Eine Beleidigung für den Verstand

Mit entsicherter Moralpistole zwingt die Diktatur des politisch Korrekten die Bürger, nur noch so zu sprechen, wie es ihr gefällt. Ein Kommentar von Jörg Baberowski.

Mitglied des «reaktionären Swingerclub»: Der französische Künstler Michel Houellebecq musste sich bereits den Unmut eines Journalisten gefallen lassen.

Mitglied des «reaktionären Swingerclub»: Der französische Künstler Michel Houellebecq musste sich bereits den Unmut eines Journalisten gefallen lassen. Bild: Keystone

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Vor einigen Tagen erklärte eine Bundestagsabgeordnete der CDU, die «Umvolkung Deutschlands» habe längst begonnen. Die Empörung war gross. So dürfe nicht gesprochen werden, hiess es allenthalben, die Aussage der Abgeordneten sei «unsäglich», teilte der Generalsekretär der CDU mit. Wer «Umvolkung» sage, bediene sich der Sprache der Nationalsozialisten. Aber ist die Bedienung einer Sprache auch ein Hinweis auf die Gesinnung des Sprechers? Nun hätte man vielerlei ins Feld führen können.

Man hätte der Abgeordneten klarmachen können, dass der Begriff der «Umvolkung» zur Beschreibung des gegenwärtigen Geschehens ungeeignet sei, weil die Nationalsozialisten ihn verwendet hätten, um die «Re-Germanisierung» sogenannter Volksdeutscher zu legitimieren, dass die Homogenität des Staatsvolkes nicht erstrebenswert sei und dass die Regierung keine Strategie verfolge, um die ethnische Komposition des Staatsvolkes zu verändern. Das alles hätten Politiker in der Öffentlichkeit vortragen können, und sie wären als Menschen verstanden worden, die auf die Kraft des Arguments vertrauen.

Diktatur der Political Correctness

Gespräche sind offen, und deshalb weiss niemand im Voraus, wohin sie uns führen. Das Argument aber ist der Feind des Gesinnungsprüfers. Er will alle Farben, aus denen seine bunte Welt besteht, selbst aussuchen. In dieser Simulation des Meinungsaustausches steht fest, was gesagt ­werden darf. Ausgeschlossen wird, wer die unkontrollierte Einwanderung kritisiert, wer die Souveränität des Nationalstaates verteidigt, wer sich der Eroberung des öffentlichen Raumes durch die Religion widersetzt, wer die repräsentative Demokratie nicht für die Ultima Ratio politischer Organisation begreift, wer nicht der Auffassung ist, in Osteuropa lebten rückständige Waldschrate, die umerzogen werden müssten, und wer einfach auf seinem Recht besteht, so zu sprechen, wie es ihm gefällt.

Mit entsicherter Moralpistole zwingt die Diktatur des politisch Korrekten die Bürger, nur noch so zu sprechen, wie es ihr gefällt. Aber hin und wieder wird ein Kritiker öffentlich erledigt, damit jeder weiss, was geschieht, wenn man nicht gehorcht. Am vergangenen Mittwoch erhielt der Schriftsteller Michel Houellebecq den Frank-Schirrmacher-Preis. In seiner Dankesrede beklagte er, dass die Europäer nicht mehr verteidigten, was ihnen einst lieb und teuer gewesen sei, weil eine politisch korrekte Kaste von Journalisten und Politikern jeden zum Reaktionär erkläre, der sich ihrem Diktat nicht unterwerfen wolle. Auf die Bestätigung seiner Thesen musste der Schriftsteller nicht lange warten. Sie erschien auf Zeit Online, aus der Feder des Journalisten Robin Detje.

Er warf Houellebecq vor, die Welt seines ­Werkes mit der wirklichen Welt zu verwechseln, also mit jener Welt, in der Detje zu Hause ist. Die Rede des Schriftstellers sei das «Vermuffteste, was an freiwilliger intellektueller Korruption derzeit zu haben ist, im Chor von Sarrazin, Safranski, Monika Maron, dem ganzen reaktionären Swingerclub». Jetzt wissen wir es: Houellebecq hat gar nichts gesagt, womit man sich auseinandersetzen müsste. Er ist einfach nur Mitglied eines Clubs von finsteren Gesellen. Die Tugendwächter toben, weil man sie ertappt hat. Selten war das Niveau der Anklagen so primitiv wie heute. «Potenzprobleme sind ab einem gewissen Alter ganz normal», schreibt Detje. «Sie sind ein guter Romanstoff, aber doch kein Grund, Moscheen anzuzünden.» Potenzprobleme mögen Grund für vieles sein. Manch einer mag aus sexueller Frustration auch schon Journalisten verprügelt haben. Eines ist aber auch gewiss: Man muss von seiner Dummheit nicht bei jeder Gelegenheit Gebrauch machen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 01.10.2016, 15:42 Uhr

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Jörg Baberowski ist Historiker und Professor für Geschichte Osteuropas an der Berliner Humboldt-Universität. (Bild: Wikipedia)

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