Die Lautsprecherin

Andrea Nahles, deutsche SPD-Spitzenpolitikerin, ist rhetorisch verhaltensauffällig.

Andrea Nahles ist unter anderem das Sujet an grossen Umzügen, wie hier am Rosenmontag in Düsseldorf.

Andrea Nahles ist unter anderem das Sujet an grossen Umzügen, wie hier am Rosenmontag in Düsseldorf.

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Es gibt Menschen, die reden in normalem Tonfall, die Lautstärke dürfte dann etwa 65 Dezibel betragen. Es gibt Zeitgenossen, die andere anschreien – die Schalldruck-Skala zeigt dann ungefähr 80 Dezibel. Und es gibt Andrea Nahles, die Chefin der sozialdemokratischen Fraktion im Deutschen Bundestag. Wenn sie auftritt, erreicht ihr Pegel in der Regel 90 bis 120 Dezibel – das entspricht im harmloseren Fall dem Geräusch einer Holzfräsmaschine, im schlimmeren demjenigen einer Motorsäge oder eines Presslufthammers.

Die 47-jährige Berufspolitikerin zeichnete sich noch nie durch Leisetreterei aus. Schon in der Maturazeitung soll sie als Berufswunsch keck «Hausfrau – oder Bundeskanzlerin» angegeben haben.

«Katastrophen im Liebesroman»

Wäre ihr Leben eine Tonspur, wären darauf viele heftige Ausschläge nach oben verzeichnet. Ihr Vater, Maurermeister in einem 475-Seelen-Dorf namens Weiler in der Eifel, verbot ihr, aufs Gymnasium zu gehen, während er es dem jüngeren Sohn gestattete. Nahles heulte auf. Die Matur machte sie trotzdem, auf dem zweiten Bildungsweg. Ihre Abschlussarbeit widmete sie der Trivialliteratur, der Titel lautete: «Funktion von Katastrophen im Serien-Liebesroman».

Ein Autounfall in Schweden hätte um ein Haar ihr junges Leben beendet. Sie knallte gegen einen Baum und wurde, nicht angegurtet, schwer verletzt. Eine grosse Narbe an der Stirn zeugt heute noch davon. Doch Nahles kämpfte sich zurück in den Alltag, ein Hüftleiden blieb als Erinnerung zurück.

«Granatenarschloch»

Vor ihrem Haus in Weiler, wo sie heute noch als Alleinerziehende mit ihrer Tochter lebt, kann es zur Weiberfasnacht schon mal laut werden: Die Katholikin baut dann jeweils, als Clown geschminkt, eine Schnapsbar auf und schunkelt mit den Nachbarinnen.

Erstmals richtig politisch Krach machte sie als 18-Jährige, als sie in die SPD eintrat und den SPD-Ortsverein Weiler gründete, um gegen den Bau von zwei Müllverbrennungsanlagen zu protestieren, die in der Nähe des Dorfes gebaut werden sollten.

Als Mitglied der deutschen Jungsozialisten (1988–1999) hockte sie ebenso wenig aufs Maul wie als SPD-Bundestagsabgeordnete (1998–2000 und 2005–2013), als SPD-Generalsekretärin (2009–2013) oder als Bundesministerin für Arbeit und Soziales (2013–2017). Vergangenen Herbst jubelte sie: Da kürte sie die SPD-Fraktion im Bundestag schliesslich zu ihrer neuen Vorsitzenden.

In allen diesen Ämtern war und ist sie vor allem eines: akustisch und rhetorisch verhaltensauffällig. 2013 verspottet sie im Parlament in Berlin Bundeskanzlerin Angela Merkel, die zuvor ein ausschliesslich positives Bild zur Lage der Nation gemalt hat. Sie persifliert dazu die Titelmelodie zum Pippi- Langstrumpf-Film: «Dadadi, dadada, ich mach mir die Welt, widde widde wie sie mir gefällt.»

Am Bundeskongress der Jungsozialisten 2016 in Dresden ruft sie in den Saal: «Ich sage euch an dieser Stelle, was mir auf dem Weg hierher, ich bin von Berlin mit dem Auto gekommen, passiert ist ...» – Buhrufe aus dem Publikum – «... ja soll ich denn zu Fuss gehen, hä? Ich bin ja nicht Umweltministerin!». Gelächter und Applaus. «Passiert ist also Folgendes, dass sich Seehofer heute geäussert hat ...» – in Nahles Stimme legt sich Spott – «... mein Freund Horst ...» – Gelächter, Gejohle – «… hat meine Pläne kritisiert, was das Rentenniveau angeht.» Nahles Stimme dreht jetzt im Hochfrequenz-Bereich: «Im April hat er Kürzungen beim Rentenniveau gegeisselt, jetzt kritisiert er, dass meine Vorschläge zur Hebung des Rentenniveaus etwas kosten! Das ist völlig inakzeptabel. Lieber Horst Seehofer, wer A sagt, muss auch B sagen, die Leute bescheissen, das geht nicht!»

Der Saal tobt.

Nahles teilt gerne aus, nennt Kollegen «Granatenarschloch», kanzelt sie gestikulierend mit den Worten ab: «Das ist Blödsinn, verdammt noch mal.» Sie bezeichnet die Konkurrenz als «Gurkentruppe» und antwortet einer Fernsehreporterin, die sie fragt, wie sich ihre letzte Kabinettssitzung angefühlt habe: «Ein bisschen wehmütig. Aber ab morgen kriegen sie in die Fresse.» Dann lacht sie ein langes Lachen. Es klingt grollend wie der Motor eines Kahns, der vom Hafenquai abstösst.

«Verdammte Kacke»

Nahles Kritiker sagen, sie sei eine Frau, die «leidenschaftlich gerne peinlich auftritt» und diese Peinlichkeit «sogar noch gut aushalten» könne. Als Jungsozialistin sagte sie einst in die Kameras: «Hat einer schon mal etwas von Stimmband-Transplantation gehört? Weil, die hätte ich jetzt nötig.»

Nahles Stimmbänder sind immer noch die alten. Wenn sie «verdammte Kacke noch mal» ruft, quietschen sie. Ihre Anhänger quietschen mit, vor lauter Freude über die Lautsprecherin der Nation. (Basler Zeitung)

Erstellt: 14.02.2018, 09:08 Uhr

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