Der Seher von Genf

Wilhelm Röpke (1899–1966) ist fast vergessen. Das merkt man. Rückkehr zu einem unbequemen Liberalen.

Weltweit beachtete Stimme: Wilhelm Röpke errang als Berater von Wirtschaftsminister Ludwig Erhard grossen Einfluss

Weltweit beachtete Stimme: Wilhelm Röpke errang als Berater von Wirtschaftsminister Ludwig Erhard grossen Einfluss Bild: Keystone

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Das Liberale Institut in Zürich hat vor Kurzem ein kleines Bändchen über Wilhelm Röpke herausgegeben, einen grossen Mann, der sich nur noch allzu kleiner Aufmerksamkeit erfreut. Das ist bedauerlich aus vielen Gründen – vor allem aber, weil es bezeichnend ist für den Zustand der Liberalen in diesem Land. Wäre ich Programmchef der FDP oder der SVP: Ich würde meinen Leuten auftragen, Röpke wieder zu lesen, und sie danach prüfen, ob sie auch alles verstanden haben.

Denn das Elend der heutigen Politiker ist häufig: der Mangel an programmatischem Tiefgang. Manche wirken, als hätten sie noch nie ein grundsätzliches Buch darüber gelesen, was Liberalismus heisst und warum sie vielleicht liberal geworden sind – oder auch nicht, selbst wenn sie meinen, liberal zu sein.

Wilhelm Röpke war ein Deutscher und kein Jude, sondern ein Protestant: Das ist wichtig, weil er in den 30er-Jahren zu den wenigen nicht-linken, nicht-jüdischen Intellektuellen in Deutschland zählte, die sich von Anfang an mit den Nazis angelegt hatten und deshalb gezwungen waren, das «Dritte Reich» frühzeitig zu verlassen. Schon im April 1933 wurde er von der Universität Marburg vertrieben, er, ein erst 33-jähriger, vielversprechender Professor für «Wirtschaftliche Staatswissenschaften», wie das seinerzeit hiess.

Wenn es in jenen Jahren einen aufsteigenden Star unter den deutschen Nationalökonomen gegeben hat, dann war das Röpke; mit 24 war er an die Universität Jena berufen worden – als der jüngste deutsche Professor aller Zeiten. Eine erstaunliche Karriere, die 1933 in Deutschland nicht hätte enden müssen, wäre Röpke so geschmeidig und grundsatzlos gewesen wie manche seiner Kollegen.

Mann aus der Provinz

1899 in einem kleinen Dorf in der Lüneburger Heide geboren – heute ist das Niedersachsen, damals gehörte es zu Preussen –, wuchs er in einem stabilen, bildungsbürgerlichem Milieu auf, der Vater praktizierte als Landarzt, die Mutter war Tochter eines Pastors, die Familie Röpke selber hatte seit Jahrhunderten, sicher seit dem 15. Jahrhundert in dieser Gegend gelebt. Deutscher, bürgerlicher ging es nicht. Damit zog sich Röpke den besonderen Hass der Nazis zu, zumal er sehr früh, früher als die meisten, beides spürte: dass die Nazis Verbrecher waren und dass sie wohl einmal an die Macht kommen würden.

Schon 1930, vor der Reichstagswahl, vertrieb er ein Flugblatt in seinem Heimatdorf, in dem er vor der NSDAP warnte: Es handle sich um eine «besitzfeindliche, gewalttätige, revolutionäre Organisation», und wer jetzt für die Nazis stimme, solle nachher nicht behaupten, «er habe nicht gewusst, was daraus entstehen könnte».

Kurz nachdem Hitler zum Reichskanzler gemacht worden war, wandte sich Röpke in einem Vortrag gegen die Nazis, mit einer Eindeutigkeit, die eigentlich ein Todesurteil hätte bedeuten können: Was die Nazis ausgelöst hatten, sagte Röpke in aller Öffentlichkeit, sei «ein Massenaufstand gegen Vernunft, Freiheit, Humanität und gegen jene geschriebenen und ungeschriebenen Normen, die in Jahrtausenden entstanden sind, um eine hochdifferenzierte menschliche Gemeinschaft zu ermöglichen, ohne die Menschen zu Staatssklaven zu erniedrigen». Wenige Wochen später wurde Röpke mit einem weiteren Professor in Marburg beurlaubt, dieser, Hermann Jacobsohn, ein Jude, warf sich zwei Tage später vor den Zug. Röpke floh nach Istanbul, wo man ihm an der Universität eine Stelle anbot.

Wenn Röpke die Nazis kritisierte, dann tat er dies aus einer liberalen Haltung heraus. Klarer als manche Bürgerlichen, auch in der Schweiz, durchschaute er die perverse Verwandtschaft der Nazis mit den Sozialisten, die darin bestand, dass beide den Staat vergotteten und das Individuum verachteten, weil sie davon ausgingen, besser Bescheid zu wissen, was den Menschen guttun soll, als diesen das selber bewusst war.

Vor allem die persönliche Freiheit des Bürgers schätzten beide gering, ja sie schafften sie ab, Nazis genauso wie Kommunisten, was letztlich eine Voraussetzung war für die Vernichtungspolitik der Nazis gegen die Juden – oder die Massaker Stalins an seinen zahlreichen Gegnern, tatsächlichen oder eingebildeten. In diesen Zeiten der totalitären Barbarei, ob in Deutschland, Italien oder in der Sowjetunion, als diese rechten und linken Diktaturen manche Intellektuellen auch hier im demokratischen Westen faszinierten und der Liberalismus als überholte Ideologie des 19. Jahrhunderts hingestellt, ja verlacht wurde, gab es wenige Liberale, die sich trauten, diese «überholte Ideologie» weiterhin zu vertreten, als wäre nichts geschehen.

Leben im Widerspruch

Röpke war einer davon, weswegen er auch bald einem anderen grossen Liberalen auffiel, der heute fast ganz in Vergessenheit geraten ist, was eine Schande ist, für uns Schweizer besonders, weil er ein Schweizer war: William Rappard, der Gründer und Direktor des «L’Institut universitaire de hautes études internationales», HEI, in Genf, einer frühen Kreuzung einer Universität mit einem Think-Tank nach amerikanischem Vorbild, das in den 1930er Jahren zu einer Zufluchtsstätte vieler vertriebener, oft liberaler Gelehrter geworden war. 1937 bot Rappard Röpke einen Lehrstuhl an. Dieser packte, verliess mit seiner Familie die Türkei und kam nach Genf.

Röpke blieb – und wurde zu einer weltweit beachteten Stimme des Liberalismus, in den dunklen Stunden, als es schien, als ob die Diktatoren gewännen, und in den helleren, den 1950er-Jahren, als der Westen so liberal war wie kaum je zuvor oder danach. Eine Stimme aus Genf, die auch in der Deutschschweiz dank der NZZ vernommen wurde, in der er regelmässig schrieb und mit deren formidablen Chefredaktor Willy Bretscher er engen Kontakt hielt, genauso wie im Welschland, das damals noch liberale Zeitungen kannte, wie die Gazette de Lausanne oder das Journal de Genève, in denen Röpke ebenso oft publizierte.

In Deutschland, der alten Heimat, in die er nicht mehr zurückkehrte, errang er trotzdem grossen Einfluss: Mit Ludwig Erhard, dem liberalen Wirtschaftsminister der Bundesrepublik, der wie kaum ein zweiter das deutsche Wirtschaftswunder geschaffen hatte, verband ihn eine Freundschaft. Bald diente er diesem als Berater.

Lange hörte Erhard auf Röpke – bis sie sich über der Frage der europäischen Integration in die Haare gerieten; auch hier sah Röpke klarer voraus, was die EU bis heute plagt. Zwar hiess Röpke einen europäischen Ausgleich gut und warb für eine Freihandelszone, was aber real entstand, erfüllte ihn mit Unbehagen, gerade als Europäer: «Wenn aber umgekehrt Europa nach dem Muster der französischen Republik ‹une et indivisible› aufs höchste zentralisiert, organisiert, bürokratisiert, embrigadiert und gleichzeitig mehr und mehr zu einem geschlossenen Block nach aussen gestaltet wird, dann scheint mir das ein Verrat an unserem Erbe zu sein.»

Die Römischen Verträge von 1957, das eigentliche Gründungsabkommen der EU, lehnte er ab und sagte es Erhard auch, doch dieser, lange selber ein Gegner, wollte auf einmal nichts mehr davon hören. Wohl dachte er an seine weitere Karriere, das Kanzleramt schien in Griffnähe. Röpke, um den es in Deutschland erneut sehr einsam geworden war, seit er sich öffentlich gegen den «Gemeinsamen Markt» gestellt hatte, blieb als ein Enttäuschter zurück. Nachdem Erhard ihm in einem langen Brief seinen Gesinnungswandel zu erklären versucht hatte, antwortete Röpke:

«Ich verstehe sehr gut, dass Ihre Stellung als verantwortlicher Staatsmann jetzt eine andere sein muss als die meinige eines unabhängigen und für keine Unterschrift verantwortlichen Theoretikers. Aber gerade wenn die von uns beiden erkannten Gefahren vermieden oder gemildert werden sollen, kann es Ihnen, meine ich, nicht unerwünscht sein, wenn ein Mann wie ich nicht die Rolle des Chors der antiken Tragödie übernimmt und noch einmal sagt, was die verantwortlichen Staatsmänner ohnehin denken und wollen, sondern sein Gewicht nach der anderen Seite verlegt, damit der Wagen in der Kurve nicht umkippt.»

Die Eigensinnigen

Mit dem eigenen Kopf denken, auf die andere Seite verlegen. Liberal sein heisst auch, Aussenseiter bleiben, wenn alle irren. Röpke blieb sich treu – und gerade das macht ihn heute so aktuell in einer Epoche, da so viele Journalisten – und Politiker sowieso – lieber im Chor der antiken Tragödie mitsingen, als den Mächtigen und dem mächtigen Konsens zu widersprechen. Friedrich August von Hayek, der andere grosse liberale Dissident, hat einmal auf eine sehr schöne Art und Weise gewürdigt, was Röpke ausmachte – schön auch deshalb, weil er sich mit diesem heillos zerstreiten sollte:

«Röpkes Rolle in der intellektuellen Entwicklung unserer Zeit wird erst die Nachwelt beurteilen können. Aber eine Gabe darf ich hervorheben, für die wir, seine Kollegen, ihn besonders bewundern – vielleicht weil sie unter Gelehrten die seltenste ist: Es ist sein Mut, die Zivilcourage. Damit meine ich nicht so sehr, sich Gefahren auszusetzen, obwohl Röpke auch dies nicht gescheut hat. Der Mut, den ich meine, ist der Mut, populären Vorurteilen entgegenzutreten, die im Augenblick als die Ideale aller gutgesinnten, fortschrittlichen, patriotischen oder idealistischen Menschen gelten. Es gibt wenig unangenehmere Aufgaben, als sich Bewegungen entgegenzustellen, die von einer Welle der Begeisterung getragen werden, und als Warner aufzutreten, der Gefahren aufzeigt, wo die Enthusiasten nur Gutes sehen.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.08.2017, 07:49 Uhr

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