Der Mann hinter Beppe Grillo

Marco Morosini aus Zürich war mit seinen Ideen Mitgründer der italienischen Protestbewegung 5 Stelle – heute kritisiert er sie.

Auf der Suche nach der Wahrheit und Gerechtigkeit. Marco Morosini (links) und Beppe Grillo am Strand vor der Villa des Komikers in Bibbona.

Auf der Suche nach der Wahrheit und Gerechtigkeit. Marco Morosini (links) und Beppe Grillo am Strand vor der Villa des Komikers in Bibbona. Bild: Maurizio Maltoni/Oliviero Toscani

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In St. Antönien im Kanton Graubünden zeigt das Thermometer an diesem Mittwochmorgen Ende Februar minus 20 Grad. Draussen scheint die Sonne, die Schneebedingungen sind optimal. Marco Morosini sitzt in einem Zimmer im Hotel Rhätia. Seit Tagen schon. Er trägt einen Dreitagebart, sein grau meliertes Haar ist zerzaust. Während er sich mit der Basler Zeitung via Skype unterhält, zeigt er aus dem Fenster auf die glitzernde Schneelandschaft und sagt: «Meine Partnerin ist jetzt auf einer Skitour.» Er lacht müde.

Marco Morosini hat sich in die Berge zurückgezogen, um zu schreiben. Eine kritische Analyse über den Movimento 5 Stelle (M5S), die italienische Protestbewegung um den Starkomiker Beppe Grillo. Sie hat sehr gute Chancen, morgen die Parlamentswahlen in Italien zu gewinnen. Morosinis Artikel ist diese Woche bereits in der katholischen Zeitung Avvenire sowie online in der Zeitschrift Micromega erschienen – das Echo war gross. Auch Beppe Grillo hat sich bei ihm gemeldet. In einer Nachricht schrieb er sarkastisch: «So kurz vor den Wahlen ist der Text perfekt.»

Es war der 19. Februar 1992. Beppe Grillo trat im Teatro Smeraldo in Mailand auf. Unter den Zuschauern befand sich an diesem Abend auch Marco Morosini, er war damals 40 Jahre alt. Nach der Show ging er hinter die Bühne, weil er Grillo etwas sagen wollte. Er war nicht der Einzige. Nach einer halben Stunde, er wollte schon gehen, erschien der Komiker in einem weissen Bademantel und fragte: «Will jemand ein Bonbon?» Marco Morosini streckte die Hand danach aus – es entstand eine langjährige Zusammenarbeit.

Marco Morosini wuchs in Mailand mit drei Schwestern und einem Bruder auf. Dort studierte er Chemie und Pharmatechnologie; später spezialisierte er sich in Ökotoxikologie. Nachdem er während zehn Jahren auf Segel- und Bergexpeditionen quer durch die Welt reiste, zog er Ende 80er-Jahre nach Deutschland, wo er an der Universität Ulm eine Doktorarbeit über analytische Umweltchemie schrieb. Seit 2001 lebt er in Zürich und unterrichtet dort an der ETH. Bei seinem aktuellen Kurs geht es um Nachhaltigkeitspolitik. Morosini ist schweizerisch-italienischer Doppelbürger.

Vor jenem Abend im Teatro Smeraldo hatte sich Marco Morosini kaum für Grillo als Komiker interessiert. Eine Passage aus einer seiner Fernsehshows hatte ihn aber beeindruckt. Sie ging so: «Du bist an einem Fest und hältst wie alle anderen einen Becher in der Hand. Du musst kurz weg, willst aber nach deiner Rückkehr deinen Becher wiederfinden und versteckst ihn deshalb hinter einer Vase. Als du zurückkommst, stehen dort zehn andere Becher.»

Mit diesem Beispiel habe Grillo das italienische System sehr treffend beschrieben, sagt Morosini. Jeder wolle schlauer sein als der andere und treibe damit das Land in den Ruin. Individuelle statt kollektive Cleverness. «Grillo hat eine unglaubliche Fähigkeit, die alltäglichen Schwächen der Menschen zu erfassen und seine Zuhörer und Zuschauer zu motivieren, darüber nachzudenken. Das hat mich sehr beeindruckt.»

Der Onkel aus der Schweiz

Beppe Grillo bot die Grundlage, Marco Morosini lieferte die Inhalte. Als sein Inspirator und Ghostwriter schrieb er in den letzten Jahren ein paar tausend Seiten: für Shows, Zeitungsartikel, Filme, Fernsehsendungen des Schweizer Fernsehens und für den Bestseller «Tutto il Grillo che conta». Er organisierte Interviews, empfahl ihm Bücher und stellte ihm Autoren und Denker vor, die in irgendeiner Weise zum ökologischen Wandel der Gesellschaft beigetragen hatten.

Er verbrachte unzählige Tage und Nächte bei Grillo zu Hause in Sant’Ilario bei Genua und Marina di Bibbona in der Toskana; sah dessen Kinder erwachsen werden, lernte die Hausangestellten kennen. «Mit der Zeit war ich für alle Marco, der Onkel aus der Schweiz – ein Familienmitglied.» Im Jahr 2004 konnte Morosini Grillo überzeugen, ihre bisherige gemeinsame Arbeit ins Internet zu stellen. Eines Tages bat ihn Grillo, einen Informatik-Unternehmer zu treffen. Wenig später klopfte Gianroberto Casaleggio an Morosinis Türe. Fünf Jahre später gründeten Grillo und Casaleggio im Teatro Smeraldo in Mailand den Movimento 5 Stelle. Marco Morosini hatte dazu beigetragen.

Jahre später dankte ihm Beppe Grillo dafür – auf seine ganz eigene Art. Während seiner Show «Grillo vs Grillo» in Mailand zeigte er den Zuschauern auf einem Riesenbildschirm ein Foto. Er sagte: «Das ist Marco Morosini, ein Alpinist, der auf dem Himalaja Flechten sammelt – auf 5000 Metern Höhe, oben ohne. Er ist ein Wahnsinniger! Doch er hat mir gezeigt, dass sich hinter der Welt eine andere Welt verbirgt.»

Morosini lacht, als er sich an diesen Moment erinnert. Als Co-Autor der Show sass er an jenem Abend hinter der Bühne am Regietisch. Diese Würdigung war nicht geplant. «So hatte mich zuvor noch nie jemand vorgestellt: mit wenigen Worten, auf einer Riesenfläche», sagt er. In einem Interview mit der NZZ, das noch vor dem Wahlerfolg der Fünfsterne-Bewegung bei den Parlamentswahlen 2013 erschien, bezeichnete ihn Grillo gar als eine Person, die ihm die Augen geöffnet habe, und setzte ihn gleich mit dem amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und dem Soziologen Wolfgang Sachs.

Seit dem ersten Treffen mit Grillo sind inzwischen 26 Jahre vergangen. Der M5S konnte mehrere Wahlerfolge feiern: Unter anderem werden seit 2016 Rom und Turin von der Bewegung regiert. In der Hauptstadt konnte die Bürgermeisterin Virginia Raggi allerdings bisher nicht überzeugen. Der Start ihrer Amtszeit war von Misserfolgen und Personalquerelen geprägt; la Capitale versinkt immer mehr im Chaos. Deswegen verliert der M5S aber nicht an Zuspruch: Mit knapp 28 Prozent Wähleranteil ist er stärkste Partei.

Marco Morosini kann sich mit dem 5 Stelle nicht mehr identifizieren. Zumindest nicht mit dem, was daraus geworden ist. In seiner soeben erschienenen Analyse beschreibt er den Wandel der ursprünglichen Basisbewegung, die auf der Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit war, zur aktuellen Partei. «Ich war immer skeptisch, eine Partei zu gründen, und habe dies Grillo von Anfang an gesagt», sagt Morosini.

Die politische Kaste und ihre Vorzüge wurden zum Hauptthema der Bewegung. Stattdessen rückten einstige Kernpunkte wie die soziale Ungleichheit und der ökologischer Zerfall immer mehr in den Hintergrund. Anstelle einer langfristigen Perspektive trat die tägliche Polemik. Man eignete sich eine Kriegssprache an: Es gab keine Verbündete, Mitstreiter oder Kontrahenten, sondern nur noch Feinde. Bei ihren Auftritten riefen Roberto Casaleggio und Beppe Grillo: «Wir sind stolz, Populisten zu sein.»

Aus dem Hintergrund

All die Jahre ist Marco Morosini an seinem Platz hinter den Kulissen geblieben, als stiller, bescheidener Schaffer. Jetzt, wenige Tage vor den Parlamentswahlen in Italien, geht er mit seinen Erfahrungen, Einschätzungen, aber vor allem mit seiner Kritik an die Öffentlichkeit. Warum? Morosini, der immer noch im Hotelzimmer in St. Antönien sitzt, dreht sich zum Fenster hinter ihm um und sagt mit Blick auf die verschneiten Hausdächer: «Sollte ich etwa von den Schweizer Bergen aus im Stillen zuschauen, wie Italien mit dem M5S zugrunde geht oder vielleicht auch gerettet wird?» Als Schweizer sei er geneigt, neutral zu bleiben. Doch der Italiener in ihm wolle sich einmischen.

Die Fünfsterne-Bewegung ist die erste digitale Partei der Welt. Sie stelle deshalb ein Lehrstück dar für mögliche Nachahmer – im guten wie im schlechten Sinne, sagt Marco Morosini. Innerhalb der Gruppe der sieben führenden Industrieländern sei Italien das am wenigsten digitalisierte. Der M5S spreche also nur einen kleinen Teil der Bevölkerung an: Menschen, die immer online sind oder viel Freizeit haben, Junge und Arbeitslose.

Die Abstimmungsmethode im Internet hält Morosini für unzuverlässig und undemokratisch, weil es keine unabhängige Kontrollinstanz gebe. Die Hauptakteure der Partei seien zugleich auch die Schiedsrichter. Entsprechend gross sei die Gefahr der Manipulation.

Von den beiden Gründern der Fünfsterne-Bewegung ist nur noch Beppe Grillo übrig geblieben. Gianroberto Casaleggio starb vor zwei Jahren nach schwerer Krankheit. Nachfolger ist sein 41-jähriger Sohn Davide. Grillo hat sich zurückgezogen und widmet sich wieder vermehrt seiner Karriere als Komiker. Neuer Chef der Bewegung ist Luigi Di Maio, 31 Jahre alt und Kandidat für das Amt des italienischen Ministerpräsidenten. Über ihn möchte Marco Morosini nicht sprechen. Genauso wenig über dessen Chancen, Premier zu werden. Er sagt nur: «Er selbst ist davon überzeugt, genauso wie er überzeugt war, dass Nigel Farage britischer Premier werden würde.»

Resignation und Sarkasmus

Wen wird Marco Morosini am Sonntag wählen? «Ich weiss es nicht», sagt er. «Ich habe wenig Hoffnung für Italien.» Sein halbes Leben lang habe er versucht, zu einer Wende beizutragen. Entstanden sei daraus der Movimento 5 Stelle. Resignation und Sarkasmus schwingt in seinen Worten mit. Schwierig zu sagen, was nach dem 4. März aus der Bewegung werde. Morosini hofft, dass die Grillini der ersten Stunde – zu denen gehört auch er – endlich die Führung und damit auch die Verantwortung übernehmen.

Eine Stunde nach dem Skype-Gespräch schickt er der Basler Zeitung eine Mail mit zwei Fotos. Das eine zeigt Beppe Grillo, wie er nackt am Strand vor seiner Villa in Bibbona für den Starfotografen Oliviero Toscani posiert, das Geschlecht verdeckt von einem Laptop. Auf dem anderen Bild ist Marco Morosini zu sehen – am selben Strand, mit einem übergrossen Smartphone in den Händen. «Zwei Rutengänger auf der Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit», schreibt Marco Morosini. Wie damals im Teatro Smeraldo in Mailand, wo alles begann. (Basler Zeitung)

Erstellt: 03.03.2018, 09:23 Uhr

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