Das Ende des Reihenhausidylls

1968 hielt Enoch Powell eine Brandrede: Grossbritannien werde von Einwanderern überrannt, «Ströme von Blut» würden fliessen. Die Aufregung über seine Ansprache hat sich bis heute nicht gelegt.

«Jedes politische Leben endet mit einem Scheitern»: Enoch Powell 1987.

«Jedes politische Leben endet mit einem Scheitern»: Enoch Powell 1987. Bild: Allan Warren

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vor fünfzig Jahren versuchte sich Enoch Powell gleich zweimal als Prophet: «Dieses Wochenende werde ich eine Rede halten, die wie eine Rakete aufsteigen wird. Aber während alle anderen Raketen wieder auf die Erde fallen, wird diese oben bleiben», erklärte der 55 Jahre alte konservative Abgeordnete seinem Freund Clem Jones, dem Chefredaktor des Wolverhampton Express & Star.

Wenige Tage später, am Samstag, dem 20. April 1968, um halb drei Uhr nachmittags, liess Powell seiner Ankündigung im Saal eines schäbigen Birminghamer Hotels weitere Worte folgen. Bald schon werde der Tag kommen, an dem «der schwarze Mann dem weissen Mann mit der Peitsche droht», verkündete er. Wie Vergil, der römische Dichter, sehe er vor seinem inneren Auge «den Tiber vor Blut schäumen».

Anlass für Powells Rede war der Race Relations Act, ein geplantes Gesetz, durch das Harold Wilsons Labour-Regierung rassistische Diskriminierung etwa auf dem Wohnungsmarkt bekämpfen wollte. Powell berichtete von einer alten Frau in seinem Wahlkreis in Wolverhampton. Diese habe ihren Mann und ihre beiden Söhne im Krieg verloren, nun werde sie von aggressiven schwarzen Nachbarn schikaniert und aus ihrer Strasse hinausgeekelt.

Das englische Reihenhausidyll, es war nicht mehr, zumindest nicht in der Vorstellungswelt Enoch Powells.

Hatte er gelogen?

Nach seiner Rede war einiges anders als zuvor. Clem Jones, sein Freund aus Wolverhampton, wollte nichts mehr mit Powell zu tun haben: Er habe versucht, die Witwe ausfindig zu machen, von der Powell berichtet habe, sagte Jones. Es sei ihm nicht gelungen. Hatte Powell sie erfunden? Nicht einmal, wer Powell wohlgesonnen war, konnte über rassistische Passagen in seiner Ansprache hinweghören: Von «breit grinsenden pickaninnies» hatte er gesprochen und damit eines der übelsten Schimpfwörter für schwarze Kinder verwendet, das die englische Sprache kennt.

Die Times, damals noch mehr als heute das Blatt des Establishments, nannte Powells Rede «bösartig». Edward Heath, der konservative Oppositionsführer, warf seinen Parteikollegen aus dem Schattenkabinett. Ein Nachmittag hatte genügt, um Enoch Powell zur landesweit bekannten Figur zu machen – und sein politisches Leben, das noch bis 1987 andauern sollte, für immer auf ein Dasein als Hinterbänkler zu beschränken. Dabei war er wahrscheinlich der brillanteste Mann im Parlament: Powell, der Sohn eines Lehrerpaars aus Birmingham, hatte in Cambridge Klassische Philologie studiert. Im Alter von 25 Jahren wurde er Professor für Altgriechisch an der University of Sydney, einer der prestigeträchtigsten Hochschulen Australiens. Dass Friedrich Nietzsche, eines von Powells intellektuellen Vorbildern, bei seiner Berufung nach Basel ein paar Monate jünger gewesen war, soll den äusserst ehrgeizigen Briten geärgert haben.

Die akademische Welt war Powell nicht genug. 1943 liess er sich als Beamter nach Indien versetzen, wo er Hindi und Urdu lernte. Sein Ziel war es, Vizekönig zu werden, Herr über die britische Kolonialverwaltung auf dem Subkontinent. Dass Indien in die Unabhängigkeit entlassen wurde, scheint er als schweren Schicksalsschlag empfunden zu haben. Am 20. Februar 1947 gab Premierminister Clement Attlee die entsprechende Entscheidung bekannt. In der darauffolgenden Nacht soll Powell ziellos durch London geirrt sein, so aufgewühlt von den Ereignissen, dass er keinen Schlaf finden konnte. Grossbritannien hörte auf, ein Imperium zu sein, und musste eine neue Rolle finden.

Attlees Labour-Regierung reagierte darauf, indem sie versuchte, ihr Land zum Vorbild für die ganze Welt zu machen. Der Ausbau des Sozialstaats war Teil dieser Politik – und der Versuch, eine friedliche, offene und multikulturelle Gesellschaft zu schaffen. Gegenüber Bürgern der früheren Kolonien galt von 1948 bis 1969 eine «Politik der offenen Tür». Enoch Powell hielt dies für ebenso naiv wie gefährlich. Die ethnische Zugehörigkeit eines Menschen, so glaubte er, sei prägender als jedes Bürgerrecht.

Die Mehrheit stand hinter ihm

Eine halbe Million Zuwanderer betraten Grossbritannien durch die «offene Tür». Das waren deutlich mehr, als die Regierung Attlee erwartet hatte. Ende der Sechzigerjahre wanderten jedes Jahr etwa 50.000 Asiaten ein, die meisten im Rahmen des Familiennachzugs. Einer Mehrheit der Briten war dies zu viel, darauf deuten zumindest die Reaktionen auf Powells Rede hin: Gemäss Umfragen gaben ihm über 70 Prozent seiner Landsleute recht.

In London gingen Hafenarbeiter für Powell auf die Strasse; mehrere Zehntausend Briefe erreichten den Politiker, die meisten davon zustimmend. Das Land befand sich wenn nicht in Angst, so doch in Sorge: Zwei Wochen vor Powells Auftritt in Birmingham war in Amerika der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King ermordet worden. Die Bilder von den Rassenunruhen, die darauf folgten, flimmerten auch über britische Fernsehschirme. Furcht herrschte aber nicht nur in der weissen Mehrheitsgesellschaft: Einen Tag nach Powells Rede sei er auf der Strasse angespuckt worden, erzählte Paul Boateng, der 2002 als erster Schwarzer Mitglied einer britischen Regierung werden sollte, 1997 Powells Biograf Robert Shepherd. Die Generation seiner Eltern habe sich damals davor gefürchtet, in die Länder ihrer Vorfahren zurückgeschickt zu werden.

Dieser Tage streitet Grossbritannien noch einmal über Powells Rede. Heute soll sie von einem Schauspieler im vierten Hörfunkprogramm der BBC verlesen werden, versehen mit einem historisch-kritischen Kommentar. Einige stört das, so als mache sich, wer einen Text öffentlich zugänglich macht, automatisch auch dessen Inhalt zu eigen.

Die heikle Frage, die viele nun stellen, ist natürlich, ob Powell nicht in manchen Punkten recht hatte. Zumindest was das weitere Wachstum des nicht-weissen Bevölkerungsanteils betrifft, lag er richtig: 1968 lebten etwa eine Million Schwarze und Asiaten im Land, das waren zwei Prozent der Bevölkerung. Heute sind es acht Millionen, was einem Anteil von 13 Prozent entspricht.

Ein verengter Blick

Doch sind die Folgen dieses Anstiegs wirklich so problematisch, wie Powell glaubte? Die massiven Rassenunruhen, die er vorhersagte, blieben aus. Powell störte sich auch an Sikhs aus dem Punjab, doch welchem Briten fällt diese Minderheit heute überhaupt noch auf? Das Problem des militanten Islamismus wiederum, der heute tatsächlich eine Gefahr darstellt, übersah Powell in seiner Fixierung auf ethnische Kriterien.

Womöglich hatte seine Brandrede genau den gegenteiligen Effekt, den er beabsichtigt hatte: Sie erstickte jede rationale Diskussion über Einwanderung. Jeder Hinweis auf Probleme bei der Integration von Zuwanderern konnte von nun an mit Verweis auf Powell als Rassismus abgetan werden. Die Debatte hatte sich damit ins Reich der Moral verschoben. Da sich Powells schrillste Prophezeiungen nicht erfüllten, konnte man zudem behaupten, es sei doch alles in bester Ordnung. Vielleicht führt eine direkte Linie von Powells Ansprache zu Skandalen wie dem von Rotherham, wo die Behörden über Jahre hinweg Kindesmissbrauch durch Muslime südasiatischer Abstammung ignorierten, um ja nicht als rassistisch zu gelten.

Enoch Powell starb im Februar 1998 85-jährig. Ausser den «Strömen von Blut», die er erwartete, bleibt noch ein Satz von ihm im kollektiven Gedächtnis. Er entstammt seiner Biografie des liberalen Staatsmanns Joseph Chamberlain (1977): «Jedes politische Leben», so Powell, «endet mit einem Scheitern, es sei denn, es wird inmitten einer glücklichen Periode unterbrochen. Das ist die Natur der Politik und aller menschlichen Angelegenheiten.»

(Basler Zeitung)

Erstellt: 14.04.2018, 10:27 Uhr

Artikel zum Thema

Bengalische Feuer

Im Londoner Bezirk Tower Hamlets wird die Kommunalpolitik von Islamisten mitbestimmt. Verständigung zwischen ihnen und dem Rest der Gesellschaft findet kaum statt. Mehr...

Wegschauen bis zum Gehtnichtmehr

Analyse Kinderschänderringe schockieren Grossbritannien. Bei den Tätern handelt es sich grossteils um Muslime südasiatischer Abstammung. Die Systematik der Taten sowie Aussagen der Täter deuten auf rassistische Motive hin. Mehr...

Verkrampfte Debatten um den Islam

Analyse Grossbritannien diskutiert über den Umgang mit Muslimen. Einige tun sich mit Religionskritik nach wie vor schwer. Labour-Chef Jeremy Corbyn hat jüngst eine Islamkritikerin aus seinem Schattenkabinett gedrängt. Mehr...

Kommentare

Blogs

Wettermacher Luzern, der «Schüttstein» der Schweiz?

Die Welt in Bildern

Rechtzeitig wenden: Sorgfältig dreht ein Schwan eines der Eier in seinem Nest am Aareufer um. (23.April 2018)
(Bild: Leserbild: Otto Lüscher) Mehr...