Die Revolution frisst ihre Kinder

Die SP auf ideologischem Schleuderkurs. Eine Replik auf Markus Somm.

Politische Leitfigur: Wladimir Iljitsch Lenin ergreift 1919 vor Soldaten der Roten Armee in Moskau das Wort. In den Jahren vor der Oktoberrevolution 1917 lebte er als Emigrant in der Schweiz und bereitete dort die Revolution vor.

Politische Leitfigur: Wladimir Iljitsch Lenin ergreift 1919 vor Soldaten der Roten Armee in Moskau das Wort. In den Jahren vor der Oktoberrevolution 1917 lebte er als Emigrant in der Schweiz und bereitete dort die Revolution vor. Bild: Keystone

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Die Russische Revolution vom 7. November 1917 ist als Oktoberrevolution in die Geschichte eingegangen – weil der 7. November nach dem julianischen Kalender auf den 25. Oktober fiel. Markus Somm erinnerte daran: «100 Jahre Kommunismus, 100 Millionen Tote». Mit seinem unnachahmlichen provokativen Charme jagte er mit dem Schlusssatz so ziemlich jeden Linken auf die Palme: «Warum gibt es nach wie vor so viele Sozialisten?»

Ich brauchte Zeit, um meine historischen Kenntnisse abzusichern. Wenn die unten nicht mehr wollen und die oben nicht mehr können, liegt die Revolution in der Luft. In Europa tobte der Erste Weltkrieg (1914–1918). Millionen Tote, zerstörte Länder, hungernde und kriegsmüde Völker – in diesem elenden Zustand befand sich Europa. Da strahlte die Oktoberrevolution wie ein Leuchtturm der Hoffnung auf eine bessere Zeit. Zumal das revolutionäre Russland mit Deutschland einen Separatfrieden geschlossen hatte.

Ein Revolutionär aus der Schweiz

Lenin als Anführer der Revolution hatte als Emigrant in der Schweiz gelebt und bereitete die Revolution vor. Etwa als prominenter Teilnehmer an der Zimmerwaldkonferenz, sogenannt nach dem Dorf im bernischen Gürbetal, wo sie stattfand.

Das verabschiedete revolutionäre Manifest der radikalen Schweizer Linken mottete in der SP jahrelang als provokante Ideologie. Lenin reiste dann in einem plombierten Zug durch Deutschland nach Petrograd, das heutige St. Petersburg. SP-Nationalrat Robert Grimm hatte mit dem ausdrücklichen Einverständnis der deutschen Regierung den historischen Transport organisiert. Es wurde daraus die direkte Fahrt zur Revolution und zur Machtübernahme in Russland durch den Emigranten Lenin aus der Schweiz.

Mit einer SP-Delegation besuchten wir 1988 die Machthaber in Moskau. Als Präsent überreichten wir ihnen eine Originalunterschrift von Lenin. Das war auch in der Ära von Michail Gorbatschow ein Volltreffer. Woher hatten wir sie? Vom Sozialarchiv in Zürich. Wenn Lenin ein Buch ausgeliehen hat, musste er dafür unterschreiben.

Die SP wird durchgeschüttelt

Die politische Linke in der Schweiz begrüsste die Russische Revolution. Die Geschäftsleitung der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz hatte beschlossen, am 10. November 1918 den Jahrestag der Oktoberrevolution zu feiern. Ich zitiere aus dem erlassenen Aufruf: «Schon rötet die nahende Revolution den Himmel über Zentraleuropa. Der erlösende Brand wird das ganze morsche, blutdurchtränkte Gebäude der kapitalistischen Welt erfassen. Eine neue Geschichtsära eröffnet sich, die Ära des Kampfes um die Befreiung der Volksmassen von Druck und Ausbeutung, von Hunger und Krieg, die Ära des Sozialismus. Indem das Proletariat aller Länder das Banner der sozialen Revolution erhebt.»

Der Text benötigt keine Interpretation. Die umstrittene Mehrheit der SP glaubte, die eigene Arbeiterschaft sei lediglich mit einer revolutionären Politik zu überzeugen. Am Parteitag 1919 stimmte die Mehrheit sogar für den Beitritt zur Kommunistischen Internationale (Komintern), Sitz in Moskau. In einer Urabstimmung entschieden sich die Mitglieder mit fast zwei Dritteln dagegen.

Die Linksideologen versuchten den Anschluss an die Komintern ein zweites Mal. Erst die von Lenin ultimativ diktierten 21 Bedingungen brachten sie zur Vernunft. Lenin hatte die totale Unterwerfung verlangt. Wer seiner Internationale beitrat, akzeptierte die kommunistische Diktatur. Das sorgte für heilsame Ernüchterung. 1920 lehnte ein Parteitag den Beitritt ab.

Der revolutionäre Zimmerwald-Flügel marschierte am erwähnten Parteitag ab und gründete die Kommunistische Partei, die KP. Die Spaltung zwischen revolutionären Sozialisten und Reform-Sozialdemokraten sorgte für politische Klarheit.

Demokratische Vernunft

Der Demokratisierungsprozess dauerte bis 1935. Mit dem neuen Parteiprogramm besann sich die SP auf ihren Namen: Sozial-Demokratie.

In Basel übernahm die Kommunistische Partei das bisherige Parteiorgan Vorwärts. Die SP eröffnete in der St.- Johanns-Vorstadt ihre neue Volksdruckerei, heute das Kulturzentrum Ackermannshof. Und gab, zusammen mit den Gewerkschaften, die Arbeiter-Zeitung heraus, später Basler AZ genannt. Familienkräche sind bekanntlich die schlimmsten. Das ist in der Politik nicht anders. In den Dreissigerjahren kam es im Grossen Rat zu Schlägereien zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten. Man stelle sich das heutzutage vor.

Nach dem Tod von Lenin 1924 rückte Stalin nach. Der Stalinismus erwies sich als Synonym für Stalins Schreckensherrschaft. Er hatte in seiner tödlichen Diktatur die intellektuelle, politische und militärische Elite liquidiert. Auch nach Stalin scheiterte Gorbatschow mit den Reformen, um das System zu demokratisieren.

Für die SP notierte ich zwei konträre Beispiele. Ihr Sekretär Fritz Platten emigrierte nach Moskau und hat den Stalinismus nicht überlebt. Jules Humbert-Droz übernahm das Sekretariat der Komintern in Moskau. Rechtzeitig erkannte er die Gefahren des Stalinismus und kehrte in die Schweiz zurück. Als SP-Funktionär hatte er mich als jungen Politiker über den Sowjetkommunismus aufgeklärt. Er wusste, wovon er sprach.

Ideologische Irrtümer

Markus Somm hat mich mit seiner Abrechnung motiviert, in der SP-Geschichte nachzublättern. Politik verläuft nicht immer gradlinig. Es gibt nichts schönzureden. Die SP lieferte ideologische Irrtümer. Seit 1935, seit 82 Jahren also, macht sie auf schweizerische demokratische Art linke Politik.

«Jugendsünden» können abgebucht werden. In den harten Dreissigerjahren hatte die Moskauer Komintern die Parolen herausgegeben: «Wer hat uns verraten? Die Sozialdemokraten!» Im Zweiten Weltkrieg kam es zum nationalen Schulterschluss. Die SP hat sich im bürgerlichen Bundeshaus als linke Minderheit etabliert. (Basler Zeitung)

Erstellt: 06.12.2017, 09:52 Uhr

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