit» und «Antisemitismus» 1941 kurzerhand abzuschaffen. Büros und Einrichtungen, deren Titel das Wort «antisemitisch» beinhalteten, wurden von nun an als «antijüdisch» bezeichnet. Dies wurde damit begründet, man wolle die Araber nicht beleidigen. Auch bei Muslimen vom Balkan und aus den Ostgebieten – also etwa aus dem Kaukasus und Zentralasien – ging man ähnlich pragmatisch vor.

Die Muslime vom Balkan waren ja ethnische Slawen.
Ja, doch betrachtete man sie nicht unbedingt als solche. In einer SS-Verordnung von 1943 hiess es dazu, sie seien «völkisch-rassisch gesehen» Teil der germanischen Welt, weltanschaulich aber der islamischen Welt zugehörig. In der Praxis vollzogen die deutschen Soldaten derartige Wendungen natürlich nicht immer nach. Sie waren ja über Jahre indoktriniert worden, sich als Übermenschen zu fühlen, und so kam es von deutscher Seite immer wieder zu Übergriffen auf Muslime. Wir dürfen nicht vergessen, dass die deutsche Untermenschen-Propaganda vor allem Bilder von Tataren und Turkvölkern genutzt hatte, um gegen den «asiatischen Sowjetmenschen» zu hetzen.

Heute ist Judenhass in der arabischen Welt weit verbreitet. Wie war das damals?
Das ist schwer zu sagen. Sicher gab es dort Judenhass, allerdings war dieser weniger weit verbreitet als heute, wo er sich natürlich vom israelisch-palästinensischen Konflikt nährt. Im britischen Mandatsgebiet Palästina führte die Einwanderung von Juden seit den Zwanzigerjahren zu Spannungen mit der arabischen Bevölkerung, die zum Teil auch mit judenfeindlicher Propaganda einhergingen.

Interessierte das die Araber ausserhalb Palästinas?
Man nahm den Konflikt schon wahr und mass ihm eine gewisse symbolische Bedeutung bei, das sehen wir, wenn wir uns die Presse der Zwischenkriegsjahre in Nordafrika und im weiteren Nahen Osten anschauen. Aber ob das zu einem weitverbreiteten Judenhass führte, ist fraglich. Sehr oft hingen die Beziehungen zwischen Muslimen und Juden von den jeweiligen lokalen Gegebenheiten ab, etwa in Marokko, Tunesien oder Ägypten, wo sie seit Jahrhunderten zusammenlebten.

Lässt sich der heutige Judenhass in der arabischen Welt auf die Propaganda der Nazis zurückführen?
Es gibt Historiker, die behaupten, der Antisemitismus, den wir heute in der arabischen Welt sehen, sei eine direkte Folge der NS-Propaganda, aber anhand von Quellen lässt sich dies nicht nachweisen. Was den israelisch-palästinensischen Konflikt angeht, greifen einige auf arabischer Seite auf Slogans aus der Nazi-Zeit zurück. In Europa nutzen Antisemiten häufig den Antizionismus, um ihren Antisemitismus zu verschleiern. In der arabischen Welt ist es häufig eher umgekehrt. Dort greifen Antizionisten häufig auf antisemitische Argumentationen zurück. Beide Entwicklungen sind natürlich zutiefst menschenverachtend.

Ein echter Antisemit war sicher Mohammed Amin al-Husseini, der Grossmufti von Jerusalem.
Daran besteht kein Zweifel. Al-Husseini wurde ja in seiner Rolle von den Briten aufgebaut, ehe er sich gegen deren Mandatsmacht und gegen die jüdische Einwanderung nach Palästina wandte. Er ging dann ins Exil; ab 1941 hielt er sich in Deutschland auf. Der Judenhass in seinen Reden war schwer zu übertreffen.

Die Alliierten, so schreiben Sie, seien in ihrer Islampolitik wesentlich erfolgreicher gewesen als die Deutschen, sowohl auf westlicher wie auch auf sowjetischer Seite. Warum?
Briten, Franzosen, aber auch Sowjets herrschten seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten über Gebiete mit grossen muslimischen Bevölkerungen. Sie verfügten also über grössere Möglichkeiten, Muslime zu mobilisieren. Es bestanden dort auch alte Patronageverhältnisse mit muslimischen Führern, die nun genutzt werden konnten. Ab 1941 verstärkten alle Kriegsparteien ihre Bemühungen, Muslime für sich zu gewinnen.

Für den sowjetischen Diktator Josef Stalin bedeutete dies aber, dass er seine Politik komplett ändern musste.
Ja, und das macht ihn vielleicht zum interessantesten Beispiel. 1927 hatte Stalin Religionsgesetze eingeführt, durch die der Islam brutal unterdrückt wurde. In der Sowjetunion herrschte damals eine allgemeine Religionsfeindlichkeit, doch nirgends fiel diese so harsch aus wie in muslimischen Gebieten. Parteikader besetzten Moscheen, hissten rote Fahnen auf den Minaretten und jagten Schweineherden durch die Gebetshallen. Josef Stalin wollte die Religiosität der Muslime zerschlagen, doch gerade dadurch wurde der Islam zum Symbol des Widerstands.

Die Obrigkeit verfolgte die Leute als Muslime, also definierten sie sich auch als solche.
Absolut, und den Antagonismus, der aus Stalins Islamfeindlichkeit entstand, machten sich die Deutschen nach ihrem Einmarsch zunutze. Darauf musste Stalin reagieren. 1941 änderte er seine Religionspolitik. Er ernannte nun islamische Geistliche, «rote Muftis», wie die deutsche Propaganda sie nannte, die zum Jihad gegen die Invasoren aufriefen.

Der Erfolg der deutschen Islampolitik blieb relativ begrenzt. Warum?
Allzu oft wurde die promuslimische deutsche Politik von der deutschen Kriegsführung und Besatzungspraxis überschattet. Auch basierte die Politik auf zu vielen Fehlvorstellungen von Muslimen und dem Islam. Hinzu kam, dass es Berlins Behauptungen, die Muslime zu beschützen, an Authentizität fehlte. Es war zu offensichtlich, dass das NS-Regime Muslime für ihre eigenen Zwecke einspannen wollte. Und schliesslich bemühten sich auch die Alliierten massiv um die Unterstützung von Muslimen. Ein weiterer Fehler war, dass man glaubte, die Muslime stellten einen einheitlichen Block dar. Das machte es oft unmöglich, auf lokale Gegebenheiten zu reagieren.

Die Motive, die Muslime in die deutsche Armee eintreten liessen, waren vielfältig, doch der Opportunismus dürfte überwogen haben.
Opportunismus war vor allem im Osten ausschlaggebend. Bereits im ersten Kriegswinter starben Hunderttausende sowjetische Kriegsgefangene in deutschen Lagern. Vielen schien da die deutsche Uniform die einzige Möglichkeit zu sein, um zu überleben. Auf dem Balkan gab es andere Motive. Dort hatten Muslime unter der Herrschaft der kroatischen Ustascha gelitten. Deren Führer Ante Pavelic erkannte den Islam zwar offiziell als Staatsreligion an, doch in der Praxis stand er einem klerikal-faschistischen Regime vor. Im Kampf gegen Titos Partisanen und gegen die serbischen Tschetniks setzte Pavelic oft muslimische Soldaten ein. Das führte dazu, dass sich die Muslime schliesslich von allen Seiten Angriffen ausgesetzt sahen. In dieser Situation betrachteten manche von ihnen die Deutschen als letzte Hoffnung.

Kann man sagen, dass die Deutschen bei ihren Bemühungen auf dem Balkan und im Kaukasus relativ erfolgreich waren, in Nordafrika dagegen weniger?
In Nordafrika hatten Muslime enorm unter dem Regime Mussolinis und jenem Vichy-Frankreichs gelitten, zwei Verbündeten Hitlers. Das machte es den Deutschen enorm schwer, dort Sympathien zu gewinnen. Auf dem Balkan waren sie sehr viel erfolgreicher, und am erfolgreichsten waren sie an der Ostfront – im Kaukasus und auf der Krim –, weil Muslime dort vor dem Krieg stark unter Stalins Herrschaft gelitten hatten.

In Ihrem Buch schlagen Sie den Bogen zum Kalten Krieg: Die Instrumentalisierung der Muslime und des Islam setzte sich nach 1945 fort.
Viele Muslime, die für das NS-Regime gearbeitet oder gekämpft hatten, blieben in Westdeutschland und wurden dort zum Teil von den Amerikanern angeworben. Einige agitierten weiter gegen die atheistische Sowjetunion, nun eben für die Westmächte. Westliche Grossmächte haben immer wieder versucht, den Islam zu instrumentalisieren, da war Nazi-Deutschland keine Ausnahme.

Lassen Sie uns zum Schluss einen Blick auf das ganz grosse Bild versuchen: Eine allgemeine Aussage, was das Verhalten von Muslimen im Krieg angeht, erscheint mir nach der Lektüre Ihres Buchs nicht möglich zu sein.
In der Tat, man kann hier genauso wenig ein pauschales Urteil fällen wie über Katholiken, Protestanten oder orthodoxe Christen. Überall reichten die Verhaltensweisen von der Kollaboration bis zum Widerstand, und dazwischen gab es zahlreiche Schattierungen. Der grosse Unterschied zwischen Muslimen und anderen Gruppen war der, dass die Deutschen um die Muslime warben. Das war natürlich in Ländern wie Polen, wo die Bevölkerung brutal geknechtet und die katholische Kirche unterdrückt wurde, ganz anders. Dort gab es für die Bevölkerung sehr viel weniger Anreize, zu kollaborieren.

David Motadel: «Für Prophet und Führer. Die islamische Welt und das Dritte Reich». Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2017, 568 Seiten, ca. Fr. 40.– (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.03.2018, 08:00 Uhr

David Motadel

Den Namen wird man sich merken müssen, lautet eine populäre Phrase, die immer dann zum Einsatz kommt, wenn irgendjemand irgendwo fulminant die öffentliche Bühne betritt. Im Fall von David Motadel trifft der Satz zu. Gerade einmal 36 Jahre alt ist der deutsche Historiker, doch bereits sein erstes grösseres Werk, das 2014 auf Englisch und im Herbst auf Deutsch erschien, hat ihn bekannt gemacht. «Herausragend» nannte Ian Kershaw, der grosse britische Hitler-Biograf, Motadels Studie über Nazis und Muslime. Der Brisanz des Themas ist sich Motadel, der an der London School of Economics lehrt, wohl bewusst. Um sich nicht angreifbar zu machen, habe er akribisch darauf geachtet, dass seine Recherchen wirklich «wasserdicht» seien, erklärt er im Gespräch. Das mag den gigantischen Anmerkungsapparat von fast 170 Seiten erklären. hjm

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