Chemnitz-Video: Seehofer stellt sich hinter Maassen

Beleg für Hetzjagden auf Ausländer: Das Video ist von zentraler Bedeutung für die Debatte über die fremdenfeindlichen Ausschreitungen.

Der deutsche Innenminister Horst Seehofer (rechts) hält trotz der massiven Kritik an Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maassen (links) fest. (12. September 2018) Bild: Fabrizio Bensch/Reuters

Der deutsche Innenminister Horst Seehofer (rechts) hält trotz der massiven Kritik an Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maassen (links) fest. (12. September 2018) Bild: Fabrizio Bensch/Reuters

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Der deutsche Innenminister Horst Seehofer stellt sich trotz der umstrittenen Aussagen von Hans-Georg Maassen zu den Ereignissen in Chemnitz hinter den Verfassungsschutzpräsidenten. Er sehe keinen Grund für Konsequenzen, sagte Seehofer am Mittwoch.

Seehofer sagte nach mehrstündigen Beratungen des Innenausschusses des Bundestages am Mittwochabend in Berlin, er sehe keinen Anlass für «personelle Konsequenzen». Maassen habe seine Sicht der Dinge sehr differenziert dargelegt.

Der Verfassungsschutzchef habe sein Bedauern darüber zum Ausdruck gebracht, dass seine Äusserungen in der Öffentlichkeit anders aufgefasst worden seien als von ihm beabsichtigt. Er begrüsse dieses Bedauern, fügte der Innenminister hinzu. Seehofer trat nach der Sitzung kurz gemeinsam mit Maassen vor die Medien.

Seehofer bescheinigte Maassen nach Angaben von Teilnehmern der Sitzung des Innenausschusses, dieser habe vollständig überzeugend argumentiert. Seehofer habe die Einlassungen des Verfassungsschutzchefs begrüsst und auch, dass dieser Bedauern über sein umstrittenes Interview in der «Bild»-Zeitung geäussert habe. Zudem habe sich Maassen klar gegen Rechtsextremismus geäussert.

Nicht ideal gelungen

Die Motivation für das Interview sei nachvollziehbar, aber die Botschaft nicht ideal gelungen, sagte Seehofer nach diesen Angaben weiter. Der Innenminister lobte die Arbeit Maassens als Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV). Maassen habe aus seiner Sicht auch menschlich überzeugend vorgetragen.

Die SPD forderte Innenminister Seehofer auf, über personelle Konsequenzen an der BfV-Spitze nachzudenken. Die SPD-Innenpolitikerin Eva Högl sagte am Rande einer Sondersitzung des Innenausschusses, ihre Partei habe «starke Zweifel», ob Maassen der richtige Mann für diesen verantwortungsvollen Posten sei. Es sei viel Vertrauen verloren gegangen. Man werde Seehofer für seine Entscheidung aber noch einige Tage Zeit lassen. Högl sagte, sie hätte sich von Maassen nach seinen umstrittenen Äusserungen über fremdenfeindliche Übergriffe in Chemnitz mehr Selbstkritik gewünscht.

Zweifel an Hetzjagden

Maassen hatte der «Bild»-Zeitung vergangene Woche gesagt: «Die Skepsis gegenüber den Medienberichten zu rechtsextremistischen Hetzjagden in Chemnitz werden von mir geteilt. Es liegen dem Verfassungsschutz keine belastbaren Informationen darüber vor, dass solche Hetzjagden stattgefunden haben.»

Zum Video, das eine bedrohliche Szene in Chemnitz zeigen soll, sagte er: «Es liegen keine Belege dafür vor, dass das im Internet kursierende Video zu diesem angeblichen Vorfall authentisch ist.» Weiter sagte Maassen: «Nach meiner vorsichtigen Bewertung sprechen gute Gründe dafür, dass es sich um eine gezielte Falschinformation handelt, um möglicherweise die Öffentlichkeit von dem Mord in Chemnitz abzulenken.»


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Das im Internet kursierende Video ist von zentraler Bedeutung für die Debatte über die fremdenfeindlichen Ausschreitungen von Chemnitz, denn es soll ein Beleg für Hetzjagden auf Ausländer sein.

«Nicht der Präsident des BfV, sondern der Urheber des Videos hat zu belegen, dass mit dem Video Hetzjagden in Chemnitz am 26. August 2018 dokumentiert werden», heisst es in der Stellungnahme, die Vorlage für die Befragung von Maassen im Parlamentarischen Kontrollgremium und im Innenausschuss ist.

Kritik an Medien

Maassen selbst kritisierte bei seinem Auftritt im Ausschuss nach Angaben von Teilnehmern heftig die Medien. Demnach sagte er am Mittwoch in Berlin, man solle «Hetzjagden nicht herbeischreiben». Er sprach von einer negativen Stimmung der Bürger gegenüber Medien und Journalisten und erklärte, Medien hätten den Titel des Videos mit dem Begriff «Menschenjagd» vom Twitter-Nutzer «Antifa Zeckenbiss» übernommen. Vom Echo auf seine Zitate sei er überrascht gewesen.

Mit seinen Zweifeln am Begriff «Hetzjagden» hatte Maassen Bundeskanzlerin Angela Merkel widersprochen, die das Wort gebraucht hatte. Innenminister Seehofer verlangte von Maassen eine schriftliche Stellungnahme. In diesem inzwischen eingereichten Bericht relativierte Maassen seine Äusserungen aus dem Interview.

(oli/sda)

Erstellt: 12.09.2018, 21:50 Uhr

Infobox

Nach den Ereignissen in Chemnitz hat die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel Ausschreitungen bei rechten Kundgebungen scharf verurteilt. Sie verstehe und teile die Empörung über den Tod eines Menschen, doch dies könne keine Entschuldigung für «menschenverachtende Demonstrationen» sein.

Es gebe weder eine Entschuldigung noch eine Begründung für «Hetze», «Naziparolen» und Übergriffe auf Menschen, «die anders aussehen». Merkel räumte mit Blick auf Chemnitz und andere Orte ein, es habe zuletzt mehrfach «schwere Straftaten» gegeben, bei denen die mutmasslichen Täter Asylsuchende waren. Das mache sie «betroffen».

Sie könne es verstehen, wenn es die Menschen aufwühle, dass in Chemnitz ein Ausreisepflichtiger unter den Tatverdächtigen sei, sagte Merkel. In diesem Bereich müssten «Missstände» behoben werden. Daran arbeite die Regierung «mit aller Entschiedenheit».

Alexander Gauland, Chef der rechtsnationalistischen Alternative für Deutschland (AfD), sagte, es habe in Chemnitz «keine Hetzjagden» gegeben. «So widerlich Hitlergrüsse sind: Das wirklich schlimme Ereignis in Chemnitz war die Bluttat dreier Asylbewerber.»

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