«Jan Kuciak hat an mehreren Geschichten gearbeitet»

Was geschieht nach dem Mord am slowakischen Journalisten und seiner Verlobten? Sein Chefredaktor sprach mit baz.ch/Newsnet im Interview.

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So gut bewacht war die Zentrale der Verlagskooperation Ringier Axel Springer in Bratislava noch nie. Vor dem Foyer des schiefergrauen Bürogebäudes am Rand der slowakischen Hauptstadt stehen Polizisten. Weitere Bewaffnete stehen vor dem Eingang der Redaktion des Onlinemediums Aktuality.sk, wo der 27-jährige Journalist Jan Kuciak arbeitete. Sein Platz ist nun leer. Kuciak und seine Verlobte Martina Kusnirova wurden in ihrem Haus erschossen, vermutlich am Mittwoch, 21 Februar. Gefunden wurden die Leichen vier Tage später. Kuciak recherchierte zuletzt über Aktivitäten der italienischen Mafiagruppe ’Ndrangheta in der Slowakei. Die Polizei ist davon überzeugt, dass der Mord mit seiner Arbeit zusammenhängt.

Das EU-Parlament schickt nun eine Eildelegation in die Slowakei. Nach dem Mord an der maltesischen Journalistin Daphne Caruana Galizia dürfe die EU nicht weiter dem Verfall von Rechtsstaatlichkeit und Pressefreiheit in den Mitgliedsländern tatenlos zusehen, fordert der grüne EU-Abgeordnete Sven Giegold. Auf Antrag der sozialdemokratischen Fraktion, der auch die Partei Smer des slowakischen Regierungschefs Robert Fico angehört, musste der Beginn der dreitägigen Mission allerdings um einen Tag verschoben werden. An diesem ersten Tag waren Treffen mit Journalisten und Vertretern der Zivilgesellschaft geplant gewesen. Der Chefredaktor von Aktuality.sk, Peter Bardy, glaubt dennoch an eine starke Wirkung des Besuchs.

Wird die EU-Delegation Sie und Ihre Redaktion besuchen?
Ich habe dazu keine Informationen. Mit mir hat noch niemand Kontakt aufgenommen.

Aber Sie hätten der Delegation doch sicher einiges zu sagen?
Ich möchte an die Abgeordneten appellieren, die Demokratie und die Freiheit in den Mitgliedsstaaten zu verteidigen. Die EU muss uns eine gute Mutter sein. Sie muss die Verwendung von Fördergeldern in den Mitgliedsstaaten strenger kontrollieren und die Lage für Journalisten überwachen. Journalismus ist schliesslich eine Säule der Demokratie. Auch für die weiteren Ermittlungen des Mordes ist der Besuch wichtig. Wenn die Polizei unter Beobachtung der EU steht, ist das für mich Garantie, dass objektiv und professionell gearbeitet wird.

Professionell gearbeitet wird schon jetzt im Sitzungszimmer von Aktuality.sk. Hier sitzen ausländische Journalisten aus dem Ringier-Axel-Springer-Konzern, die mit ihren slowakischen Kollegen die Recherche Kuciaks fortsetzen sollen. Ein Pole ist da und ein junger Schweizer, der fliessend Slowakisch spricht. Weitere Journalisten werden für diesen Sondereinsatz erwartet. An der Wand hängt ein riesiges Organigramm, das die Verbindungen zwischen slowakischen Geschäftsleuten, italienischer Mafia und der Regierung Fico zeigt.

Wie können Ihnen internationale Journalisten helfen?
Vor allem sollen sie im Ausland erklären, was wirklich in der Slowakei abläuft: wofür EU-Subventionen ausgegeben werden. Oder wie ein Mehrwertsteuer-Karussell funktioniert. Wenn Brüssel der Slowakei mehr Aufmerksamkeit widmet, wird die Chance grösser, dass sich unsere Politiker besser benehmen und zumindest etwas mehr Verantwortung zeigen.

In seinem letzten Artikel deutete Jan Kuciak den Missbrauch von EU-Förderungen in der Slowakei an. Gibt es Beweise?
Die Korruptionsbekämpfungs-Agentur der EU, Olaf, hat ermittelt und Probleme gefunden. Zum Beispiel beim Bau eines Spitals in der Stadt Kosice und bei der Förderung der universitären Forschung. Aber in der Slowakei wurde niemand verurteilt.

Hat die EU zu lange tatenlos zugesehen?
Die Verteilung der EU-Förderung liegt in der Verantwortung der Mitgliedsstaaten. Vielleicht hat Brüssel falsche Informationen aus Bratislava bekommen.

Verfolgen Sie bei Ihren Recherchen ausschliesslich die Spur zur italienischen Mafia?
Es gibt mehrere Geschichten, an denen Jan Kuciak gearbeitet hat. Es gibt also mehrere Spuren. Überall könnten sich Informationen verstecken, die mit dem Mord zu tun haben.

Jene in der Slowakei lebenden Italiener, die Kuciak in seinem letzten Artikel erwähnte, wurden vergangene Woche verhaftet, nach kurzer Zeit aber wieder freigelassen. Sind Sie enttäuscht?
Ich bin kein Ermittler und kein Jurist. Wenn die Polizei die Italiener wieder freiliess, dann musste sie es offenbar tun. Offenbar gab es keinen Grund für die Verhängung der Untersuchungshaft. Das Wichtigste ist, dass nicht nur der oder die Mörder verhaftet und vor Gericht gestellt werden, sondern auch die Hintermänner.

Video: Alle Festgenommenen wieder frei

. Im Fall des Mordes an dem Investigativjournalisten Jan Kuciak verlangen Demonstranten eine rasche Aufklärung. (Video: Tamedia/Reuters)


Priorität für die EU-Delegation haben Gespräche mit Robert Fico und seinem Innenminister Robert Kalinak. Der Regierungschef hatte am Tag nach Entdeckung des Doppelmords eine Million Euro für Hinweise versprochen, die zur Ergreifung der Täter führen. Nachdem Staatspräsident Andrej Kiska jedoch «bedeutsame Änderungen» in der slowakischen Regierung gefordert hatte, lenkte Fico die Aufmerksamkeit auf ein Feindbild, das bisher vor allem Ungarns rechtspopulistischer Regierungschef Viktor Orban pflegte: George Soros wolle die Slowakei destabilisieren, behauptete Fico. In den slowakischen Medien wurde Fico für diese Schuldzuweisung heftig kritisiert. Fico gehe den Weg der orbanschen Hasskampagnen, schreibt die Zeitung «Sme» – und das in einer Zeit, «in der das Volk von ihm Zeichen der moralischen und politischen Verantwortung verlangt». Die kleine Koalitionspartei Most-Hid will ihre Mitglieder über den Verbleib in der Regierung abstimmen lassen.

Wird die Regierung von Robert Fico diese Krise überleben?
Im Moment sieht es nicht danach aus. Regierungschef Fico lebt anscheinend in einer Blase. Er glaubt, dass er immer noch grosse Unterstützung im Volk hat. Aber das ist nicht einmal in der Nähe der Realität. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.03.2018, 18:27 Uhr

Peter Bardy ist Chefredaktor der Plattform Aktuality.sk.

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