Mehrheit der Türken in der Schweiz stimmen gegen Erdogan

Hierzulande schafft es der türkische Präsident auf nur 38 Prozent der Stimmen – Deutschland bleibt indes Erdogan-Hochburg.

Wahlkommission erklärt Erdogan zu Sieger bei Abstimmung. (25. Juni 2018) Video: Reuters

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In der Schweiz fällt der Wahlsieg des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan deutlich durchzogener aus als in der Türkei: Nach Auszählung von knapp 90 Prozent der Stimmen votierten nur gerade 38 Prozent der türkischen Wähler in der Schweiz für Erdogan, wie aus Zahlen der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu hervorgeht. In der Türkei, wo fast alle Stimmen bereits ausgezählt sind, wird der Präsident indes mit knapp 53 Prozent im ersten Wahlgang definitiv wiedergewählt.

Der populärste Herausforderer Erdogans, Muharrem Ince von der grössten Oppositionspartei CHP, kommt in der Schweiz voraussichtlich auf 32 Prozent – verglichen mit 31 Prozent in der Türkei. Klar mehr Stimmen als in der Türkei erhält der inhaftierte Präsidentschaftskandidat der prokurdischen HDP, Selahattin Demirtas: In der Schweiz stimmen 27 Prozent der Türken für Demirtas, in der Türkei bloss 8 Prozent.

In vielen Ländern scheint es nach vorläufigen Ergebnissen so, als würde Ince mehr Stimmen als Erdogan erhalten – darunter Russland, die USA, Kanada, Grossbritannien, Spanien und Italien.

Die Kandidaten mit den meisten Stimmen in den verschiedenen Staaten: Erdogan (orange), Ince (rot) und Demirtas (violett). (Stand 12 Uhr MEZ) Bild: Screenshot Anadolu

Erdogan-Hochburg Deutschland

Ähnlich wie beim Verfassungsreferendum letztes Jahr sticht der starke Kontrast zu Deutschland ins Auge. Dort erhält der Präsident voraussichtlich rund 65 Prozent der Stimmen. CHP-Kandidat Ince kommt voraussichtlich auf nur rund 22 Prozent, Demirtas auf 9 Prozent. Der Unterschied wird gemeinhin mit der Annahme erklärt, dass in der Schweiz relativ gesehen mehr Kurden leben würden als in Deutschland. Offizielle Zahlen gibt es dazu allerdings nicht.

In verschiedenen deutschen Städten haben zudem Anhänger des türkischen Präsidenten dessen Wiederwahl gefeiert. In Berlin gab es am Sonntagabend einen Autokorso mit rund hundert Fahrzeugen durch die westliche Innenstadt, wie ein Polizeisprecher sagte. 200 Menschen nahmen demnach daran teil. Der reguläre Verkehr musste teilweise umgeleitet werden, Zwischenfälle gab es aber nicht.

In Duisburg feierten Erdogan-Anhänger in der Nacht zum Montag laut Polizei ebenfalls mit Autokorsos sowie zahlreichen gezündeten Knallkörpern die Wiederwahl des türkischen Staatschefs. Mehr als tausend Menschen blockierten zeitweise eine Strasse. Einige bestiegen Ampelmasten und schwenkten von dort Fahnen von Erdogans islamisch-konservativer AKP.

Die Polizei war in Duisburg mit rund 80 Beamten im Einsatz. Von zahlreichen Teilnehmern der Aktion wurden die Personalien aufgenommen, überdies wurden Anzeigen wegen Straf- und Ordnungswidrigkeiten gestellt.

«Ablehnung unserer liberalen Demokratie»

Der Grünen-Politiker Cem Özdemir kritisierte im Kurzbotschaftendienst Twitter, die feiernden deutsch-türkischen Erdogan Anhänger feierten «nicht nur ihren Alleinherrscher», sondern drückten «damit zugleich ihre Ablehnung unserer liberalen Demokratie aus».

Auch der Dortmunder SPD-Abgeordnete Marco Bülow kritisierte feiernde Türken, die den Sieg Erdogans auf dem Borsigplatz in Dortmund mit «Allahu akbar»-Rufen feierten.

Erdogan hatte am Sonntagabend den Sieg bei den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen in der Türkei für sich reklamiert. Die Wahlkommission bestätigte am frühen Montagmorgen nach Auszählung fast aller Stimmen den Wahlsieg des AKP-Kandidaten. Die Opposition verzichtete trotz Berichten über Unregelmässigkeiten darauf, das Ergebnis anzufechten.

Ähnlich wie beim Verfassungsreferendum

Mit der Wahl tritt in der Türkei das Präsidialsystem in Kraft, das bei einem umstrittenen Referendum im April 2017 knapp gebilligt worden war. Nach Ansicht der Opposition wird damit die Demokratie untergraben und ein Ein-Mann-Regime zementiert. Mit der von Erdogan betriebenen Einführung des Präsidialsystems wird der Posten des Ministerpräsidenten abgeschafft und die Macht des Staatschefs erheblich ausgebaut. Erdogan kündigte in seiner Siegesrede an, das neue System «schnell» umzusetzen.

Auch für sein Verfassungsreferendum erhielt Erdogan in Deutschland mehr Unterstützung als in der Türkei. Das Referendum wurde in der Türkei mit 51 Prozent angenommen. In Deutschland ging knapp die Hälfte der 1,43 Millionen Türken an die Urne und stimmte mit rund 63 Prozent für Erdogans Vorhaben.

Auch dazumal erteilten die Türken in der Schweiz Erdogans Vorhaben eine klare Abfuhr: Das Ja-Lager kam auf bloss 38 Prozent.

(mch/afp)

Erstellt: 25.06.2018, 08:39 Uhr

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