Europa hat sich zum Zwerg gemacht

Im Schatten von Kriegen und belastet durch die Migration hat Europa das Gespräch mit Russland verlernt. Stattdessen wütet die Destruktivität.

Europa und die Migration: Belastet von diesem globalen Problem tun sich die westlichen Demokratien schwer bei der Lösungsfindung.

Europa und die Migration: Belastet von diesem globalen Problem tun sich die westlichen Demokratien schwer bei der Lösungsfindung. Bild: Keystone

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Eigentlich musste die Welt nicht noch einmal daran erinnert werden, dass der Grund ihrer massiven Kreislaufschwäche nicht nur, aber massgeblich in den USA zu finden ist – bei einem Präsidenten, der einen innenpolitischen Notstand ausruft und einen aussenpolitischen Notstand personifiziert.

Als Donald Trumps Vorgänger Bill Clinton zum Höhepunkt des gegen ihn angestrengten Amtsenthebungsverfahrens Raketen gegen ein Terroristen-Lager in Afrika schiessen liess, wurde ihm vorgeworfen, er provoziere einen Krieg, um von seinen eigentlichen Problemen abzulenken. Heute weiss man, dass Clinton aus guten Gründen gehandelt und die Situation nicht missbraucht hat. Bei Trump verhält es sich umgekehrt: Er schürt eine Krise, die jenen politischen Albtraum nur vergrössert, der die Welt seit zwei Jahren gefangen hält.

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Leiden unter alten und neuen Fliehkräften

Die Münchner Sicherheitskonferenz ist eine Art Inventur-Veranstaltung dieser Miseren, es mangelt nicht an apokalyptischen Zustandsbeschreibungen. Amerikas Unberechenbarkeit, irgendwo zwischen Rückzug und strategiefreier Dauerprovokation, kollidiert frontal mit dem kühl kalkulierenden Aufsteiger China, der mit ökonomischer Kraft und wachsendem militärischen Muskel nicht nur einen geografisch grösseren Raum, sondern auch eine Definitionshoheit für grundsätzliche Werte für sich reklamiert: für Freiheit, Liberalität, Wahrhaftigkeit.

Europa leidet unter alten und neuen Fliehkräften, am schlimmsten zu beobachten in Grossbritannien, wo durch eine schier unglaubliche Verkettung von politischen Fehlleistungen ein Staat von Sektierern und Spielern gekidnappt wurde. Aber nicht nur die Populisten und Antidemokraten sind Profiteure der grassierenden Instabilität, auch die Nationalisten und Anti-Institutionalisten glauben entgegen jeder historischen Erfahrung, dass Europa stärker sein werde, wenn es in kleine Einheiten zerfällt.

Im Schatten brutaler Kriege im Nahen Osten und belastet von dem wahrlich globalen Problem der Migration hat sich Europa verzwergt und dabei das Gespräch mit seinem wichtigsten Nachbarn im Osten, Russland, verlernt. Um keine Zweifel aufkommen zu lassen: Es war Wladimir Putin, der vor nunmehr zwölf Jahren in München den Spiess gegen den Westen wandte und klarmachte, dass er seine Macht durch Abschottung vor der Kraft der Demokratie zu schützen gedenke. Inzwischen wirkt sich diese destruktive Wut tief in den Eingeweiden der westlichen Demokratien aus.

Das Gefühl der Entwurzelung führt zur Ablehnung

Diese Demokratien sind anfällig geworden für die neuen Waffen der Desinformation und der digitalen Spaltung, sie sind geschüttelt von Selbstzweifeln und anfällig für den nächsten ökonomischen Sturm, der bereits heraufzieht. Der Klimawandel, von den meisten Menschen weltweit als wohl grösste Bedrohung empfunden, scheint wegen politischer Unlösbarkeit von der internationalen Agenda verschwunden zu sein.

All das ist wahrlich viel Düsternis auf einmal und deswegen so schwer zu ertragen, weil die Lage der Welt der gefühlten Lebenswirklichkeit vieler Menschen entspricht. Was im Grossen passiert, spiegelt sich im Kleinen. Im Kern findet sich ein Gefühl der Entwurzelung, das zur Rebellion gegen Parteien und Institutionen führt.

Spanien, Frankreich, Italien, Grossbritannien – die Wurzeln der Gesellschaft haben sich gelöst; wo einst die Mitte war, gähnt nun ein Loch. Hier liegt der tiefere Grund für die wachsende Unsicherheit, die sich am Ende in Aggression zwischen Staaten, in Handelskonflikten oder in populistischen Kreuzzügen ausdrückt. Entwurzelung führt zur Ablehnung von Institutionen und Führungspersönlichkeiten, erhöht das Unverständnis für die Komplexität von Problemen und endet in Radikalität.

Es ist ein Symptom dieser Zeit, dass die Probleme weitgehend ordentlich analysiert werden können, dass aber die intelligente Formel zu ihrer Lösung fehlt. Die Geier kreisen – bereit, auf die Reste des Systems herabzustossen. Man könnte von einem globalen Notstand sprechen, wenn nicht auch dieser Begriff bereits missbraucht worden wäre. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 16.02.2019, 21:17 Uhr

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