Italien steht wieder auf – vielleicht

Optimisten sind sich sicher: Italien wird sich von dem schlimmen Unwetter erholen. Jedoch braucht es dafür viel mehr, als nur die finanziellen Mittel.

Das Unwetter in Italien forderte bereits mehrere Tote.

Das Unwetter in Italien forderte bereits mehrere Tote. Bild: Keystone

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Meine Mutter klingt besorgt am Telefon. Es regne ununterbrochen, sagt sie. Der Strom ist ausgefallen, die Brücke am Rande des Dorfs eingestürzt. Im Nachbardorf ist eine junge Frau mit ihrem siebenjährigen Sohn ertrunken, vom überbordenden Fluss mitgerissen. Nach ihrem anderen Kind, einem zweijährigen Buben, wird noch gesucht.

Seit diesem Anruf ist ein Monat vergangen. Die Region Kalabrien in Süditalien wurde überflutet. Die Schäden sind immens; meiner Familie ist zum Glück nichts passiert. Doch es regnet weiter, seit Tagen und in ganz Italien. Auf Sizilien sind am Wochenende mindestens zwölf Personen wegen des Unwetters ums Leben gekommen. Dem Norden des Landes geht es nicht besser: Venedig steht unter Wasser, in den Bergregionen wurden Lifte und Sesselbahnen zerstört, jetzt da die Skisaison hätte eingeläutet werden sollen. Buchen und Weisstannen wurden entwurzelt, auch die Fichtenwälder im Friaul und im Val di Fiemme, aus denen das Holz für die berühmte Stradivari-Geige hergestellt wird.

Eine Naturkatastrophe, gewiss, die, je länger das Unwetter anhält, aber zu einer wirtschaftlichen Katastrophe wird. Das ohnehin schon stark angeschlagene Italien hat weder die Kraft noch die Ressourcen, die schweren Folgen zu stemmen. Bereits die eingestürzte Autobahnbrücke in Genua im August war ein schwerer Schlag gewesen für die Wirtschaft des Landes. Die Brücke führt zum Hafen, dem grössten und für den Warenumschlag bedeutendsten Italiens. Für die Lombardei mit dem Ballungsgebiet um Mailand unverzichtbar. Genua droht für Handel und Industrie zu langsam zu sein. Es wächst die Angst, dass die Kundschaft im Norden nach Hamburg und Rotterdam ausweicht.

Das sind nur die jüngsten Katastrophen, vergessen ist schon fast die Erdbebenserie in Mittelitalien vor zwei Jahren. Noch immer leben Betroffene in Provisorien. Dass sich ihre Situation so bald nicht ändern wird, hat das Erdbeben in L’Aquila 2009 gezeigt. Bis die Bauarbeiten ernsthaft aufgenommen wurden, dauerte es fünf Jahre.

Es braucht ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl

Italien ist bisher immer wieder aufgestanden, sagen die Optimisten im Land, zu denen auch mein Vater gehört. Ein Romantiker, wenn es um seine Heimat geht, obwohl er mehr als die Hälfte seines Lebens in der Schweiz verbracht und Erfahrungen mit einem gut funktionierenden Staat gemacht hat. Ich möchte ihm glauben, weil ich wie er an ein Land glauben will, das zu den schönsten und kulturell prägendsten der Welt gehört. Und weil ich wie er überzeugt bin, dass Italien dank seiner Geschichte, den natürlichen Ressourcen und seiner magischen Anziehungskraft wirtschaftlich zu den führenden Kräften gehören könnte.

Aber ich zweifle. Um wieder aufstehen zu können, braucht es neben den finanziellen Mitteln den Willen, sich zu verbessern, um Naturkatastrophen künftig besser abfedern und Ereignisse wie den Brückeneinsturz in Genua verhindern zu können. Vor allem aber braucht es ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Das Verständnis dafür, dass man mit vereinten Kräften viel erreichen kann. Es braucht eine Regierung, die die Bevölkerung stärkt und nicht auseinanderdividiert. Es braucht keinen Innenminister, der Katastrophen nutzt, um über die EU und die Vorgängerregierung zu lästern. Es braucht keinen Matteo Salvini, der sich als strahlender Tourist im Katastrophengebiet fotografieren lässt. Oder ein Selfie von sich nach einer Liebesnacht postet. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.11.2018, 10:32 Uhr

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