Emmanuel Todd liest Europa die Leviten

Der französische Historiker outet sich als Trump-Versteher.

«Demokratie ist nur mit territorialer Stabilität möglich.» Emmanuel Todd versteht sich selbst als Befürworter einer «vernünftigen Immigration».

«Demokratie ist nur mit territorialer Stabilität möglich.» Emmanuel Todd versteht sich selbst als Befürworter einer «vernünftigen Immigration».

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Regelmässig sorgt der französische Historiker Emmanuel Todd, der politisch nicht auf Anhieb einzuordnen ist, weil er parteiübergreifend agiert, in seinem Land für Aufregung. 2002 sagte er den Untergang der Weltmacht USA an, was damals Balsam für die gebeutelte Seele der «Grande Nation» war. 2011 rief er anlässlich des Arabischen Frühlings etwas vorschnell die Befreiung der arabischen Staaten vom Joch ihrer nicht mehr zeitgemässen, weil religiös bestimmten Herrschaftsformen aus.

2015 setzte er sich in die Nesseln, weil er nach den Pariser Attentaten die landesweite «Je suis Charlie»-Kampagne kritisierte. Immer wieder machte er auf den sozialen Bruch («fracture sociale») in der französischen Gesellschaft aufmerksam: Weil sie sich in ihrem Status bedroht sähen, machten die Eliten fälschlicherweise die zum Front National übergelaufene Arbeiterklasse für die Krise im Land verantwortlich.

Ein bisschen Fremdenfeindlichkeit

Und nun wirbt der Mann für Donald Trump und dessen umstrittenen Protektionismus-Kurs. In einem Interview im Figaro Magazine vom 16. März warnt er jedenfalls davor, den US-Präsidenten nur als Karikatur zu sehen, und kritisiert einmal mehr die Auswüchse des Freihandels, der heute gleichsam zur Religion geworden sei. Er warnt vor der Populismus-Keule und betont, dass die Demokratie den Nationalstaat brauche und zu viel ungeregelte Einwanderung dessen Funktionieren unterminieren könne: «Das Selbstbewusstsein eines Volkes ist ein ‹notwendiges Übel›, damit ein Minimum an sozialer Kohäsion und kollektiver Handlungsfähigkeit gewährleistet werden kann.»

Hinter der Idee der Demokratie stehe ein Gefühl der «territorialen Zugehörigkeit», zu der zwangsläufig «ein bisschen Fremdenfeindlichkeit» gehöre.

Wohlverstanden, das sagt einer, der sich selbst als Befürworter einer «vernünftigen Immigration» versteht, der Trumps Mauer-Projekt gegen Mexiko ablehnt, aber gleichzeitig erklärt: «Es steht nirgends geschrieben, dass alle Mexikaner ein Recht hätten, sich in den USA niederzulassen.» Und weiter: «Diejenigen, die für die totale Öffnung aller Grenzen sind, verstehen sich als Linke, doch sie sind radikale Anti-Demokraten. Das System der repräsentativen Demokratie ist nur mit einer territorialen Stabilität möglich.» Womit Todd auch eine gewisse demografische Ausgeglichenheit meint.

Was hat das nun mit Protektionismus zu tun? Zerstört Trump den Freihandel und damit den Liberalismus? Todd erklärt: «Der Protektionismus im Sinne von Friedrich List ist nur ein Seitenzweig des Liberalismus, der aber die Existenz der Nation zulässt. List forderte zwar die freie Zirkulation von Menschen und Kapital, aber Schutzmassnahmen beim Warenaustausch. Das ist effizienter Protektionismus: Man zieht Investitionen und eine dynamische Immigration auf seinen eigenen Markt. Der Freihandel ist eine allzu simple Ideologie, nach welcher es reicht, alle Barrieren aufzuheben, damit alles gut geht. Der Protektionismus dagegen ist pragmatisch und vielseitig, es gibt ihn in tausend verschiedenen Formen.»

Protektionismus für Europa

Donald Trump nehme beispielsweise gewisse Länder von seinen Importzöllen aus: «Und so werden Mexiko, Kanada und Grossbritannien nicht auf frontalen Oppositionskurs gehen und sich auf die mythische Freihandelsachse Berlin–Peking begeben.» Im Übrigen seien die Deutschen und Chinesen selber nicht nur dem Freihandel verpflichtet: «Sie sind merkantil und praktizieren einen diskreten Protektionismus, indem sie ihre Binnennachfrage ankurbeln.»

Todd empfiehlt einen gewissen Protektionismus auch für Europa, denn ein solcher nütze «den Arbeitern, Technikern, Ingenieuren, den gewöhnlichen Leuten, den Jungen mit oder ohne Diplom, den Eingewanderten und ihren Kindern». Die Gleichung «Protektionismus gleich Abschottung gleich Rassismus» sei nur eine «ideologische Waffe zu reicher oder zu fauler Leute».

Der Historiker betont, dass die Globalisierung ohnehin voranschreiten werde: «Die englische Sprache wird sich weiter verbreiten, das Internet wird sein Reich ausweiten, aber es wird zu neuen geopolitischen Konstellationen kommen. Schon jetzt hat das Internet den englischen Sprachraum gestärkt und die Briten, Australier und US-Amerikaner zusammenrücken lassen.»

Mit dem alten Links-rechts-Schema sei dem Phänomen Globalisierung nicht mehr beizukommen, erklärt Todd und kritisiert, dass sich die Politik in Frankreich und anderswo vorab auf die sogenannten populistischen Bewegungen eingeschossen habe, ohne die Ursachen für deren Aufkommen zu analysieren.

Er sorgt sich um die Zukunft der EU und zeigt ein gewisses Verständnis für die Katalanen: «Sie wollten sich nicht einfach von Spanien absetzen, weil sie reich sind, sondern weil Spanien als politische Nation nicht mehr existiert. Madrid ist nur noch ein Umschlagplatz für Anweisungen aus Brüssel, die die Arbeitslosigkeit und Emigration bewirtschaften. Und in Italien fusst die Krise auch auf einer antideutschen Gefühlslage bei der kulturellen Elite, eine Explosion des dortigen politischen Systems könnte ernsthafte Folgen für die EU haben.»

Mangel an Alternativen

Entsprechend meint Todd auch, Emmanuel Macron sei nur aus Mangel an Alternativen zum französischen Präsidenten gewählt worden (um Le Pen zu verhindern) und wegen «populistischer» Versprechen wie der Abschaffung der Wohnsteuer (die den lokalen Bürgermeistern ab 2019 wichtige Mittel entziehen wird).

Die Gesellschaft zerfalle weiter, und die Struktur der Wählerschaft habe sich aufgelöst, was jede Opposition erschwere. Er sieht die Gefahr, dass die Staatsmacht in Paris «abhebe» und sich gar zu einem «autoritären Regime» entwickeln könnte. Die französische Wirtschaft sei nach wie vor träge. Die USA dagegen könnten sich heute wieder mit Öl selbst versorgen, hätten weltweit ein Drittel der Patente inne, und «alle Jungen träumen davon, dort zu studieren». Sollten die Amerikaner den Protektionismus wollen, dann «schaffen sie das: Yes, they can!».

Wie immer man zu ihm steht, Todd ist jedenfalls eine interessante Stimme aus unserem Nachbarland, dessen Präsident in Brüssel und besonders auch in Deutschland als Retter der EU beschworen wird.

Wohl will Macron endlich alte Zöpfe wie etwa die soziale Bevorteilung der SNCF-Angestellten abschneiden, das Bildungssystem verbessern und der Wirtschaft etwas mehr entgegenkommen. Kritische Stimmen beargwöhnen aber, dass er das Land wie ein Start-up managen möchte, sich vor allem für die Entwicklung der global ausgerichteten Ballungszentren interessiere und das ländliche Frankreich mit seinen zerfallenden Kleinstrukturen, die einst für Identität und Zusammenhalt sorgten, vernachlässige.

Gerade auch darum scheut Todd sich nicht, eine Lanze für den kohärenten Nationalstaat und protektionistische Massnahmen zu brechen. Vielleicht ist es an der Zeit, sich in sein letztes Buch «Où en sommes-nous» von 2017, das noch nicht auf Deutsch vorliegt, zu vertiefen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 22.03.2018, 14:41 Uhr

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