Der beschmutzte Saubermann

Wie sich Peter Pilz, ein österreichischer Politiker, durch eine Sexaffäre windet.

Geküsst, betatscht, geflirtet: Peter Pilz ist im Begriff, demontiert zu werden – auf politische Arbeit will er aber nicht verzichten.

Geküsst, betatscht, geflirtet: Peter Pilz ist im Begriff, demontiert zu werden – auf politische Arbeit will er aber nicht verzichten. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Jetzt musste er doch als Parlamentarier zurücktreten, nur wenige Wochen nach seinem Triumph bei den österreichischen Parlamentswahlen. Peter Pilz (63), der ehemals grüne Politiker, Korruptions-Jäger und Gründer der Liste Pilz. Zu massiv und zu zahlreich waren die erhobenen Vorwürfe, Pilz habe über Jahre immer wieder Frauen sexuell bedrängt und belästigt.

Zuerst erschien die Anklage zweifelhaft. Da handelte es sich um Vorwürfe einer ehemaligen Mitarbeiterin, die allerdings selbst öffentlich nichts dazu sagen wollte. 2015 hatte die Frau eine Beschwerde bei der Gleichbehandlungsanwaltschaft (eine staatliche Einrichtung zum Schutz vor Diskriminierung) eingebracht. Die Unterlagen schildern rund 40 Vorfälle, die von despektierlicher Anrede bis zu körperlichen Annäherungsversuchen reichen.

Ein «Arbeitskonflikt»

Pilz behauptete, an all dem sei nichts dran, vielmehr handele es sich um eine Intrige, losgetreten von Mitgliedern der Grünen Partei. Deren Motiv, so Pilz, sei Rache dafür, dass er die Partei verlassen hat, bei den Wahlen gegen sie angetreten ist und so dazu beigetragen hat, dass sie den Einzug ins Parlament nicht wieder schaffte. Diese Aussage bestreiten die Grünen streng. Es soll etliche Gespräche zwischen der damaligen Fraktionschefin Eva Glawischnig, der Mitarbeiterin und Pilz stattgefunden haben. Pilz sei detailliert damit konfrontiert worden. Allerdings nicht schriftlich, weil die Betroffenen dem nicht zugestimmt hätten.

Dennoch hielt Pilz fest: «Es handelt sich im weitesten Sinn um einen Arbeitskonflikt.» Die Frau sei ehrgeizig gewesen und habe eine Beförderung verlangt. Plötzlich hätten die Belästigungsvorwürfe angefangen.

Die Glaubwürdigkeit von Pilz wurde jedoch durch einen weiteren Vorwurf erschüttert. Pilz, so bezeugten mehrere Personen, habe 2013 eine Frau «überall» und hemmungslos «begrapscht» – an einem Abend nach einer Veranstaltung in Alpbach. Er sei betrunken gewesen und habe sich nicht beherrschen können. Wieder konterte Pilz, die Behauptungen kämen von politischen Gegnern. Allerdings musste er einräumen, den Verlauf des Abends rekonstruieren zu müssen.

Noch am Montag hatte Pilz alle Vorwürfe bestritten und behauptet, er habe noch nie in seinem Leben eine Frau sexuell belästigt. Freilich schränkte er sogleich ein, er könne sich jedenfalls nicht erinnern. «Ich kann dazu nichts mehr sagen. Es tut mir leid. Aber wenn es Zeugen dafür gibt, werde ich zurücktreten.» Die strengen Massstäbe, die er für andere setze, müssten auch für ihn gelten. «In solchen Situationen muss man auch als Mann etwas lernen», sagte Pilz. Er sei dafür, dass Männer in Machtpositionen darüber nachdenken, wie ihr Verhalten bei anderen ankomme.

Deswegen gab er bekannt: Er werde sein Mandat im Nationalrat nicht antreten.

Sein Rücktritt solle allerdings nicht als Schuldgeständnis zu verstehen sein. Und kaum hatte er den Mandatsverzicht erklärt, nahm er ihn wieder zurück und bekräftigte: «Ich ziehe mich nicht aus der Politik zurück, mit Sicherheit nicht!» Pilz war angeschlagen, wollte sich letztlich aber nicht von der Macht verabschieden. Bis es für ihn noch schlimmer kam.

Bei der Presse meldeten sich mehr und mehr Frauen, die von sexueller Belästigung berichteten. Ihre Aussagen gingen so weit, das sie erklärten, dies sei immer wieder passiert, besonders wenn Pilz getrunken habe – und das scheint demnach ein weiteres Problem des Politikers: Alkoholexzesse.

«Viele kennen seine Schwäche»

Die Vorwürfe stammen aus verschiedenen Jahren und stehen im Zusammenhang mit Pilz’ politischer Funktion. Mehrere Frauen – darunter eine grüne Delegierte, eine Lokalpolitikerin und eine Frau, die ihn als junge Aktivistin auf einer Feier kennengelernt hat – berichten von ihren unangenehmen Erfahrungen. Pilz soll sie gegen ihren Willen geküsst oder betatscht und mit ihnen geflirtet haben.

Eine junge Frau, die österreichischen Medien ihre Erfahrung mit dem übergriffigem Verhalten von Pilz schilderte, konnte mit den unangemessen Annäherungsversuchen von Pilz anscheinend ganz gut umgehen. Sie hat ihn weggeschoben. Grundsätzlich wäre es aber gut, wenn ein 60-jähriger Mann seine erotische Wirkung auf Frauen realistisch einschätzen könnte, betonte sie. «Viele Frauen kennen seine Schwäche, wenn er getrunken hat – und ich kenne sie auch.» Die Opferolle, in der sich Pilz derzeit begebe, sei lächerlich.

Rücktritt aus dem Nationalrat

Pilz konnte nun seine Verteidigungs-position nicht mehr halten. Er erklärte definitiv seinen Rücktritt: «Ich bin schon weg.» Er entschuldigte sich via Facebook, meinte, er wolle nun mit seiner Frau aufarbeiten, was passiert sei. Auf politische Arbeit, kündigte er an, werde er jedoch nicht verzichten. Denn politisch habe er nichts falsch gemacht. Pilz hat also vor, wieder den politischen Saubermann zu geben, obwohl er selbst nun kräftig beschmiert dasteht. Er ist der Lüge bezichtigt und als einer, der noch immer nicht richtig wahrhaben will, wie verwerflich und ungehörig sein persönliches Verhalten gewesen ist.

Als Pilz im Juli seine «Liste Pilz» gründete, wollte er eine politische Alternative zu den «rechten Populisten» aufbauen. Die Rechten reüssierten so sehr, weil die liberalen Parteien – auch die Grünen – die Sorgen der Bürger links liegen liessen, sagte Pilz. Er selbst ist bekannt für sein beharrliches Angehen gegen Korruption in der Politik und bekam grosse Aufmerksamkeit als Aufdecker der Lucona-Affäre (Versicherungsbetrug) und des Noricum-Skandals (illegale Waffenexporte). Auf sein öffentlichkeitswirksames Drängen hin hat das österreichische Parlament, der Nationalrat, eine Reihe von Untersuchungsausschüssen eingesetzt – oft gegen Widerstand von Regierungsparteien.

Der Alleingang war erfolgreich. Am 15. Oktober sicherte sich Pilz einen Anteil von 4,37 Prozent der Stimmen. Er sollte mit acht Abgeordneten in den Nationalrat einziehen. Die Grünen hingegen erlitten massive Verluste (minus acht Prozent) und wurden aus dem Parlament katapultiert. Wie es nun mit der Liste Pilz weitergeht, ist offen. Lange konnte Pilz seinen Wahltriumph über die Grünen jedenfalls nicht auskosten.

Mittlerweile wird der Politiker öffentlich demontiert. Die Causa hat die sozialen Medien erreicht. Nur ein Zitat auf Twitter – ein Mann schreibt: «Ich war persönlich Zeuge einer sexuellen Belästigung von Peter Pilz – grässlicher Typ!» (Basler Zeitung)

Erstellt: 10.11.2017, 07:22 Uhr

Artikel zum Thema

Der neue Puritanismus

Kommentar Der Mann als Sexmonster und andere Ausgeburten der Political Correctness. Mehr...

«Prangere dein Schwein an»

Der Weinstein-Skandal erreicht Frankreich. Mittendrin: Tariq Ramadan. Mehr...

Das Weinstein-Syndrom

Kommentar Sollen sich Frauen und Männer dereinst als Gleichberechtigte begegnen, muss unsere Gesellschaft fundamental neu gedacht werden. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Hauslieferung: Der Weihnachtsbaum wird direkt zur First Lady Melania Trump und ihrem Sohn Barron Trump ins Weisse Haus geliefert. (20.November 2017)
(Bild: Carlos Barria) Mehr...