«Nein, ein Diktator ist etwas ganz anderes»

Jean Ziegler kannte den Máximo Líder persönlich. Er spricht über ihre Treffen, den Menschen Fidel Castro und die gefährliche Zukunft Kubas.

«Fidel hat gezeigt, dass man die Welt verändern kann»: Jean Ziegler, Vizepräsident des berateneden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrates und früherer SP-Nationalrat.

«Fidel hat gezeigt, dass man die Welt verändern kann»: Jean Ziegler, Vizepräsident des berateneden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrates und früherer SP-Nationalrat. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Ziegler, Sie haben Fidel Castro persönlich gekannt und ihn mehrmals getroffen. Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?
Im Jahre 2005. Nach seiner Erkrankung 2006 hat er fast nur noch Staatspräsidenten persönlich empfangen.

Wie lief ein Treffen mit dem Máximo Líder ab?
Ich konnte ihn natürlich nicht aus Genf anrufen, um einen Termin zu vereinbaren. Da meine Bücher auch auf Spanisch erschienen sind, lädt mich die kubanische Akademie der Wissenschaften immer wieder zu Kongressen und für Vorträge ein. Wenn ich jeweils in Havanna im Hotel «Habana Libre» war, rief mich einer von Fidels Sekretären an und sagte: ‹Heute Abend solltest Du nicht aus dem Hotel.› Dann kam oft um Mitternacht oder um ein Uhr morgens ein Jeep, der mich abholte und in eine Wohnung brachte, in der ich mit Fidel zusammentraf. Zweimal hat mich Fidel auch zu den Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag am 26. Juli mitgenommen.

Wie war er im persönlichen Umgang?
Ausserordentlich herzlich, neugierig und vielseitig interessiert. Kaum sass man ihm gegenüber, fragte er: ‹Wie geht es Deinem Sohn? Wie geht es Deiner Frau? Was macht die sozialistische Internationale?› Er war unglaublich warmherzig – das genaue Gegenteil von Che Guevara. Fidel und seine Entourage mochten mich gut, weil es nicht mehr viele antiimperialistische Intellektuelle in Europa gibt. Irgendwann nannten sie mich ‹compañero›. Sie hatten ein Interesse daran, dass sie jemand in Europa verteidigt und ihnen erzählt, was bei den Linken auf dem Alten Kontinent geschieht.

Sie haben also mit Fidel Castro lebhaft diskutiert.
Das kann man so nicht sagen. Ich habe seine Fragen beantwortet – und dann eine seiner oft sehr ausführlichen Analysen angehört. Es war immer äusserst faszinierend und niemals demagogisch. Manchmal dauerten die Treffen bis zum Morgengrauen.

Welche Bedeutung hat Castro als historische Figur?
Er hat eine immense Bedeutung. Die kubanische Revolution bleibt die Hoffnung für die Länder der Dritten Welt. Die Avantgarde aus der Sierra Maestra hat gezeigt, dass man die Welt verändern, dass man ein Land aus dem Elend führen kann: Jedes Kind hat zu essen, alle Bewohner haben Zugang zu bester medizinischer Versorgung und Bildung. Ich selber habe kubanisches Blut, weil mir kubanische Ärzte vor einem Jahr durch eine Transfusion das Leben retteten.

Wenn es auf Kuba unter Fidel Castro so schön war – weshalb haben dann Millionen ihr Leben riskiert, um auf Flossen nach Florida zu flüchten?
Weil der revolutionäre Prozess Opfer und Austerität verlangt. Kuba war vor Fidel ein Land der Zuckerbarone, der Oligarchie, schlimmer noch als Kolumbien.

Es hat unter Fidel Castro nicht ein einziges Mal freie demokratische Wahlen gegeben.
Der revolutionäre Prozess hat auf Kuba ganz klare Prioritäten gesetzt: Recht auf Gesundheit, Recht auf Nahrung, Recht auf Trinkwasser. Wenn diese Rechte einmal gegeben sind, kommen nachher die zivilen bürgerlichen Rechte.

Die sind aber bis heute nicht gekommen.
Seit zehn Jahren gibt es lokale, regionale und nationale Versammlungen, bei denen die Wahlen frei sind. Das Gewaltmonopol liegt immer noch in den Händen der Avantgarde, also der kommunistischen Partei. Aber die Demokratisierung schreitet voran.

Der Begriff Diktator trifft auf Castro nicht zu?
Nein, ein Diktator ist etwas ganz anderes. Ein Diktator plündert sein Land aus, hat bei der Credit Suisse am Zürcher Paradeplatz sein Konto, regiert mit Polizeigewalt, drangsaliert sein Volk. Es gab unter Fidel keine Folter und keine Leute, die einfach verschwanden. Aber zugegeben, die Medienfreiheit ist auf Kuba eingeschränkt. Die staatlichen Presseorgane «Granma», «Juventud rebelde» und «Bohemia» sind unlesbar. Hätte die kubanische Revolution totale Pressefreiheit geschaffen, hätten allerdings die Exil-Kubaner aus Miami ihre Fernsehstationen installiert. Dadurch wäre das Kollektivbewusstsein zertrümmert worden. Die Defizite, die Sie zu Recht erwähnen, sind durch die unglaublich aggressive Blockadepolitik der USA zu erklären.

Gibt es etwas, was Sie Fidel Castro vorwerfen?
Nein, das wäre zu arrogant. Ich war acht Jahre lang Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung bei der Uno. Von der Mongolei bis Guatemala, von Nigeria bis zu den Slums von Bangladesh: Überall gibt es kubanische Ärzte und Krankenschwestern. Sie engagieren sich aus Solidarität. Das ist eine unglaubliche Leistung.

Wie geht es nach Fidel Castros Tod auf Kuba weiter?
Die Situation ist äusserst gefährlich. Als Ratgeber war Fidel nicht nur im eigenen Land von unschätzbarem Wert, sondern auch für andere linke Staatschefs, wie zum Beispiel Rafael Correa, Evo Morales und Nicolás Maduro. Der künftige US-Präsident Donald Trump, der Ronald Reagan als Vorbild bezeichnet, wird die Annäherungspolitik von Barack Obamas brutal stoppen. Es droht ein Szenario, bei dem die USA zu ihrer alten Strategie zurückkehren, Regimewechsel in anderen Ländern mit militärischen Mitteln zu erzwingen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.11.2016, 19:26 Uhr

Artikel zum Thema

Ein Ende ohne Schrecken

Kommentar Fidel Castros Tod bedeutet in Kuba keine Kehrtwende. Denn Raúl Castro ist noch da. Und der hat vorgesorgt. Mehr...

Warum starb Fidel Castro im Bett?

Obwohl es selbst hochrangige Experten immer wieder prophezeit hatten, wurde der Máximo Líder nie gestürzt. Ein Deutungsversuch für ein rätselhaftes Phänomen in elf Punkten. Mehr...

Nur die Zeit war stärker als er

Fidel Castro wurde schon zu Lebzeiten zum Mythos. Er sagte: «Die Geschichte wird mich freisprechen.» Jetzt ist er Geschichte. Ein Nachruf. Mehr...

Bildstrecke

Trauer und Freude über Castros Tod

Trauer und Freude über Castros Tod Nach dem Tod von Fidel Castro trauern die Menschen in Kuba, die internationale Linke kondoliert. In Miami dagegen feiern Exilkubaner den Tod des ihnen verhassten Machthabers.

Artikel zum Thema

Maradona: «Castro ist der Grund, warum ich am Leben bin»

Castros Gesicht hat sich Maradona auf die Wade stechen lassen. Für die Fussballlegende war Fidel Castro ein «zweiter Vater» – für Donald Trump hingegen ein «brutaler Diktator». Mehr...

«Ich sterbe fast jeden Tag. Das macht mir Spass.»

Fidel Castro hat viel und gerne gesprochen. Eine Auswahl seiner bekanntesten Sprüche sowie Zitate von Zeitgenossen. Mehr...

Der Máximo Líder im Video

Guerillero, Staatsmann, Frauenheld: Zum Tod von Fidel Castro. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Hoch über dem Alltag: Eine Frau sitzt auf einer Hängebrücke und blickt hinunter auf den Schlegeis-Stausee bei Ginzling in Österreich. (21. Oktober 2018)
(Bild: Lisi Niesner) Mehr...