Der Fluch von «Gomorra»

Im gleichnamigen Film und in der TV-Serie regiert die Mafia. Mehrere Darsteller drehen aber auch im realen Leben krumme Dinger.

Fiktion und Realität kommen sich hinter den Kulissen gefährlich nah: Ausschnitt des Covers zur zweiten Staffel der Serie «Gomorra» (Cattleya, Sky Italia)

Fiktion und Realität kommen sich hinter den Kulissen gefährlich nah: Ausschnitt des Covers zur zweiten Staffel der Serie «Gomorra» (Cattleya, Sky Italia)

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Es war eine Szene, wie sie alltäglich ist im Stadtteil Scampia, dieser urbanistischen Heimsuchung aus Wohnsilos, Hochhäusern, Ausfallstrassen und brachliegenden Flächen an der nördlichen Peripherie von Neapel: Auf einem Platz verkaufen zwei Männer Heroin und Kokain, während ein dritter die Umgebung im Auge behält und die herbeieilenden Süchtigen auffordert, sich unauffällig zu verhalten.

Offensichtlich passt er zu wenig gut auf, denn plötzlich sind die Dealer von Polizisten umringt. Laut italienischen Medien tragen sie 122 verkaufsfertige Portionen Heroin, 25 Rationen Kokain und 370 Euro auf sich. Nun sitzen sie im Gefängnis Poggioreale. Die Ermittler verdächtigen sie, einem lokalen Camorra-Clan anzugehören.

Der Vorfall wäre nicht mehr wert als eine Kurznachricht, handelte es sich beim verhafteten Aufpasser nicht um Salvatore Russo. Vor zehn Jahren trat er im Film «Gomorra» auf, nach dem Roman des neapolitanischen Schriftstellers und Journalisten Roberto Saviano, der auch die gleichnamige TV-Serie inspiriert hat. Russo spielte damals einen Mafioso, der jene, die dem Clan beitreten wollen, einer Mutprobe unterwirft: Er lässt sie eine schusssichere Weste anziehen und schiesst auf sie.

Die Mutprobe mit Salvatore Russo. Video: IFC Films

«Der Fluch des Films Gomorra», schrieb die italienische Zeitung «La Repubblica» nach Russos Verhaftung. Er sei bereits der siebte Darsteller, in dessen Leben die Grenze zwischen Fiktion und Realität unscharf geworden ist, nachdem das Werk 2008 in die Kinos gekommen war; im deutschen Sprachraum unter dem Titel «Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra».

Schauspieler hinter Gittern

Der in Cannes mit dem Grossen Preis der Jury ausgezeichnete Film spielt in eben jenem Stadtteil Scampia, in dem Russo nun verhaftet wurde. Sein Regisseur Matteo Garrone hatte viele Neben- und Statistenrollen mit Bewohnern des Viertels besetzt. Einige hatten in Laientheatern gespielt, andere besassen keinerlei schauspielerische Erfahrung und stellten mehr oder weniger sich selbst dar.

Doch der Ruhm von damals ist nicht mehr als eine ferne Erinnerung, die Hoffnungen auf eine Karriere sind zerschlagen, die Honorare aufgezehrt, und längst hat Scampia seine graue Herrschaft über den Alltag wieder ergriffen. «Vom grellen Scheinwerferlicht ins trübe Neonleuchten einer Zelle», schreibt die Zeitung «Il fatto quotidiano».

  • Giovanni Venosa, der in Garrones Film einen Mafiaboss darstellte, wurde 2012 zu fast 14 Jahren Gefängnis verurteilt, weil er Schutzgelder erpresst hatte. Die Justiz geht davon aus, dass er dem berüchtigten Casalesi-Clan angehört, genauso wie sein Onkel Luigi Venosa alias «der Kutscher».
  • Bernardo Terracciano, der in «Gomorra» ebenfalls einen Capo spielte, hatte mehr als fünfzehn Jahre zuvor einen Vater und dessen Sohn erschossen. 2016 erhielt er dafür lebenslänglich.
  • Ciro Petrone, auf der Leinwand «Pisellino», vermochte zumindest einen Abglanz seines Ruhmes zu bewahren, indem er nach Drehschluss an mehreren Realityshows teilnahm. Er hat sich zwar nicht strafbar gemacht, doch griff ihn die Polizei 2009 in Neapel an einem von zwei Mafiafamilien organisierten Hochzeitsfest auf.

Das Ineinanderfliessen von Fiktion und Realität provozierte während der Dreharbeiten Gerüchte, wonach die Produktionsfirma die reale Camorra dafür bezahlt hatte, um an Originalschauplätzen drehen zu dürfen. Regisseur Garrone hat dies stets bestritten, doch ist es undenkbar, dass er sein Werk ohne das stillschweigende Einverständnis des organisierten Verbrechens realisieren konnte.

Die Produktionsfirma soll Schmiergelder für das Benutzen von Requisiten bezahlt haben.

In einem Dokument der Carabinieri heisst es: «Um die Szenen in Scampia zu drehen, musste der Regisseur Matteo Garrone die Einwilligung des Clans einholen, der für jenes Territorium zuständig ist.» 2012 zitierte die Zeitung «Il Giornale» einen Mitarbeiter am Filmset mit den Worten: «Alle, die ich während der Dreharbeiten getroffen hatte, waren Freunde oder Verwandte von Camorra-Mitgliedern.»

Casting bestanden – Schule abgebrochen

Der Gomorra-Fluch hat sich nun auch über die weltbekannte TV-Serie gelegt, deren mittlerweile drei Staffeln seit 2014 ausgestrahlt werden. Der 15-jährige Vincenzo Esposito lebte bei seiner Grossmutter, weil seine beiden Eltern im Gefängnis sassen. Nachdem er an einem Casting für die TV-Serie teilgenommen und eine Rolle erhalten hatte, brach er die Schule ab. Die Parallelen zur von ihm verkörperten Filmfigur Danielino sind offensichtlich, gibt dieser doch seinen Beruf auf, um sich der Camorra anzuschliessen. Im wirklichen Leben kam Esposito 2014 in eine Erziehungsanstalt, weil er im Streit einen Rivalen niedergestochen hatte.

Trailer zur ersten Staffel. Video: Youtube

Susy Di Benedetto indessen spielte eine junge Frau, die einen Kleiderladen erbt, nachdem die Camorra ihren zahlungsunwilligen Vater umgebracht hatte. Die Gattin des Bosses hält aus Mitleid und Sympathie ihre schützende Hand über die Waise. Doch die Killer einer verfeindeten Gruppe erschiessen sie, während sie in einem Hochzeitskleid, das sie gerade anprobierte, zu fliehen versucht. Damit war Di Benedettos Rolle in der Fernsehserie beendet. Kurze Zeit später wurde sie unter der Anklage verhaftet, einer professionellen Diebesbande anzugehören. Verraten hatten sie unter anderem ihre Tätowierungen, die eine Kamera bei einem Überfall gefilmt hatte.

Susy Di Benedetto wurde als mutmassliche Diebin verhaftet. Foto: PD

Cattleya, die Produktionsfirma der TV-Serie, steht unter einem ähnlichen Verdacht wie vor zehn Jahren die Hersteller des Films: Sie soll der Camorra Schmiergelder für das Benutzen von Requisiten bezahlt haben. Ausserdem habe zu Drehbeginn eine Firma die Mahlzeiten ans Filmset geliefert, die der Gattin eines Mafiabosses gehöre. Cattleya dementiert.

Heftig umstritten ist in Italien auch ein Vorwurf, den Richter und Staatsanwälte erheben: Gomorra verharmlose, ja verherrliche das organisierte Verbrechen. Unstrittig ist angesichts des überwältigenden Erfolgs der Serie hingegen, wie sehr sich das Publikum vom Bösen faszinieren lässt – und die Tatsache, dass zumindest für einen Teil der Schauspieler dieses Böse ganz alltäglich und real ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.03.2018, 16:28 Uhr

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