Der britische Traum

Kemi Badenochs Beförderung zeigt: Eine weisse Partei sind die britischen Konservativen längst nicht mehr. Manche verwirrt das.

Wer glaubt denn so etwas? Kemi Badenoch bewundert Margaret Thatcher.

Wer glaubt denn so etwas? Kemi Badenoch bewundert Margaret Thatcher.

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Reden können Karrieren einen Schub verleihen – oder deren langsames Ende ankündigen. Als die britische Premierministerin Theresa May, 61, vergangenen Oktober auf dem Tory-Parteitag in Manchester auftrat, liess sie sich von Kemi Badenoch einführen, einer 37-jährigen Abgeordneten, die erst vier Monate vorher ins Parlament gewählt worden war. Es war, als stünden Zukunft und Vergangenheit der Partei nacheinander auf der Bühne: Während bei Mays ohnehin wenig inspirierter Rede auch noch ein Störer auftrat, ein Hustenanfall die Premierministerin schüttelte und schliesslich Buchstaben von der Wand purzelten, lief bei Badenoch alles so perfekt ab, wie man es von amerikanischen Conventions kennt.

Von ihrer Kindheit in Afrika erzählte die Abgeordnete, von ihrer Schulzeit in London, in der die Lehrerinnen ihr gesagt hätten, eine wie sie müsse sich gar nicht erst an einer renommierten Universität bewerben – und von ihrer Studienzeit an der University of Sussex. In Lagos, Nigeria, hätten die Buben sie ausgelacht, als sie erzählt habe, sie wolle Politikerin werden. Ein Mädchen! Ihre Antwort habe nur aus zwei Worten bestanden. Die geistig Wachen unter den Zuhörern ahnten bereits, worauf die Pointe hinauslief: Natürlich lauteten die Worte «Margaret» und «Thatcher».

Sie waren noch nicht ausgesprochen, als die Korrespondentin der spanischen Nachrichtenagentur EFE auch schon von ihrem Laptop aufblickte, in dessen Tastatur sie bisher emsig Fakten, Fakten, Fakten gehämmert hatte und theatralisch die Augen verdrehte. Eine verknöcherte englische Konservative als Vorbild für junge Afrikanerinnen, wer glaubt denn so etwas, schien die Spanierin sagen zu wollen. Damit konnte man ihr nicht kommen! Und ihre Kollegen sollten das auch wissen. Dann senkte sie wieder den Blick.

Alte und neue Tory-Partei

Die Wirkung auf die Delegierten war naturgemäss eine ganz andere: Mit ihrem Verweis auf Thatcher hatte Badenoch den letzten Skeptiker überzeugt. Die Brücke zwischen alter und neuer Tory-Partei war geschlagen, die Zuhörer begeistert.

Drei Monate später ist Theresa May immer noch im Amt, aber nur, weil ihre Parteikollegen befürchten, das ganze Haus könnte einstürzen, wenn sie einen Stein herauslösen. Kemi Badenoch hat derweil eine weitere Sprosse auf der Karriereleiter erklommen: Am Montag hat May sie zu einer der stellvertretenden Vorsitzenden ihrer Partei ernannt. Badenoch leitet nun die Kommission, die sich um die Vorauswahl der Kandidaten für künftige Parlamentswahlen kümmert. Dort, so Mays unausgesprochene Hoffnung, soll sie ihresgleichen nachziehen und die Tories so für Wähler attraktiv machen, die bisher eher Labour zuneigten.

Eine weisse Partei sind die Konservativen längst nicht mehr. Dabei sind auffällig viele asiatisch- und afrikanischstämmige Tories, darunter auch Kemi Badenoch, überzeugte Brexit-Befürworter. Mit Europa verbindet sie wenig. Grossbritannien aber ist ihnen ein kleines Amerika: eine multiethnische Gesellschaft, von der sie aus eigener Erfahrung wissen, dass Leistungsbereitschaft in ihr belohnt wird. (Basler Zeitung)

Erstellt: 10.01.2018, 11:15 Uhr

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