«... dann stellen Sie doch keine Fragen»

ORF-Journalist Armin Wolf hat Russlands Präsident Wladimir Putin ins Kreuzverhör genommen. Die wichtigsten Passagen aus dem denkwürdigen Interview.

Oft ausweichend, manchmal genervt: Wladimir Putin im Gespräch mit Armin Wolf. Video: AP/Tamedia

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Es war ein denkwürdiges Interview, das der bekannte ORF-Journalist Armin Wolf mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin vor dem Besuch in Wien geführt hat. Wolf brachte die angespannten Beziehungen des Westens mit Russland zur Sprache. Er stellte die richtigen Fragen und hakte immer wieder nach. Putin wich oft aus, gab sich bei einigen Themen ahnungslos, und er wirkte manchmal genervt.

«Wissen Sie, wenn Ihnen meine Antworten nicht gefallen, dann stellen Sie doch keine Fragen», sagte Putin. Oder auch: «Ich erkläre das jetzt. Haben Sie doch etwas Geduld.» Mehrmals forderte Russlands Staatschef den ORF-Interviewer auf, ihn ausreden zu lassen. «Hätten Sie mich ausreden lassen», so Putin, «würden Sie verstehen, worum es geht.»

Bestens bekannte Positionen

Im 50-minütigen Gespräch wies Putin alle Vorwürfe zurück. Ob es um die Krim-Annexion ging, die Kriege in der Ukraine und Syrien, den MH17-Abschuss oder die Wahleinmischungen in den USA und Europa: Putin referierte bestens bekannte Positionen der russischen Politik.

So bekräftigte er, dass eine Rückgabe der Krim an die Ukraine niemals infrage komme. Und er verteidigte die Rolle Russlands im Ukraine-Konflikt. In der Ukraine habe es einen «verfassungswidrigen, bewaffneten Staatsstreich und Machtergreifung» gegeben. Das «rechtmässig» auf der Krim stationierte Militär Russlands habe dort «unabhängige und freie Wahlen» ermöglicht.

Teilweise äusserte sich Putin spöttisch, so zum Beispiel, als es um den Oppositionspolitiker Alexei Nawalny ging. Putin nennt Nawalny nie mit Namen, im Interview bezeichnete er ihn als Clown. Bei einigen Themen war interessant, wie der russische Präsident antwortete. baz.ch/Newsnet hat Thesen aus den Fragen Wolfs formuliert und mit Passagen aus den Antworten Putins zusammengestellt:

Die russische Führung unterhält über die Partei Geeintes Russland in der EU gute Beziehungen zu nationalistischen und EU-kritischen Parteien wie FPÖ, Front National, Lega und AfD, weil diese die EU schwächen und spalten wollen.
Putin: Wir verfolgen nicht das Ziel, etwas oder jemanden in der EU zu spalten. Wir sind vielmehr daran interessiert, dass die EU geeint ist und floriert, weil die EU unser wichtigster Handels- und Wirtschaftspartner ist. Und je mehr Probleme es innerhalb der EU gibt, desto grösser sind die Risiken und Unsicherheiten für uns. Wir müssen im Gegenteil die Kooperation mit der EU ausbauen. Wir versuchen, mit jenen zu kooperieren, die selbst den Wunsch äussern, mit uns zusammenzuarbeiten.

Das Interview von Armin Wolf mit Wladimir Putin. Video: ORF

Die Internet Research Agency in St. Petersburg ist eine Troll-Fabrik, die mit Millionen Fake-Postings versucht, die öffentliche Debatte im Westen und nicht zuletzt auch Wahlen zu beeinflussen. Die Troll-Fabrik gehört einem Mann namens Jewgeni Prigoschin, den Putin sehr gut kennt. Prigoschin wird auch «Putins Koch» genannt, weil eine seiner Firmen Staatsgäste Russlands bewirtet.
Putin: Ich bitte Sie, zu unterscheiden zwischen der Regierung der Russischen Föderation, dem russischen Staat und russischen Bürgern oder juristischen Personen. Prigoschin ist im Gastgewerbe tätig, er besitzt Restaurants in St. Petersburg. (...) Denken Sie im Ernst, dass ein Restaurant-Betreiber, auch wenn er Möglichkeiten zum Hacken hat und eine Firma in diesem Bereich besitzt – ich weiss ja gar nicht, was er dort genau tut –, also dass dieser Mann wirklich Wahlen in den USA oder in irgendeinem europäischen Staat beeinflussen kann? (...) In den USA gibt es diesen Herrn Soros, der sich auf der ganzen Welt in alle möglichen Angelegenheiten einmischt. Mir sagen unsere amerikanischen Freunde oft, das sei eine Privatangelegenheit von Herrn Soros. Und bei uns ist das eine Privatangelegenheit von Herrn Prigoschin. (...) Fragen Sie ihn das selbst! Der russische Staat hat damit nichts zu tun.

2014 wurde über der Ostukraine ein Passagierflugzeug der Malaysia Airlines abgeschlossen. Für die MH17-Katastrophe wird Russland verantwortlich gemacht. Russland unterstützt die Separatisten mit Waffenlieferungen. Die Buk-Rakete, die das Flugzeug traf, kam von der 53. Flugabwehrbrigade der Russischen Föderation. Dies alles haben die Ermittlungen einer internationalen Kommission ergeben.
Putin: Beide Seiten des Konflikts – sowohl die ukrainische Armee, sogar die ukrainischen nationalistischen Bataillone, die niemandem unterstellt sind ausser ihren Anführern, als auch die Donbass-Milizen – verwenden Waffen, die in der Sowjetunion oder in Russland erzeugt wurden. Alle benützen Waffen aus russischer Produktion. Das ist das Erste. Zweitens werden zu den Ermittlungen keine russischen Experten zugelassen. Unsere Argumente werden nicht berücksichtigt. Aber die Ukraine, die ein Interesse an einem gewissen Ausgang der Untersuchungen hat, darf an den Ermittlungen teilnehmen. (...) Vor kurzem haben offizielle Vertreter Malaysias erklärt, dass sie keine Beteiligung Russlands an diesem schrecklichen Ereignis sehen, dass sie keine Beweise haben. Wenn wir wirklich verstehen wollen, wie dieses fürchterliche Ereignis passiert ist, müssen wir alle Argumente berücksichtigen, auch die russischen.

Putin ist seit 18 Jahren Präsident oder Premierminister Russlands. Kritiker sagen, dass Putin aus einem Land, das auf dem Weg zu einer Demokratie war, wieder ein autoritäres System gemacht hat. Putin regiert Russland wie ein Zar.
Putin: Nein, das entspricht nicht der Wahrheit, weil wir einen demokratischen Staat haben und uns innerhalb des Verfassungsrahmens befinden. (...) Die Beteiligung der letzten Wahlen lag bei fast 70 Prozent, das ist fast die Hälfte der Bevölkerung. Und es hat so gut wie keine ernsthaften Einwände der internationalen Wahlbeobachter gegeben. Daher gibt es keinerlei Zweifel an der Demokratie in Russland. Wir sind interessiert an einer demokratischen Entwicklung Russlands. (...) Meine neue Amtszeit als Präsident hat eben erst angefangen. Lassen Sie uns nichts überstürzen. Vieles wird davon abhängen, wie wir arbeiten – damit meine ich mich und mein Team. Ich habe nie die Verfassung unseres Landes verletzt und habe das auch nicht vor.

Es gibt Spekulationen über ein Referendum, damit Putin – wie kürzlich Xi Jinping in China – zum Präsidenten auf Lebenszeit ernannt werden kann.
Putin: Ich kommentiere nie Spekulationen. Das wäre eines russischen Präsidenten nicht würdig.

Das Putin-Interview im Wortlaut, veröffentlicht von der österreichischen Zeitung «Die Presse». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.06.2018, 16:16 Uhr

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