Die verteufelten Unzufriedenen

Die AfD wird dämonisiert und ihre Wähler werden verunglimpft als dummes und primitives Volk. Das wird sich rächen.

Diese Menschen, AFD-Sympathisanten aus Cottbus, sind aus Sicht der anderen Parteien eine Gefahr für die Demokratie.

Diese Menschen, AFD-Sympathisanten aus Cottbus, sind aus Sicht der anderen Parteien eine Gefahr für die Demokratie. Bild: Keystone

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Von einem «Wahlkampf zum Davonlaufen» hat Michael Bahnerth kürzlich geschrieben. Dazu ein paar Anmerkungen. Wo waren die vermuteten Neonazis, bevor sie sich der AfD zugewandt haben? Sie fanden gleichsam Unterschlupf bei den sogenannten etablierten Parteien. Das hat diese offenbar wenig gestört.

Wählerwanderungen zeigen, woher ein Grossteil der AfD-Wähler kommt: Aus der Gruppe der Nichtwähler und selbstverständlich aus den anderen Parteien – auch von den Linken. Diese zählt inzwischen ebenfalls zu den etablierten Parteien, obwohl deren Mitglieder vor nicht allzu langer Zeit noch den Ausgestossenen zugerechnet wurden. Sie wurden beschimpft als Nachfolge-Partei der SED, als Alt-Kommunisten und Ewiggestrige. Vor den Linken waren es «Die Grünen». Franz Josef Strauss hielt die Grünen für keine demokratische Partei und gegenüber einem grünen Politiker äusserte sich Strauss wie folgt: «Lieber ein kalter Krieger als ein warmer Bruder.»

Die Wähler werden verunglimpft als Neonazis, Wutbürger und Halb- beziehungsweise flüchtig Gebildete.

Jetzt ist die AfD dran. Eine junge Partei mit Anlaufschwierigkeiten – wie alle jungen Parteien. Eine Partei, die der Intellektuelle Michael Bahnerth als eine Partei bezeichnet, «deren Rechts bisweilen grenzenlos und die das deutsche Bassin für Unzufriedene, flüchtig Gebildete und Ewiggestrige ist». Nun, Herr Bahnerth macht nebenbei deutlich, dass ein Intellektueller keineswegs gebildet sein muss.

Von den Linken bis zur CSU, von den Medien – vor allem vom deutschen Fernsehen – bis zu den Kirchen, von Künstlern bis zu den Intellektuellen und jenen, die sich gerne dazuzählen, wird die AfD dämonisiert und werden ihre Wähler verunglimpft als Neonazis, Wutbürger und Halb- beziehungsweise flüchtig Gebildete, wobei gemeint ist: ein dummes und primitives Volk. Altkanzler Schröder rief zu einem Aufstand der Anständigen gegen die Unanständigen (Pegida) auf. Denselben Schröder, Erfinder von Hartz IV, zieht es in den Vorstand des russischen Ölkonzerns Rosneft.

Frau Weidel verliess die Runde schweigend unter Buhrufen und Gejohle des «anständigen» Publikums.

In der Politsendung des ZDF von letzter Woche, die auch Herr Bahnerth anspricht, verliess die AfD-Spitzenkandidatin, Alice Weidel, die Gesprächsrunde, nachdem sie mehrmals von Kollegen und vor allem von der Moderatorin Marietta Slomka schikaniert wurde. Frau Weidel verliess die Runde schweigend unter Buhrufen und Gejohle des «anständigen» Publikums, dessen Auswahl durch den Sender ein Geheimnis bleibt.

Der AfD kann es recht sein. Ihre Verteufelung durch die sogenannten und selbsternannten Anständigen wird sich als kontraproduktiv erweisen. Die AfD wird bei der Wahl des Deutschen Bundestages ein deutlich zweistelliges Ergebnis einfahren. Ich kann gut verstehen, dass viele Unzufriedene sagen: jetzt erst recht!

Franz Sabo ist römisch-katholischer Pfarrer in Röschenz. Der Beitrag erschien in der Rubrik Einspruch in der Basler Zeitung von Mittwoch. (Basler Zeitung)

Erstellt: 21.09.2017, 15:55 Uhr

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