Ein Wort für Grossbritannien

Die EU verhält sich seit Monaten so, als würde der Austritt eines so starken Mitglieds nur diesem schaden und ihr selbst nicht.

Die EU-Chefs sollten zu etwas mehr Respekt vor Grossbritannien ermahnen.

Die EU-Chefs sollten zu etwas mehr Respekt vor Grossbritannien ermahnen. Bild: Keystone

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Die Briten wollen also wieder mal raus aus Europa und merken jetzt, dass das nicht geht. Jedenfalls nicht mehr so einfach wie früher, als sie mit ihren Truppen nur rechtsumkehrt zurück über den Kanal konnten. So wie vor zweihundert Jahren, nachdem sie den Europäern geholfen hatten, einen machtbesessenen französischen Kaiser zu stoppen oder ein Jahrhundert später einen deutschen. Und vor gut siebzig Jahren einen wahnwitzigen deutschen Nazi.

Da sagte noch kein Europäer: Achtung Briten, wenn ihr jetzt wieder geht, dann bekommt ihr für eure Flugzeuge künftig keine Landeerlaubnis mehr.

Gewiss, der Brexit ist etwas anderes, und die alten Schlachten sind ohnehin längst Geschichte. Trotzdem sollten sie die EU-Chefs, die selbst ja auch gern die historische Friedensleistung ihres europäischen Projekts beschwören, zu etwas mehr Respekt vor Grossbritannien ermahnen. Dass sie ihr Friedensprojekt nach all den grauenhaften Kriegen überhaupt in Angriff nehmen konnten, verdanken sie ja ganz wesentlich auch den Briten.

Ungerecht behandelte Wohltäter, die man bemitleiden muss, sind die Briten deswegen natürlich nicht. Wenn sie in der Vergangenheit in Europa eingriffen, um übermächtige Herrscher in die Schranken zu weisen, dann nicht, weil sie bessere Menschen sind, sondern weil sie es seit jeher meisterhaft verstehen, ihre Interessen durchzusetzen.

Eine tiefe Abneigung gegen übermässige Machtkonzentrationen hilft ihnen dabei. Frankreich mit seinen absolutistischen und zentralistischen Königen, die eigenmächtig Steuern erhoben und Kriege führten, war ihnen immer schon ein Graus. Als ihre eigenen Könige ähnlichen Machthunger zeigten, holten sie sich vor über dreihundert Jahren kurzerhand einen pflegeleichteren Monarchen aus den Niederlanden auf den Thron. Dem machten sie sogleich klar, dass er weder Steuern zu bestimmen noch selbst eine Armee zu halten habe und ohne das Parlament auch sonst kaum etwas entscheiden dürfe. Ein König mit Machtbefugnissen, wie sie heute Präsident Macron in Frankreich hat, wäre in Grossbritannien schon vor dreihundert Jahren nicht möglich gewesen.

Die Politik der schwachen Könige führte zu vergleichsweise tiefen Steuern und wenig Regulierungen: zwei wichtige Faktoren auf dem Weg Englands zur ersten Industrienation und Weltmacht. Auch wenn es diese Führungsrolle längst an die USA abgeben musste, ist von der alten Stärke vieles noch da. So hat Grossbritannien den fünftgrössten Finanzplatz der Welt, es ist die sechstgrösste Militärmacht weltweit und die grösste in Westeuropa. Nebst Frankreich ist es die einzige Atommacht in der EU, es ist Mitglied des Uno-Sicherheitsrats, der G7 und vieles mehr.

Die EU verhält sich seit Monaten so, als würde der Austritt eines so starken Mitglieds nur diesem schaden und ihr selbst nicht. Sollte sie das ernst meinen, wäre das selbstmörderisch. Wenn man in Brüssel klug ist, kommt man den Briten deshalb endlich etwas entgegen. Denn vergessen wir nicht: Wann immer die Briten in den letzten Jahrhunderten auf dem Kontinent entscheidend eingriffen, waren sie aus heutiger Sicht europapolitisch auf der «richtigen» Seite. Wieso sollten sie es eigentlich nicht auch diesmal sein? (Basler Zeitung)

Erstellt: 11.10.2018, 13:28 Uhr

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