Mad-Woman-Theorie

Jean-Claude Juncker behauptet, Theresa May leide unter Realitätsverlust. Für die britische Premierministerin könnte es indes von Vorteil sein, wenn die Gegenseite an ihrer Zurechnungsfähigkeit zweifelt.

Trügerische Harmonie. Am Mittwoch letzter Woche empfing die britische Premierministerin Theresa May EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker in London.

Trügerische Harmonie. Am Mittwoch letzter Woche empfing die britische Premierministerin Theresa May EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker in London. Bild: Keystone

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Dass Politiker ihnen gewogene Journalisten mit exklusiven Informationen versorgen, kommt immer wieder vor. Es ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Der Journalist erhält einen Primeur, der Politiker eine ihm genehme Darstellung der Ereignisse.

Jean-Claude Juncker, der Präsident der EU-Kommission, war am Mittwoch letzter Woche zum Abend­essen bei der britischen Premierministerin Theresa May. Das Gespräch drehte sich natürlich um Grossbritanniens geplanten Austritt aus der Europäischen Union. Glaubte man den Verlautbarungen, die hinterher aus London und Brüssel kamen, verlief es «konstruktiv».

Juncker scheint diese Lesart nicht als nützlich empfunden zu haben, weswegen sein Umfeld Thomas Gutschker, einen Redaktor der Frank­furter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS), mit einer alternativen Darstellung belieferte: Demnach habe der Kommissionspräsident seiner Gast­geberin den Tarif durchgegeben: Der Brexit, so Juncker laut Gutschker, könne kein Erfolg werden. Nach den Gesprächen sei er «zehnmal so skeptisch wie zuvor». Die Chance, dass die Gespräche positiv endeten, beziffere er auf lediglich 50 Prozent. Am nächsten Tag habe Juncker mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel telefoniert, berichtet die FAS weiter, und dieser gesagt, ihre britische Amtskollegin lebe in einer anderen Galaxie und mache sich etwas vor. «Juncker ist mit grossen Sorgen aus London weggefahren», behauptete Gutschker, als verschafften die Aussagen aus dem Umfeld des Kommissions­präsidenten ihm Einblick in dessen Gedanken.

Die üblichen Forderungen

Theresa May startete offenbar mit Forderungen in die Gespräche, die Juncker für inakzeptabel erklärte: Ihr Land schulde der EU nach dem Austritt kein Geld mehr, soll May gesagt haben; in Grossbritannien ansässige EU-Bürger sollten künftig wie Ausländer aus Drittstaaten behandelt werden; die Verhandlungsergebnisse sollten bis zum Schluss geheim bleiben. Das mögen aus Sicht Junckers unerfüllbare Maximalforderungen sein, doch ist es üblich, dass man solche zu Beginn von Verhandlungen stellt. Juncker wäre schon sehr naiv, sollte er wirklich so überrascht und entsetzt sein, wie er die Öffentlichkeit nun glauben machen will. Was er mit seinen Durchstechereien bezweckt, ist einigermassen klar: Die Forderungen der Gegenseite sollen als illusorisch präsentiert werden, um diese zu verunsichern und die Öffentlichkeit auf die eigene Seite zu ziehen.

Letzteres dürfte Juncker erreicht haben, zumindest bei denen, die ohnehin schon immer gegen den Brexit waren: Grossbritannien gehe einer Demütigung entgegen, schrieb der Guardian; Theresa May stehe «gegen den Rest Europas», freute sich Gutschker in der FAS. Junckers Vorgehen werde sich rächen, meinte wenig überraschend der Brexit-freundliche Daily Telegraph: Fahre die EU-Kommission die Verhandlungen gegen die Wand, würden jene EU-Länder, die auf Freihandel mit Grossbritannien besonders angewiesen seien, unruhig werden. Dann sei es vorbei mit der Einigkeit unter den 27.

Es war wie so oft in der Brexit-Debatte: Die Behauptungsindustrie produzierte Vorhersagen für jeden Geschmack. Sollte alles ganz anders kommen als prophezeit, wird sich ohnehin kaum jemand noch an all die Kommentare, Wort­meldungen und Tweets erinnern können.

Stärker als zuvor?

Um zum Abschluss auch noch eine These aufzustellen: Vielleicht ist Mays Position nach den jüngsten Ereignissen eher stärker als zuvor. Der frühere amerikanische Präsident Richard Nixon entwickelte im Kalten Krieg die sogenannte Mad-Man-Theorie: Am liebsten wäre es ihm, wenn die Gegenseite ihm alles zutrauen würde. Vielleicht denkt May ja ähnlich: Gäbe es gar kein Abkommen, wäre dies für Gross­britannien wahrscheinlich wesentlich schmerzhafter als für die EU. Doch für einige der verbleibenden EU-Länder wäre es ebenfalls schmerzhaft genug. So gesehen ist es gut für die britische Premier­ministerin, wenn die anderen glauben, sie sei verwegen genug, um ohne einen Abschluss vom Verhandlungstisch aufzustehen.

Für unzurechnungsfähig sollte Jean-Claude Juncker Theresa May ohnehin halten: Wer kommt auch schon auf die Idee, die Europäische Union könnte nicht die beste aller Welten sein? (Basler Zeitung)

Erstellt: 03.05.2017, 10:37 Uhr

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