«Wir müssen den Druck aufrechterhalten»

Die Baselbieter Drogenfahnder Viktor Roth und Urs Geier über ihre Erfahrungen bei der Kriminalitätsbekämpfung und den Drogenhandel bei Migranten.

Keine Illusionen, aber auch kein Frust: Der Kantonspolizist Viktor Roth (links) und der Leitende Staatsanwalt Urs Geier geben Einblick in ihre Arbeit.

Keine Illusionen, aber auch kein Frust: Der Kantonspolizist Viktor Roth (links) und der Leitende Staatsanwalt Urs Geier geben Einblick in ihre Arbeit. Bild: Florian Bärtschiger

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Der Baselbieter Polizei ist kürzlich ein bedeutender Schlag gegen die Drogenkriminalität im Kanton gelungen: Wie die Baselbieter Staatsanwaltschaft gestern mitteilte, konnten die Ermittler Ende Juli fünf Männer mit nigerianischer Staatsbürgerschaft festnehmen, die im Kokainhandel tätig waren. Dabei beschlagnahmten die Behörden sechs Kilo Koks im Wert von rund einer Million Franken. Die Männer befinden sich momentan in Untersuchungshaft. Die Basler Zeitung traf die zuständigen Ermittler zum Interview. Viktor Roth, Leiter Spezialisierte Ermittlungsdienste bei der Kantonspolizei, und Urs Geier, Leitender Staatsanwalt in der Hauptabteilung Betäubungsmitteldelikte und organisierte Kriminalität, sprechen über den Drogenhandel im Baselbiet und die Arbeit der Strafverfolgungsbehörden.

BaZ: Herr Geier, Herr Roth: Wie ist dieser neueste Fall einzuordnen? Sind die sechs Kilo Kokain ein Sensationsfund oder eine Sommerloch-Meldung?
Urs Geier: Diese Mengen sind nichts Aussergewöhnliches, sondern wahrscheinlich «Daily Business» auf dem Drogenmarkt. Die Frage muss viel eher lauten, was dieser Fund in Bezug auf den gesamten Drogenhandel in der Region bedeutet. Wir wissen nämlich nicht, wie viel insgesamt mit Betäubungsmitteln gehandelt wird. Das Gesamtvolumen des Drogenschwarzmarkte ist eine grosse Dunkelziffer, nicht nur bei uns im Baselbiet. Mit Ermittlungserfolgen wie diesem können wir nur einzelne Schlaglichter auf die verdeckten Aktivitäten der Drogenhändler werfen. Was das Gesamtbild betrifft, tappen wir aber nach wie vor im Dunkeln. Letztlich ist es eine Frage der Ressourcen. Wenn wir mehr Leute und Mittel zur Verfügung hätten, würden wir auch mehr aufdecken. Umgekehrt bedeutet dies, dass wir nichts über den Drogenhandel wüssten, wenn wir nicht aktiv dagegen vorgingen. Schliesslich kommt es bei dieser Form von Kriminalität nie zu Anzeigen. Verkäufer und Konsumenten agieren im Versteckten und decken sich damit gegenseitig. Kein Käufer hat ein Interesse daran, dass sein Drogenkonsum aufgedeckt wird.

Aufgrund welcher Hinweise gehen Sie denn gegen Drogenhändler vor?
Viktor Roth: Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Teilweise sind es Hinweise aus anderen Verfahren, von Drittpersonen oder eigene Feststellungen. Sobald sich ein Fall konkretisiert, leiten wir zusammen mit der Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ein. Detaillierte Auskunft über unsere Ermittlungsverfahren können wir an dieser Stelle jedoch nicht bekannt geben. Sonst könnten wir nicht mehr weiterarbeiten (lacht).
Urs Geier: Der Drogenhandel besteht aus vielen verschiedenen Phasen, angefangen bei der Produktion über den Transport bis zur Distribution bei den Endabnehmern. Entsprechend sind auch viele verschiedene Personen involviert. Und wo viele Leute beteiligt sind, gibt es wiederum viele Anhaltspunkte und Hinweise. Das ist ein grosser Unterschied etwa zur Kinderpornografie, wo einer einfach zu Hause sitzt und sich die Videos anschaut.

Sind die Männer, die Sie nun gefasst haben, eher «kleine Fische» oder Teil einer grösseren mafiösen Struktur?
Urs Geier: Diese Frage muss man differenziert betrachten. Die Leute, die wir verhaftet haben, agierten eher auf einer unteren Ebene, vergleichbar etwa mit einem Pizzakurier. Den Pizzakurier sehen Sie auf der Strasse, aber Rückschlüsse auf den Geschäftsführer oder die Strukturen dahinter sind dadurch nicht möglich. Und so sind es auch die Drogenkuriere und Dealer, die auf der Strasse in Erscheinung treten und auf die wir Zugriff haben. Wie gesagt, wir können jeweils nur einzelne Schneisen in den Schwarzmarktdschungel schlagen. Auch hier ist es wieder eine Frage der vorhandenen Ressourcen. Strukturermittlungen sind nämlich sehr zeitintensiv. Letztlich gilt es bei jedem Fall eine Kosten-Nutzen-Abwägung zu machen: Wo können wir mit den einsetzbaren Ressourcen die grösste Wirkung erzielen?

Würden Sie also sagen, dass die Polizei und die Staatsanwaltschaft in dieser Hinsicht unterdotiert sind?
Urs Geier: Das kann man so nicht sagen. Schlussendlich ist dies auch eine gesellschaftspolitische Frage: Inwieweit sind die öffentliche Hand und damit die Steuerzahler bereit, mehr Geld für die Bekämpfung von Drogenkriminalität auszugeben? Nehmen wir das aktuelle Beispiel der Sekundarschule in Gelterkinden. Momentan ist das Thema Drogen wieder in aller Munde und es werden mehr Massnahmen gefordert. Sobald diese mediale Welle einmal abgeklungen ist, werden sich die Leute aber wieder anderen Dingen zuwenden. So ist das nun mal.
Viktor Roth: Man muss an dieser Stelle aber auch etwas Grundsätzliches anmerken: Wir werden das Drogenproblem nie ganz aus der Welt schaffen können, egal wie viel wir investieren. Solange die Menschen Drogen konsumieren wollen, wird es auch ein entsprechendes Angebot geben. Das einzige, was wir tun können, ist Druck erzeugen. Wir müssen den Drogenhändlern aufzeigen, was ihnen blüht, wenn sie hier ihren illegalen Geschäften nachgehen. Eines ist jedoch klar: Wir haben nun zwar fünf Tatverdächtige festgenommen, aber diese Leerstellen sind höchstwahrscheinlich schon wieder besetzt. Der Drogenmarkt funktioniert weiterhin, da dürfen wir uns keine Illusionen machen.

Ist das nicht frustrierend mit der Zeit? Sie können noch so viele Dealer festnehmen und kiloweise Koks beschlagnahmen: Am Ende des Tages müssen Sie einsehen, dass weiterhin gedealt wird.
Viktor Roth: Nein, das sehe ich überhaupt nicht so. Wir müssen den Druck einfach konstant aufrechterhalten. Vielleicht sehen die Dealer dann ein, dass es sich für sie nicht lohnt, im Baselbiet zu agieren. Wenn wir gar nichts machten, würden wir total überschwemmt.

Wie funktioniert der Kokainhandel in der Region? Woher stammt der Stoff, und auf welchen Kanälen wird er verteilt?
Viktor Roth: Das Kokain wird in der Regel in Südamerika hergestellt. Danach gelangt es auf dem Seeweg zu den grossen europäischen Häfen: Rotterdam, Hamburg, Amsterdam. Von dort wird der Stoff mithilfe von Kurieren und Zwischenhändlern in alle Ecken Europas weitertransportiert, wobei die Distributionskanäle immer feingliedriger werden, bis das Koks schliesslich bei den Konsumenten in den Städten Basel oder Zürich ankommt. Häufig schlucken die Kuriere das in Fingerlinge verpackte Koks und scheiden diese dann am Zielort wieder aus.

Basel gehört seit vielen Jahren zu den Top-10-Städten in Europa, was den Kokainkonsum betrifft. Inwiefern wirkt sich dieser Umstand auf die Situation im Baselbiet aus?
Urs Geier: Natürlich spielt die Nähe zu einem städtischen Zentrum eine Rolle. Dort gehen die Leute schliesslich in den Ausgang und konsumieren teilweise Drogen. In Basel ist es bekanntlich die Gegend um den Claraplatz, wo die Dealer ihre Drogen verticken. Eine Stadt bietet für die Konsumenten auch das nötige Mass an Anonymität. Wenn ein Dealer seine Ware in einer kleinen Oberbaselbieter Gemeinde feilböte, würde das schnell einmal auffallen. Generell ist es so, dass wir es im Baselbiet eher mit Kurieren und Zwischenhändlern zu tun haben. Der Verkauf der Drogen an die Konsumenten findet in der Regel in der Stadt statt.

Konnten Sie in den letzten Jahren eine Zu- oder Abnahme des Kokainkonsums in der Region feststellen?
Viktor Roth: Das ist schwierig zu sagen. Grundsätzlich habe ich schon den Eindruck, dass die Leute vermehrt koksen. Aber wie gesagt: Wir wissen nicht, wie gross der Markt effektiv ist. Wir stellen aber fest, dass das Koks in seiner Zusammensetzung immer reiner wird.

Die von Ihnen verhafteten Männer stammen aus Nigeria. Aktuell gibt es starke Migrationsbewegungen aus Afrika in Richtung Europa. Spielen die Flüchtlingsrouten für den Drogenhandel auch eine Rolle?
Viktor Roth: Ich sehe da keinen Zusammenhang. Es sind ja nicht primär Nigerianer, die zu uns kommen, sondern vielmehr Eritreer.
Urs Geier: Dazu muss man sagen: Nigeria ist ein grosses afrikanisches Land mit massiven sozialen und ökonomischen Problemen. Die Leute dort suchen ihr Glück im Ausland und landen halt in gewissen Fällen im Drogenmilieu. Die Nigerianer waren bei uns schon als Kokaindealer bekannt, bevor der grosse Flüchtlingsstrom einsetzte.

Mit welchen Strafen müssen diese Männer nun rechnen?
Urs Geier: Die Mindeststrafe bei solchen Delikten ist ein Jahr Gefängnis. Da es sich bei dem beschlagnahmten Kokain um eine relativ grosse Menge handelte, wird es sich im Falle einer Verurteilung wohl um eine mehrjährige Gefängnisstrafe handeln.

Was passiert jetzt mit dem beschlagnahmten Koks?
Viktor Roth: Zunächst werden wir es analysieren und den Reinheitsgrad ermitteln. Danach wird das Koks bei uns eingelagert, bis ein Gerichtsurteil vorliegt. Das Gericht gibt uns dann den Auftrag, den Stoff zu vernichten. Das geschieht in speziellen Hochöfen in Basel, wo beispielsweise auch Chemieabfälle verbrannt werden.

Wie viele Drogen werden jedes Jahr auf diesem Weg vernichtet?
Viktor Roth: Das müsste ich nachschauen. Alles in allem sind es wohl schon ein paar Hundert Kilo. Dabei handelt es sich aber nicht nur um Drogen, sondern um sämtliches Material, das wir im Zusammenhang mit der Drogenfahndung beschlagnahmen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.08.2017, 07:36 Uhr

Umfrage

Fünf Nigerianer haben im Baselbiet mit Kokain gedealt. Die Polizei könnte mehr tun, hätte sie mehr Geld.

Ja

 
77.7%

Nein

 
22.3%

529 Stimmen


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