Jetzt nimmt Wikileaks Emmanuel Macron ins Visier

Julian Assange besitzt angeblich kompromittierendes Material über den französischen Präsidentschaftskandidaten. Russische Medien nehmen die Gerüchte dankbar auf.

Für viele Franzosen ein Hoffnungsträger: Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron.

Für viele Franzosen ein Hoffnungsträger: Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron. Bild: Keystone

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Das Vorgehen ist bestens bekannt seit dem Präsidentschaftswahlkampf in den USA. Wikileaks-Gründer Julian Assange sorgt für angebliche Enthüllungen, die anschliessend von russischen Medien und anderen Kreml-Lobbyisten aufgenommen werden, um missliebige Politiker zu diskreditieren. Im Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich ist nun Emmanuel Macron Gegenstand einer ominösen Enthüllung von Wikileaks.

Wenig überraschend kommuniziert Assange über russische Medien, wenn er die Welt wissen lassen möchte, dass er kompromittierendes Material über Politiker besitzt. «Wir haben interessante Informationen über Emmanuel Macron», sagte Assange der russischen Zeitung «Iswestija», wie «Sputnik France» berichtet. «Diese Informationen erhielten wir aus seinem persönlichen E-Mail-Wechsel mit Hillary Clinton.» Was daran spektakulär sein soll, ist noch unbekannt. Bisher publik ist einzig eine banale Information über ein Treffen im letzten Oktober in Paris, bei dem neben Macron auch Manuel Valls, europäische Spitzenpolitiker sowie John Podesta, Wahlkampfleiter des Clinton-Teams, dabei waren.

«Lobbyist der US-Banken»

Bis der Wikileaks-Chef das angeblich kompromittierende Material über Macron veröffentlicht, bewirtschaften russische Medien das Thema – allen voran die staatsnahen Medienorganisationen von «Russia Today» und «Sputnik News», die unter anderem auch in französischer und englischer Sprache berichten. In einem Artikel von «Sputnik International» wird zum Beispiel suggeriert, dass Macron ein Lobbyist der US-Banken sei und dass er in seiner Zeit als Wirtschaftsminister den Verkauf von französischen an amerikanische Unternehmen begünstigt habe. Zudem sei Macron ein Befürworter der Globalisierung und offener Märkte. Kurzum: Macron ist genau das Gegenteil von Kandidatin Marine Le Pen.

Der 39-jährige Macron hatte als Investmentbanker bei der Pariser Bank Rothschild gearbeitet, bevor er von August 2014 bis August 2016 als Wirtschaftsminister amtete und nach seinem Rücktritt im letzten Herbst die politische Bewegung «En Marche!» gründete. Der sozialliberale Reformer präsentiert sich als frische Alternative zu den Vertretern der grossen Parteien und ist für viele Franzosen ein Hoffnungsträger. Im Wahlkampf liegt Macron gut im Rennen, nachdem der Kandidat der Konservativen, François Fillon, wegen einer Scheinbeschäftigungs-Affäre unter massiven Druck geraten ist. Wie Le Pen steht auch Fillon für eine Russland-freundliche Politik.

Angebliches Doppelleben

Falls Fillon von seiner Kandidatur zurücktritt, was nicht ausgeschlossen ist, ist Le Pen umso mehr die von Russland favorisierte Präsidentschaftskandidatin. Deshalb ist es wenig überraschend, dass nun der Proeuropäer Macron ins Visier von Assange geraten ist. Der kritische Macron-Artikel von «Sputnik International» stützt sich auf Aussagen eines Abgeordneten aus dem Fillon-Lager. Dabei geht es nicht nur um die Politik Macrons, sondern auch um dessen Privatleben. Dabei wird suggeriert, dass Macron ein Doppelleben führe. Denn Gerüchten zufolge soll Macron, der mit seiner früheren Lehrerin Brigitte Trogneux verheiratet ist, homosexuell sein. Im «Sputnik»-Bericht heisst es, dass eine «sehr reiche Gay-Lobby» die Kandidatur von Macron unterstützt.

Die offensichtliche Propaganda von Wikileaks und Russland gegen Macron ist ein rege kommentiertes Thema auf Facebook und Twitter. «Da Fillons Umfragewerte sinken, hat es Wikileaks jetzt auf Macron abgesehen. Wie praktisch für Putin», heisst es zum Beispiel in einem Tweet. Unter den Twitter-Kommentatoren sind auch Carl Bildt, ein früherer Ministerpräsident und Aussenminister von Schweden, und Anne Applebaum, eine renommierte US-Publizistin und -Historikerin, die derzeit in London lehrt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.02.2017, 14:25 Uhr

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