Gerettet, um in Italien zu stranden

Die Migration ins Elend. Weshalb die Arbeit von «Rettern» im Mittelmeer verantwortungslos ist.

Insgesamt sind seit Anfang des Jahres schon über 93'000 Menschen in Italien angekommen.

Insgesamt sind seit Anfang des Jahres schon über 93'000 Menschen in Italien angekommen. Bild: Keystone

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Italien kann nicht mehr. Die Asylzentren platzen aus allen Nähten, Bürgermeister in Sizilien verweigern die Aufnahme von neuen Migranten, die Regierung blockiert beim Aussenministertreffen die Weiterführung des EU-Militäreinsatzes vor der libyschen Küste und droht damit, Hunderttausende von Migranten nach Norden durchzuwinken.

Das alles kümmert die Hilfsorganisationen nicht. Sie laden weiterhin täglich Hunderte von Migranten unmittelbar vor der libyschen Küste ein und später in sizilianischen Häfen aus. Bereits «33'455 gerettete Leben» zählt allein die Organisation Migrant Offshore Aid Station, kurz Moas, auf ihrer Homepage. Insgesamt sind seit Anfang des Jahres schon über 93'000 Menschen in Italien angekommen. Bei der Mehrheit von ihnen handelt es sich allerdings nicht um Flüchtlinge, wie die Hilfsorganisationen behaupten.

Die Wahrheit dürfte jedoch schlecht fürs Geschäft sein – für einen Fährdienst zwischen Afrika und Europa für Hunderttausende von Wirtschaftsmigranten liessen sich kaum so viele Spendengelder auftreiben. Wer es aber wagt, die organisierte Seerettung zu hinterfragen, wird mit der rhetorischen Gegenfrage zum Schweigen gebracht, ob er die Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen wolle. Ganz so, als gäbe es nur diese zwei Möglichkeiten: retten oder sterben lassen.

Das grosse Sterben in der Sahara

Was die «Retter» ausblenden: Durch ihre Fährdienste sorgen sie mit dafür, dass sich in Afrika noch mehr Menschen auf den Weg machen. Das ist nicht nur deshalb verantwortungslos, weil es dazu führt, dass immer wieder Menschen im Mittelmeer ertrinken. Weit mehr verlieren ihr Leben auf dem Weg nach Libyen bei der Durchquerung der Sahara. Sei es, weil sie von Schleppern ausgesetzt, Opfer rivalisierender Banden werden oder verdursten. Wie viele Migranten in der Wüste sterben, weiss niemand. Das deutsche Nachrichtenmagazin Spiegel zitierte einen senegalesischen Behördenvertreter, der sagte, von den 800 Menschen, die jedes Jahr aus seinem Bezirk loszögen, würden 300 unterwegs stranden, «400 kommen um, 100 schaffen es».

Wenn diese Zahlen auch nur ansatzweise repräsentativ sind, sterben weitaus mehr Auswanderer auf dem Landweg durch Afrika nach Libyen als auf dem Mittelmeer. Weil es in der Sahara weder westliche Medien noch Hilfswerke gibt, die diese Horrorbilder in unsere Stuben transportieren, dringen diese Tragödien nicht in unser Bewusstsein. Daher grenzt es an Realitätsverweigerung, zu behaupten, die europäischen «Retter» im Mittelmeer hätten keine Mitschuld daran, dass sich Tausende von Menschen nach Libyen aufmachen.

Zumal die Schiffe der Hilfsorganisationen für die Schlepper mittlerweile ein derart sicherer Wert sind, dass sie schon mit ihnen werben, wie die «Frankfurter Allgemeine» kürzlich mit Hinweis auf einen Facebook-Eintrag berichtete, der damit lockte, es dauere nur vier Stunden, bis die Migranten in ihrem Schlauchboot auf ein europäisches Schiff treffen würden.

Überfordertes Italien

Verantwortungslos ist es aber auch, diese Menschen nach Europa zu bringen. Denn hier stehen sie meist vor dem Nichts. Die Wirtschaftsmigranten sind nicht willkommen – weder in Italien noch in Europa. Das sagt zwar keine Regierung offen. Dass aber viele Staaten ihre Grenzen wieder kontrollieren und illegale Einwanderer postwendend zurück nach Italien schieben, spricht Bände. Dort registrieren die Behörden zwar zurzeit fast 100 Prozent der Neuankömmlinge und behandeln deren Asylgesuche. Das Land ist mit dem Ansturm jedoch überfordert.

Die Asylanträge stiegen von über 83'000 im Jahr 2015 auf über 123'000 im letzten Jahr. Letzten Dezember betrug die Zahl der hängigen Gesuche rund 100'000 und täglich kommen neue dazu, weil die Hilfsorganisationen beseelt vom Gedanken, das moralisch einzig Richtige zu tun, mit blindem Eifer weitermachen. Selbst einen besser organisierten Staat als Italien würde dies an die Grenzen des Machbaren bringen.

Mehr afrikanische Bettler

In Italien angekommen und registriert, erhalten die Migranten gerade einmal Nahrung, medizinische Versorgung, ein Dach über dem Kopf und eine Handvoll Euro. Eine gute Arbeit zu finden, ist fast aussichtslos: Nach Griechenland und Spanien hat Italien mit 11,3 Prozent die höchste Arbeitslosenquote der EU-Länder. Die Jugendarbeitslosigkeit bei den 15- bis 24-Jährigen beträgt sogar 37 Prozent. Wenn in Italien nicht einmal gut Ausgebildete einen Job finden, wie sollen es die meist schlecht oder gar nicht ausgebildeten Migranten schaffen, die die Landessprache nicht beherrschen? Deshalb tauchen viele unter und versuchen, sich auf eigene Faust durchzuschlagen. Die Zahl der bettelnden Afrikaner in den italienischen Städten steigt, ebenso jene der afrikanischen Prostituierten oder die Zahl jener, die in der Landwirtschaft Sklavendienste verrichten. Viele werden auch einfach kriminell.

Oder sie versuchen, nach Norden weiterzuziehen. In Länder, die ihnen mehr zu bieten haben als Italien. Weit kommen sie meist nicht – wer von der Grenzwache erwischt wird und keinen Asylantrag stellt, wird sofort nach Italien zurückgeschoben. Weil Aufgeben unter diesen Bedingungen keine Option ist, sind die Migranten im Versuch, es doch noch über die Grenze zu schaffen, in einer menschenverachtenden Endlosschlaufe gefangen. Oder sie vegetieren in einem der Elendslager im Grenzgebiet – aus dem Mittelmeer gerettet, um in Italien zu stranden.

Es ist an der Zeit, dass die EU diese verantwortungslosen Rettungsaktionen stoppt, die Mittelmeerroute schliesst und Migranten, die auf hoher See gerettet werden, zurück nach Afrika bringt. Asylgesuche müssen dort entschieden werden, am besten in Flüchtlingslagern der UNO. Denn dann haben endlich die wirklich Verfolgten, die Schwächsten und Verletzlichsten, eine Chance auf Schutz in Europa. Und nicht mehr wie heute nur die Kräftigsten, die Geld für ein Smartphone und Schlepperdienste haben. (Basler Zeitung)

Erstellt: 20.07.2017, 10:12 Uhr

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