«Das ist eine brave Klasse»

Hinter den gewalttätigen Ausschreitungen in Frankreich stehen zunehmend Schüler. Videoaufnahmen zeigen: Die Behörden reagieren hart.

Über 150 Schüler nach Protesten verhaftet: Die Jugendlichen müssen mit verschränkten Händen auf dem Boden knien. Video: AFP/Twitter

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Zu Dutzenden knien sie am Boden, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, umstellt von Polizisten in Kampfmontur. Es sind Schüler in Mantes-la-Jolie in der Nähe von Paris, die auf einem Video zu sehen sind, das in sozialen Medien zirkuliert. Die Jüngsten sind gerade einmal 12 Jahre alt. «Das ist eine brave Klasse», hört man eine Stimme sagen.

Am Donnerstag versuchten die Schüler, den Zugang zu zwei Gymnasien im Ort zu blockieren. Daraufhin nahm die Polizei 153 Jugendliche für eine Befragung fest. Der ehemalige Präsidentschaftskandidat der sozialistischen Partei Benoît Hamon nannte die Szenen «skandalös» und sah die «französische Jugend gedemütigt».

Im Pariser Vorort kam es schon in den Tagen zuvor zu gewaltsamen Protesten von mehreren Hundert Schülern. Diese hatten Barrikaden errichtet, Autos angezündet und die Beamten mit Steinen beworfen. Die Polizei reagierte mit Tränengas auf die Jugendproteste. Der Bürgermeister habe die Einsatzkräfte dort zwar gebeten, darauf zu verzichten, schreibt die Zeitung «Le Monde». Die Polizei rechtfertigt ihr Vorgehen jedoch mit der massiven Gewalt, die von den Schülern ausging.

Schüler mit Reizgas besprüht

Es ist die jüngste Eskalation der Ausschreitungen, die Frankreich seit Tagen in Atem halten. Der Kampf der sogenannten Gelbwesten («gilets jaunes») gegen die Reformpolitik von Präsident Macron erreicht zunehmend auch die Schulen. Am Donnerstag gab es Ausschreitungen in mehreren französischen Städten, über 700 Schüler wurden festgenommen. In Nantes zündeten Jugendliche Autos an und bewarfen Polizisten mit Steinen. In Bayonne brannten Abfallcontainer, in Montpellier verbarrikadierten Jugendliche die Schulgebäude.

Die Einsatzkräfte gehen dabei nicht zimperlich vor. In Taverny nördlich von Paris kesselten Polizisten am Dienstag offenbar mehrere Schüler ein und besprühten die Gruppe aus nächster Nähe mit Reizgas, wie Videoaufnahmen in sozialen Medien zeigen.

Eine Delegation der «gilets jaunes» forderte Macron auf, sie am Freitag zu empfangen. «Das Land ist am Rand eines Aufstands und eines Bürgerkriegs», warnte sie. Die Aktivisten verfolgen keine einheitliche Strategie im Umgang mit der Regierung: Gemässigte wollen verhandeln, militante Kräfte lehnen das ab.

Erneute Ausschreitungen befürchtet

Die französische Regierung rechnet für das Wochenende erneut mit massiver Gewalt. Sie hat deshalb landesweit die Mobilisierung von circa 89'000 Sicherheitskräften angekündigt. Zum Vergleich: Die Stadt Luzern zählt rund 81'000 Einwohner.

Erste Departemente haben nun Demonstrationsverbote erlassen. Die Verwaltung der Region Pas-de-Calais im Norden des Landes hat Versammlungen von «gilets jaunes» an mehreren Orten im Departement für Samstag und Sonntag aus Gründen der «inneren Sicherheit» untersagt.

Die eigene Zerstörungswut mit dem Smartphone festgehalten: Schüler in Montpellier filmen einen brennenden Abfallcontainer. Foto: Keystone

Auslöser der seit Mitte November andauernden Proteste waren die hohen Treibstoffpreise. Die Schülerproteste richten sich hauptsächlich gegen eine geplante Reform des Gymnasiums.

Inzwischen ist die französische Regierung auf die Demonstranten zugegangen: Sie hat die geplante Anhebung der Ökosteuer auf Benzin und Diesel für das gesamte kommende Jahr ausgesetzt und angekündigt, über den Winter die Energiepreise stabil zu halten. Den Gelbwesten gehen die Zugeständnisse aber nicht weit genug.

Mit Material der Nachrichtenagenturen SDA und AFP. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 07.12.2018, 11:07 Uhr

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