Deutschlands Schattenseite

Die AfD ist das Sammelbecken all jener Menschen in Deutschland, die jenseits der merkelschen Doktrin nicht mehr gut und also immer weniger gerne leben in diesem Land.

Mit seinem moralischen Ansatz und seiner Ethik der umfassenden Gerechtigkeit und seinem Faible für den kleinen Mann wäre Martin Schulz ein guter Bundespräsident.

Mit seinem moralischen Ansatz und seiner Ethik der umfassenden Gerechtigkeit und seinem Faible für den kleinen Mann wäre Martin Schulz ein guter Bundespräsident. Bild: Keystone

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Die AfD kam in diesem Wahlkampf wie ein Gewitter über Deutschland. Zuerst mit Blitz und Donner in die deutsche Anstandskultur im Umgang mit der Vergangenheit, und dann liess sie Parolen regnen à la «Deutschland den Deutschen». Viel zu lange dachten die etablierten Parteien, die AfD sei bloss etwas, das sich kurz ab­regnet über dem Land und dann von den gemässigten Winden auseinander­geblasen wird. Jetzt ist aus dem Gewitter einer jener Dauerregen geworden, bei denen man sich fragt, ob sie nie mehr vorbeigehen.

Die AfD ist das Sammelbecken all jener Menschen in Deutschland, die jenseits der merkelschen Doktrin nicht mehr gut und also immer weniger gerne leben in diesem Land. Die Union, von der über eine Million Wähler zur AfD übergelaufen sind, hat diese Gesellschaft der Verlierer und Vergessenen grob vernachlässigt.

Schulz als Alternative hat die Menschen von den Aussenbezirken des allgemeinen Wohlstands nie interessiert. Die Union hat deren Ängste nicht verstanden, das Wutpotenzial unterschätzt und ihnen nie eine Stimme gegeben. Der Erfolg der AfD ist nicht nur das Versagen der Union, sondern auch jenes der anderen Parteien, die jetzt, erst jetzt, da die AfD 80 Bundestagsabgeordnete wird stellen können, entsetzt tun. Das ist ein bisschen spät.

Es wird lauter werden, ruppiger und derber in Deutschland.

Die Struktur der Republik hat sich verändert, ihre politische Kultur wird sich verändern. Es wird lauter werden, ruppiger und derber in Deutschland. Es wird mehr Polemik geben und Parolen und weniger Vernunft. Ein seltsames Land bisweilen; kommt besser zurecht mit Millionen von Flüchtlingen als mit dem eigenen Volk.

Muss man noch etwas zu Martin Schulz sagen, der Sozialdemokratie, jetzt, da er vom Kanzlerkandidaten zum Konkursverwalter und die Volkspartei eine Partei ohne Volk geworden ist? Vielleicht das. Ihm fehlte stets das Format zum Kanzler, wahrscheinlich haben das die Wähler gespürt. Da war ein Kandidat ohne Format und eine Partei, die zusehends formloser geworden ist. Und trotzdem war er die beste Wahl einer Partei, der kein Besserer zur Verfügung stand, aber er war zu klein, um gross rauszukommen als Gegner von Merkel.

Mit seinem moralischen Ansatz und seiner Ethik der umfassenden Gerechtigkeit und seinem Faible für den kleinen Mann wäre er ein guter Bundespräsident. Wenn man ihn in Massanzüge steckte, die Kassengestellbrille austauschte und den Bart stutzte, könnte das etwas werden. Und es wäre für einmal eine gute Nachricht aus jenem Land, das gerade beginnt, seinen Schatten zu entdecken. (Basler Zeitung)

Erstellt: 25.09.2017, 09:52 Uhr

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