Die One-Man-Show

Sebastian Kurz hat die ÖVP unter seine Kontrolle gebracht. Bald könnte er Österreichs Kanzler sein – mit 31 Jahren.

Politik als Show. Die Kundgebungen von Sebastian Kurz sind durchinszeniert wie amerikanische Parteikonvente.

Politik als Show. Die Kundgebungen von Sebastian Kurz sind durchinszeniert wie amerikanische Parteikonvente. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Slogans von Sebastian Kurz sind von kaum zu überbietender Schlichtheit: «Tun, was richtig ist», fordert er österreichweit auf Plakaten. Damit will der erst 31-jährige Vorsitzende der konservativen Österreichischen Volkspartei (ÖVP) die Parlamentswahlen vom Sonntag nächster Woche gewinnen – und neuer österreichischer Bundeskanzler werden.

Die Aussichten dafür stehen gut: Kurz führt in allen Umfragen deutlich, zuletzt konnte er seinen Vorsprung sogar ausbauen, nachdem bekannt geworden war, dass seine Gegner ihn mit unlauteren Methoden bekämpft haben (siehe Kasten).

Wahlforscher sagen Kurz bis zu 35 Prozent der Stimmen voraus. Die sozialdemokratische SPÖ von Bundeskanzler Christian Kern und die rechte FPÖ von Heinz-Christian Strache rangeln dahinter, mit jeweils rund 25 Prozent, um den zweiten Platz. Bald könnte Kurz der jüngste Regierungschef Europas sein. Wie hat er das geschafft?

Ein steiler Aufstieg

Aufgewachsen ist Sebastian Kurz im 12. Wiener Gemeindebezirk (Meidling), einer unspektakulären Gegend, als Sohn eines Technikers und einer Lehrerin. Das Gymnasium schloss er 2004 mit Bestnoten ab, machte ein Zwischenjahr im Bundesheer und begann dann ein Studium der Rechtswissenschaft an der Universität Wien. Als sich ihm Aufstiegsmöglichkeiten in der Politik boten, war ihm das Studium offenbar nicht mehr interessant genug. Er brach es ab – und machte Karriere.

2009 avancierte Kurz zum Bundesobmann der Jungen Volkspartei, der Nachwuchsorganisation der ÖVP. Dort entdeckten ihn die Altvordern als rhetorisches Talent und machten ihn 2011 zum Staatssekretär für Integration. Seit 2013 ist er Aussenminister der Republik, seit diesem Juni präsidiert er die staatstragende ÖVP. Sein Wahlergebnis am Parteitag: 98,7 Prozent.

Der Aufstieg von Kurz hängt eng mit dem Abstieg der ÖVP zusammen. Sie wurde 1945, nach dem Krieg, gegründet und etablierte sich in der Zweiten Republik schnell als Grosspartei des bürgerlichen Lagers. Über die Jahrzehnte stellte sie fünf Bundeskanzler und war die längste Zeit in der Regierung vertreten. Allerdings hatte sie in den vergangenen Jahren mit wechselnden Parteivorsitzenden keine Fortune mehr und verlor viele Wähler. Inzwischen ist die ÖVP seit mehr als einem Jahrzehnt Juniorpartner in einer Grossen Koalition mit der SPÖ. Der dynamische, machtbewusste Kurz schien plötzlich der Einzige zu sein, der es schaffen könnte, eine Wende einzuleiten. In kürzester Zeit machte er aus der altehrwürdigen, eher trägen ÖVP eine One-Man-Show. Die Parteitagsdelegierten akzeptierten seine Forderung, dass er allein bestimmen dürfe, wer auf der Bundesliste für die Nationalratswahlen antrete. Ihr Name: «Liste Sebastian Kurz – die neue Volkspartei».

Lauter Experten umfasse die Liste, betont Kurz gerne. Die Kunst sei es, eine gute Mischung aus Erfahrung und Erneuerung zu finden. Eine Idee Kurz’: das «Reissverschlusssystem», das zu einem Frauenanteil von 50 Prozent führt. «Wir haben in neun Bundesländern fünf Frauen als Spitzenkandidaten, so viele wie noch nie», sagt Kurz nicht ohne Stolz. Dazu gehören zum Beispiel eine ehemalige Miss Austria, eine TV-Moderatorin, eine Gastronomin und eine Unternehmerin. «Vor der Parlamentswahl am 15. Oktober gerät die Politik zur Personalityshow – und das eher politikverdrossene Publikum darf sich auf immer neue Folgen freuen», schrieb der Tages-Anzeiger.

Kurz ist damit «sehr zufrieden». Unter ihm soll die Volkspartei offener und weniger formalistisch werden. «Wer Österreich wirklich liebt, kann nicht zufrieden sein mit dem, wo wir heute stehen», sagt er. Die Regierung könne nicht einfach so «weiterwursteln», lautet die zentrale Botschaft. Oder eben: «Tun, was richtig ist.»

Mit Ansagen, was denn richtig sein soll, hält Sebastian Kurz sich freilich eher zurück. Das ist Teil seiner Strategie. Wichtiger ist für ihn «der neue Stil» des Wahlprogramms. So steht es auf einem überall gepflasterten Plakat mit dem Konterfei des Kandidaten. Dort präsentiert er sich seriös, im dunkelblauen Anzug, mit hellblauem Hemd, dennoch leger, ohne Krawatte, mit zurückgegelten Haaren und wachem Blick, der in die Ferne schweift. Dazu der Spruch: «Es ist Zeit.»

Zeit wofür? Das kann sich jeder selbst ausmalen. Auf jeden Fall scheint es Zeit zu sein für Sebastian Kurz, weniger für seine Partei. Das ÖVP-Logo ist auf den Plakaten nicht zu sehen. Alles soll nach Neuanfang aussehen.

Sehnsucht nach Veränderung

Die österreichische Politikwissenschaftlerin Kathrin Stainer-Hämmerle sagt: «Wenn man sich seine Umfragewerte anschaut, ist das eine erfolgreiche Strategie.» Kurz bediene «die Sehnsucht nach starker Veränderung» und schaffe es somit, auch «bei jenen Leuten, die sonst eine politische Berichterstattung überblättern würden, Aufmerksamkeit zu erregen». Und das Ganze ohne viele Inhalte. Die Wahlslogans sind bewusst vage gehalten, um viele anzusprechen und niemanden zu verschrecken.

Politisch unerfahrene Kandidaten auf der Liste, wenig inhaltliche Festlegungen: Damit vermittelt Kurz dem Wahlvolk mit Erfolg, dass man die Politik nicht länger den Politikern überlassen dürfe. Das Paradox ist, dass er selbst nie etwas anderes gemacht hat als Politik, zuletzt als Aussenminister.

Diese hatten in Österreich schon immer einen guten Ruf. Sie repräsentieren das Land in der Welt und können sich aus innenpolitischen Kontroversen mehr oder weniger heraushalten. So hielt es auch Kurz, bis 2015 die Flüchtlingspolitik alle anderen Themen zu dominieren begann.

Frühzeitig forderte er, die Grenzen dichtzumachen, und erklärte, Österreich könne nicht viele Flüchtlinge aufnehmen. Froh war er, dass er die meisten durchwinken konnte – zur Weiterreise nach Deutschland. Mit dieser Politik bedrängt er vor allem die rechte FPÖ. Kurz versteht es, sich als starker Mann zu inszenieren, und für starke (oder angeblich starke) Männer haben die Österreicher, wie Meinungsumfragen zeigen, eine Schwäche.

So gesehen ist Kurz für die ÖVP der richtige Kandidat zur richtigen Zeit. Freilich birgt sein Kurs auch Gefahren. Kritiker monieren, die Quereinsteiger auf der Liste brächten das Parteigefüge durcheinander, was bereits auch schon zu spüren war: Als Kurz die Sportlerin Kira Grünberg auf Platz eins der Tiroler Landesliste platzierte, zogen drei dortige ÖVP-Politikerinnen ihre Kandidatur unter Protest zurück. «Kurz musste Neues bringen, aber mit Fingerspitzengefühl. Ansonsten würde er die Leute vor den Kopf stossen», sagt Georg Kapsch, der Präsident der Industriellenvereinigung. Dabei taste er sich mehr und mehr an gewichtige Themen heran. Welche Positionen er jeweils beziehen soll, scheint er allerdings oft selbst noch nicht immer so genau zu wissen.

Neuling an der Macht

In der Wirtschaftspolitik ist er ein Neuling. Unbekümmert verspricht er allen alles. Unternehmer will er durch Steuersenkungen fördern und damit Arbeitsplätze schaffen. Gleichzeitig möchte er Familien finanziell besserstellen und mehr für Bildung ausgeben. Er verspricht, die in Österreich hohe Abgabenquote von 43,1 unter 40 Prozent zu senken und mit weniger Staatseinnahmen dennoch das Defizit zu reduzieren. Das hat bisher noch keiner geschafft. Wie es ihm gelingen soll, verrät Kurz nicht.

Am Sonntag fand im Privatsender ATV die sogenannte Elefantenrunde statt. Den Kandidaten wurde dabei ein alkoholfreies Bier serviert – in der Grösse der versprochenen Entlastungsvolumen. Christian Kern, der Kanzler und Spitzenkandidat der SPÖ, schaute zuerst auf sein Glas, beschriftet mit 5,3 Milliarden Euro, dann auf den Krug von Sebastian Kurz (14 Milliarden Euro). «Was Sie hier sehen, ist der Unterschied zwischen einem vernünftigen Konzept und einem Konzept, das nie umgesetzt werden wird», kommentierte er. Solche Kritik perlt an Kurz ab: Er liegt in Meinungsumfragen weiterhin deutlich vor Kern.

Inzwischen gewöhnen sich die Österreicher an den Gedanken, bald von einem 31-Jährigen regiert zu werden. Welche Koalition für ihn denkbar wäre, will Kurz allerdings nicht sagen. «Wir wissen ja noch nicht, wie sich der Wähler entscheidet. Sollten wir gewählt werden, werden wir mit allen Parteien Gespräche führen, mit dem Ziel, unser Programm umzusetzen.» Bis dahin verschliesse er sich niemandem – auch nicht der FPÖ, die von den anderen Parteien gemieden wird.

Kurz punktet mit hohen Sympathiewerten, was zeigt, wie erfolgreiche Politik heute funktioniert: Es kommt nicht mehr auf den Nachweis von Kompetenz an – wichtig ist, dass man den Eindruck vermittelt, kompetent zu sein. Der entscheidende Faktor dafür ist Sympathie. Weil Kurz sympathisch wirkt, wird ihm von den Wählern Kompetenz zugesprochen. Psychologen nennen das einen Attributionsfehler. Aber eine Wahl ist kein Psychologieseminar.

Sebastian Kurz macht im Wahlkampf einfach, «was richtig ist» – zumindest für ihn. Damit könnte er schon bald Bundeskanzler werden. (Basler Zeitung)

Erstellt: 06.10.2017, 09:45 Uhr

Artikel zum Thema

Die Leiden des jungen Hausbichlers

Österreichs Männer fühlen sich von den etablierten Parteien zunehmend benachteiligt. Mehr...

Vertraute Fremde

Essay Ist Österreich Deutschland, und wenn nicht, was ist es dann? Eine Spurensuche aus aktuellem Anlass. Mehr...

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Kommentare

Blogs

Sweet Home Schon mal daran gedacht?

Die Welt in Bildern

Fast alles sitzt: Die Stanser Älpler machen sich für ein Gruppenfoto bereit, anlässlich der traditionellen Älplerchilbi. (15. Okober 2017)
(Bild: Urs Flueeler) Mehr...