Entwarnung ist nicht möglich

Vor zwei Jahren starben bei Attentaten in Paris 130 Menschen. Frankreich trauert.

Im Gedenken an die Opfer: Die Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, der französische Präsident Emmanuel Macron, seine Frau Brigitte Macron und der ehemalige Staatschef François Hollande liessen gestern in Paris bunte Ballons steigen.

Im Gedenken an die Opfer: Die Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, der französische Präsident Emmanuel Macron, seine Frau Brigitte Macron und der ehemalige Staatschef François Hollande liessen gestern in Paris bunte Ballons steigen.

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Zwei Jahre sind vergangen seit den Attentaten in Paris und Saint-Denis am 13. November 2015, die 130 Todesopfer und 350 Verletzte forderten. Es folgten weitere Terroraktionen von Jihadisten zur angeblichen Unterstützung oder zum «Ruhme» des IS, wie der Anschlag mit einem Lastwagen auf der Promenade des Anglais in Nizza am 14. Juli 2016, dem französischen Nationalfeiertag. 250 Menschen kamen seit Anfang 2015 insgesamt bei Terrorangriffen ums Leben.

Wie schon der Mordanschlag von islamistisch motivierten Terroristen auf die Redaktion von Charlie Hebdo am 7. Januar 2015, war auch das Massaker im Konzertsaal Bataclan und auf den Terrassen mehrerer Cafés der Hauptstadt ein schockierender Wendepunkt für die französische Bevölkerung. Sie muss sich seither darauf einstellen, dass diese Bedrohung noch lange andauern kann und dass auch mit allen Sicherheitsvorkehrungen und Präventivmassnahmen nicht verhindert werden kann, dass irgendwo ein Attentat verübt wird. Es kann jeden zu jeder Zeit treffen, letztlich sind somit alle in diesen von kriminellen Fanatikern erklärten «Krieg» involviert.

Wie soll man in diesem Kontext mit einem solchen Gedenktag umgehen? Für die Angehörigen der Opfer und für alle, die – zum Teil mit schweren Verletzungen und bleibenden Behinderungen oder nachhaltigen psychischen Erschütterungen – überlebt haben, ist die Erinnerung viel zu frisch und zu stark für eine Vergangenheitsbewältigung. Viele versuchen dennoch, zur Tagesordnung überzugehen oder erst recht zu zeigen, dass sie sich nicht einschüchtern lassen. Mehrere, die damals am 3. November im Bataclan waren, haben aus dieser Absicht heraus seither den Konzertsaal besucht, gleichsam, als könne am Ort des tragischen Geschehens auch die Heilung erfolgen.

Bataclan so gut besucht wie nie

In den französischen Zeitungen werden Beispiele solcher Überlebender geschildert, die erzählen, wie sie in der Nacht im Bataclan mit dem Leben davongekommen sind und nun damit zurechtkommen wollen. In Radio- und Fernsehstudios schildern sie als traumatisierte Augenzeugen noch und noch, wie sie diesen schrecklichen Abend er- und überlebt haben. Andere, die sich sagen, dass sie selber ebenfalls genauso gut zu den Opfern zählen könnten, legen vor dem Konzertsaal und den anderen Tatorten Blumen nieder. Auch Präsident Emmanuel Macron gedachte gestern an der Seite der Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo der Opfer, deren Namen nun auf einer Tafel vor dem Bataclan stehen.

Im Bataclan geht das Show-Leben weiter. Die Konzerte sind so gut besucht wie nie, als wollten die Leute so zeigen, dass sie vor der Terrorangst nicht kapitulieren. Diese existiert, sie ist für viele so allgegenwärtig, dass ein gewisses Misstrauen in Form von neuen Vorsichtsmassnahmen in den Alltag Eingang gefunden hat. Ein zurückgelassener Karton weckt Verdacht, und wegen eines in der Metro vergessenen Koffers müssen immer wieder die Passagiere bis zur Ankunft der Sprengstoffexperten evakuiert werden. In den Bahnhöfen und auf den Strassen patrouillieren weiterhin schwerbewaffnete Soldaten. Die offizielle Beendigung des Ausnahmezustands in diesem Monat hat daran nichts verändert.

Wie dies Macron versprochen hatte, wurden die meisten Sondervollmachten für die Polizei und zusätzlichen Überwachungsmassnahmen, die bisher als «Ausnahme» in einer Notsituation seit dem November 2015 regelmässig erneuert worden waren, in das ordentliche Gesetz übertragen. Benötigte die Polizei früher einen triftigen Verdacht für die Überprüfung von Personen auf der Strasse oder in öffentlichen Transporten, kann sie jetzt fast nach Gutdünken, das heisst indes auch aufgrund willkürlicher Faktoren des Misstrauens, Ausweiskontrollen vornehmen.

32 vereitelte Attentate

Neu kann auch ein wegen Sympathien zu terroristischen Organisationen Verdächtigter unter Hausarrest gestellt werden. Das kommt einer präventiven Inhaftierung, die von konservativen Abgeordneten vergeblich beantragt worden war, schon ziemlich nahe. Erweitert wird auch die Verwendung von registrierten Daten der Flugzeug-, Fährschiffs- und Bahnpassagiere.

Die allermeisten Franzosen und auch die ausländischen Gäste nehmen im Interesse der kollektiven Sicherheit dafür Einschränkungen ihrer Privatsphäre oder Freiheit als notwendiges Übel in Kauf. Ob der Ausnahmezustand wesentlich zur Verminderung der Bedrohung beigetragen hat, bleibt umstritten. Innenminister Gérard Collomb versichert, dass dank dieser erhöhten Wachsamkeit mindestens 32 Attentatspläne vereitelt werden konnten. Wie beispielsweise in der letzten Woche mit der Festnahme von mehreren mutmasslichen Sympathisanten bei einer koordinierten Aktion in Frankreich und der Schweiz ermöglichte es vor allem die Überwachung der Netzwerke immer wieder, Verdächtige aufzuspüren, bevor sie zuschlagen konnten. Collomb ist darum der Ansicht, dass Frankreich heute besser gewappnet sei als noch vor zwei Jahren. Für eine Entwarnung aber ist es viel zu früh.

Macron sieht heute etwas optimistisch bereits den «Sieg über den IS in den nächsten Monaten» in Griffnähe. Der absehbare militärische Erfolg der Koalition im Irak und in Syrien hat eine bedenkliche Kehrseite: Mehrere Hundert IS-Kämpfer, die sich heute noch im syrisch-irakischen Grenzgebiet aufhalten, werden versuchen, nach Europa und speziell nach Frankreich zurückzukommen. Die meisten von ihnen haben nichts bereut und könnten nach ihrer klandestinen Heimkehr ihren Krieg mit anderen Mitteln fortsetzen, sie stellen damit eine enorme Bedrohung dar. Die Frage, wie mit diesen Heimkehrern, unter denen es auch echt reuige Opfer der Manipulation oder jugendlicher Abenteuerlust haben kann, umgegangen werden soll, stellt für die Regierung eine grosse Herausforderung dar. (Basler Zeitung)

Erstellt: 14.11.2017, 07:39 Uhr

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