Der Nebelfürst

Helmut Kohl ist tot. Sein Leben begann und endete in der Provinz, doch dazwischen erklomm er den Gipfel. Sein grosses Verdienst bleibt die deutsche Einheit.

Gelebte Geschichte. Helmut Kohl bei einer Kundgebung nach dem Fall der Mauer in Berlin, hinter ihm der damalige deutsche Aussenminister Hans-Dietrich Genscher (10. November 1989)

Gelebte Geschichte. Helmut Kohl bei einer Kundgebung nach dem Fall der Mauer in Berlin, hinter ihm der damalige deutsche Aussenminister Hans-Dietrich Genscher (10. November 1989) Bild: Keystone

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Helmut Kohl, der deutsche Alt-Kanzler, der am Freitag im Alter von 87 Jahren gestorben ist, wurde am 3. April 1930 als Sohn eines Finanzbeamten in Ludwigshafen geboren. Es war eine prosaische Umgebung: «Hier ist nur die Rampe für Fabriken, und was damit zusammenhängt, ist Rohheit und Gestank», schrieb ein anderer Ludwigshafener, der Philosoph Ernst Bloch, über die Industriestadt am Rhein.

Nicht, dass es nicht auch hier kleinbürgerliche Behaglichkeit gegeben hätte. Kohl wuchs in Friesenheim auf, einem ehemaligen Dorf am Stadtrand. Seine Eltern waren unpolitische Leute, doch der Krieg machte auch hier jedes Glück im Winkel unmöglich. Von der «Gnade der späten Geburt» sollte Kohl Jahrzehnte später reden. In den Krieg ziehen musste er nicht, wohl aber wurde er zur vormilitärischen Ausbildung nach Bayern abkommandiert. In Berchtesgaden sollten er und seine Kameraden Nebelfässer öffnen, um die anrückenden Amerikaner zu verwirren.

Eingemachte Pfirsiche

Dazu kam es dann nicht mehr: Ende April 1945 wurde Berchtesgaden bombardiert, Kohl floh mit zwei Freunden. Ludwigshafen war ihr Ziel. Nach fünf Wochen erreichte er seine Heimatstadt, die Eltern lebten, das Haus stand noch. Kaum kann man sich die Szene des Wiedersehens vorstellen. Sie endete unspektakulär: Nach wochenlangem Hungern verzehrte Kohl erst einmal ein Glas eingemachter Pfirsiche.

Zuerst, in den unmittelbaren Nachkriegsmonaten, wollte er Bauer werden. Er fuhr nach Unterfranken, wo Verwandte einen Hof besassen. Doch dann sagte man ihm, um als Landwirt überleben zu können, müsse er auf einen Hof einheiraten. Eine Möglichkeit zerschlug sich, Kohl nahm Abschied. Zurück in Ludwigshafen machte er sein Abitur. «Helle» nannten sie ihn hier, ein Anführer war er, egal ob auf dem Fussballfeld oder als Klassensprecher.

Wie und warum wird einer Politiker? Vielleicht war es ja so, wie das bei den meisten Karrieren ist: Einer sieht, dass er in einem bestimmten Bereich Talent hat, also macht er weiter, will besser und schliesslich der Beste werden. Und doch sollte man Kohl idealistische Motive nicht absprechen: Der Krieg war für ihn wie für fast alle Deutschen seiner Generation das prägende Erlebnis. Sein Bruder Walter fiel Ende 1944 bei einem Luftangriff. Sein Leben lang kam Kohl darauf zurück, auch im kleinen Kreis mit europäischen Staats- und Regierungschefs: Gemeinsames Leid sollte Europa zusammenführen. Wenn er, der Pragmatiker der Macht, an etwas glaubte, dann daran.

Doch vorerst galt es, die Mühen der Ebene hinter sich zu bringen. Schnell absolvierte er sein Studium, zuerst in Frankfurt, dann in Heidelberg, wo er dem berühmten Politologen Dolf Sternberger im Seminar auf die Nerven ging. Jenen Respekt gegenüber Autoritäten, den er als Kanzler einforderte, legte Kohl als Student nicht an den Tag.

Politik als Beruf?

Hans Kohl sah die Ambitionen seines Sohnes kritisch: Politik als Beruf? Die Universität war für Helmut Kohl jedenfalls nur eine Zwischenstation, der Doktortitel nicht viel mehr als ein Distinktionsmerkmal im Kampf um Wählerstimmen. Kohl schrieb eine oberflächliche Dissertation über die Geschichte der Parteien in der Pfalz nach 1945, 161 Seiten über ein Thema, das er aus eigener Anschauung kannte: als Wissenschaftler ging er den Weg des geringsten Widerstandes.

Dicke Bretter bohrte er andernorts: Er zog über die Dörfer, schüttelte Hände, schloss Bekanntschaften in der ganzen Pfalz. «Dem war keine Arbeit zu viel», berichtete die CDU-Politikerin Susanne Hermans, die in Mainz als Kohls politische Ziehmutter galt, später dessen Biografen Hans-Peter Schwarz. Bald schon scharrte das Schlachtross mit den Hufen. Fast immer und überall war Kohl der Jüngste: mit 30 wurde er Fraktionschef im Mainzer Landtag, mit 39 Ministerpräsident.

Das war 1969. Bereits als Ministerpräsident war Kohl eine merkwürdige Mischung aus beinhartem Karrieristen und sentimentalem Gemütsmenschen: Konkurrenten verdrängte er gnadenlos; seine Gäste bewirtete er im Weinkeller der Mainzer Staatskanzlei. Er modernisierte aber auch sein eher rückständiges Bundesland; Universitäten, Gymnasien und Autobahnen entstanden.

1960 hatte er Hannelore Renner geheiratet, seine erste Frau, die sich 2001 das Leben nahm. Kohl war ein Mann der Rekorde: 25 Jahre lang war er Vorsitzender der CDU, von 1982 bis 1998 Bundeskanzler. Vielleicht zum Sinnbild dieser ersten Jahre wurde seine Freundschaft mit François Mitterrand, dem französischen Präsidenten. 1984 stand er mit ihm, Hand in Hand, auf dem Soldatenfriedhof von Verdun.

Kohls grösstes Verdienst ist zweifellos sein Einsatz für die deutsche Wiedervereinigung. Als 1989 die Berliner Mauer fiel, war er in Warschau und eilte sogleich zurück nach Deutschland. Bald und ohne Rücksprache mit den Siegermächten verkündete er ein «Zehn-Punkte-Programm zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas». Kohls Wille war in dieser Sache unmissverständlich.

Der Preis der Einheit

Berühmt wurde seine Fernsehansprache vom 1. Juli 1990: Durch «eine gemeinsame Anstrengung» werde es gelingen, «Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen bald wieder in blühende Landschafen zu verwandeln». Damals war Kohl auf dem Höhepunkt seiner Karriere und vielleicht nie mehr hat er so viel Optimismus verbreitet.

Die Wende rettete ihm sein Amt: Kurz vor dem Zusammenbruch der DDR waren Kohls Umfragewerte eher durchwachsen. Nicht alle Versprechen, die mit der deutschen Einheit verbunden waren, wurden eingelöst, doch dass sie ein Erfolg war, ist unumstritten: Kohl hatte sich seinen Platz in den Geschichtsbüchern gesichert.

Der Preis für die Einheit, so lautet heute eine populäre Erzählung, sei die D-Mark gewesen. Mitterrand fürchtete ein zu grosses Deutschland. Zumindest die wirtschaftliche Vormacht des Nachbarn galt es zu beschneiden; das Mittel hierfür war die Währungsunion.

Der Euro kam. Wahrscheinlich, so sehen es heute die meisten Ökonomen, kam er zu schnell: Griechenland erfüllte niemals die Beitrittskriterien, doch Kohl kümmerte das wenig: Das Primat der Politik über die Wirtschaft herrschte selten umfassender als bei der Einführung des Euro. Die Folgen sind bekannt. Womöglich liegt hierin Kohls Tragik: die Währungsunion, die das Friedensprojekt Europa festigen und ein für alle mal unumkehrbar machen sollte, führte zu Zwietracht. Heute ist Deutschland dominanter als je zuvor: Die Währungsunion hat damit ihr Ziel nicht nur nicht erreicht, sondern zum Gegenteil dessen geführt, was ihre Väter beabsichtigt hatten.

Bei der Einführung des Euro 1999 war Helmut Kohl schon nicht mehr Kanzler. Gerhard Schröder trat 1998 für die SPD gegen ihn an. Sechzehn Jahre Kohl sind genug, war Schröders Programm – und das sah eine Mehrheit der Deutschen nicht anders.

Spätes Leid

Ein Jahr später, nach seinem Rücktritt als CDU-Vorsitzender, wurde Kohl von einer Spenden-Affäre heimgesucht. Standhaft weigerte er sich, die Namen seiner Geldgeber zu nennen. Eine Strafe zahlte er mithilfe eines Spendenaufrufs selber. Gerügt wurde er damals auch von Angela Merkel, die ihre Partei als Generalsekretärin aufforderte, sich von Kohl zu lösen. Das Verhältnis zwischen beiden galt seither als verkorkst.

Kohls letzte Jahre waren geprägt von körperlichen Gebrechen: 2008 erlitt er ein Schädel-Hirn-Trauma, seither sass er im Rollstuhl und war in den Medien nicht mehr sehr präsent. Während der Flüchtlingskrise erinnerte man sich in Europa allerdings wieder vermehrt an ihn als einen, der den kleinen Staaten immer Gehör geschenkt hatte – ganz im Gegensatz zu Merkel.

Noch im April 2016 empfing Kohl den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban bei sich in Oggersheim. In einem Buchbeitrag verurteilte er «einsame Entscheidungen» und «nationale Alleingänge». In Orban, so war damals in der Bild-Zeitung zu lesen, sehe Kohl einen «Europäer mit Herzblut». Es waren Spitzen gegen Merkel.

Kohls Voten hatten zuletzt etwas Gespenstisches an sich; stets drangen sie über die Bild-Zeitung nach aussen. Ungefilterte Aussagen kamen nicht mehr vor. Kohls zweite Frau, Maike Richter, sei daran, eine «Mauer» um ihn zu bauen, schrieb die Süddeutsche Zeitung 2012. Die Söhne, Walter und Peter, gingen zuletzt auf Distanz. 2008 seien sie nicht zur Hochzeit eingeladen gewesen sein, berichtete Walter.

Der Streit um die Tonbänder

Kohls letzte Lebensjahre waren geprägt von Indiskretionen, einem merkwürdig-nebulösen Zustand und einem marionettenhaften Auftreten, bei dem man nicht recht wusste, wer die Fäden zog. Hinzu kam ein Rechtsstreit mit Heribert Schwan, seinem zweiten Biografen, von dem Kohl die Herausgabe von 200 Tonbändern verlangte.

Schwan publizierte einige Details aus Kohls privater Lebensführung: Etwa dass er zum Mittagessen mindestens drei Pfälzer Bratwürste ass, ab vier Uhr nachmittags Riesling ins Mineralwasser mischte oder der Meinung war, Merkel sei unfähig, mit Messer und Gabel zu essen. Im April verurteilte das Landgericht Köln Schwan zur Zahlung einer Entschädigung in Millionenhöhe.

Politische Laufbahnen, so sagte der britische Politiker Enoch Powell einmal, endeten grundsätzlich mit einem Scheitern. Kohls letzte Jahre waren geprägt von allerlei Unwürdigkeiten. Das ändert nichts daran, dass er unter Deutschlands Nachkriegskanzlern einer der Bedeutendsten bleibt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 17.06.2017, 15:00 Uhr

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