Massaker mit Ansage

Labour verliert in den britischen Lokalwahlen massiv, Theresa Mays Konservative Partei triumphiert. Sogar in Schottland legen die Tories deutlich zu.

«Gift auf der Türschwelle». Jeremy Corbyn am 3. Mai in Bedford.

«Gift auf der Türschwelle». Jeremy Corbyn am 3. Mai in Bedford. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Etwas mehr als vier Wochen werden noch vergehen, bis die Briten ein neues Parlament wählen. Labour, die oppositionelle Arbeiterpartei, wird dabei aller Voraussicht nach eine Niederlage erleiden, für die das Adjektiv «vernichtend» buchstäblich zutreffen könnte: Nach 117 Jahren könnte es mit der Partei in ihrer derzeitigen Form zu Ende gehen.

Als wäre diese Aussicht nicht demütigend genug, fand am Donnerstag auch noch eine Art Generalprobe für die Wahl vom 8. Juni statt: England, Schottland und Wales wählten neue Gemeinderäte und Bürgermeister.

Labours lange Agonie setzte sich dabei fort. Die Partei verlor Sitze im ganzen Land, auch in bisherigen Hochburgen: Der Stadtrat von Glasgow, seit 40 Jahren unter Labours Kontrolle, fiel nun an die schottischen Nationalisten (SNP); in Edinburgh fiel die Partei zurück hinter SNP und Konservative; überall sonst im Land profitierten die Tories von Labours Schwäche.

«Carwyn statt Corbyn»

Die Medien machten gestern Labours Parteichef Jeremy Corbyn für die Niederlage verantwortlich. Tatsächlich war es ein Massaker mit Ansage, das am Donnerstag stattgefunden hatte, und am 8. Juni dürfte das nächste folgen. Corbyn sei «Gift auf der Türschwelle», zitierte der Guardian einen Labour-­Gemeinderat. In Wales verleugneten Labour-Mitglieder ihren Vorsitzenden gar: Sie ständen für «Carwyn statt für Corbyn», sagten sie den Wählern. Carwyn Jones ist Wales’ Ministerpräsident und Labour-Chef. Die Distanzierung half den Kandidaten nicht.

Einen seltenen Lichtblick erlebte Labour in Nord-England, wo der neu geschaffene Posten eines Bürgermeisters von Gross-Manchester besetzt wurde: Diesen errang der frühere Gesundheitsminister Andy Burnham.

Corbyn mag man seine Freude darüber kaum abnehmen: Burnham gilt als Mitte-Politiker in der Tradition Tony Blairs und zählt damit zu den internen Gegnern des prononciert linken Vorsitzenden. Gemässigten Labour-Anhängern und -Mitgliedern mag Burnhams Erfolg schmerzlich bewusst machen, was ihre Partei mit einem anderen Chef erreichen könnte.

Dramatischer noch als Labours Niedergang verläuft jener Ukips, der EU-feindlichen Unabhängigkeitspartei. Sie gewann landesweit nur noch ein einziges Mandat. Zumindest in den Augen der Wähler scheint die Partei seit dem Ja zum Brexit ihren Daseinszweck verloren zu haben. Hinzu kamen interne Konflikte sowie die Führungsschwäche Paul Nuttalls, des Parteichefs. Ein knappes Jahr nach ihrem grössten Triumph ist Ukip wieder die unbedeutende Splitterpartei, als die sie 1993 startete, in einer Liga mit den Kom­munisten oder der rechtsextremen BNP. Seine Partei sei «Opfer ihres eigenen Erfolgs» geworden, sagte Nuttall und behauptete, er sei glücklich, «den Preis für den Brexit zu bezahlen».

Tatsächlich zeigt Ukips Misserfolg, wie sehr EU-Gegner in der Brexit-­Frage mittlerweile der konservativen Premierministerin Theresa May vertrauen. Nuttall hatte versucht, seine Partei als Brexit-­Wachhund darzustellen, der May daran hindern würde, in den Verhandlungen mit der EU allzu viele Kompromisse einzugehen. Offensichtlich sah die Zielgruppe hierfür keinen Bedarf.

May kann aufatmen

Bei den Tories dürfte das Wahl­ergebnis neben Freude auch Erleichterung ausgelöst haben, zeigt es doch, dass die Demoskopen mit ihren Vorhersagen für die Parlamentswahl im Gros­sen und Ganzen richtig liegen dürften. Dass May am Abend des 8. Juni eine böse Überraschung erlebt, erscheint nun noch unwahrscheinlicher als zuvor.

Mehr als 500 Sitze gewannen die Tories landesweit hinzu, während Labour über 300 Mandate verlor. Auch in Schottland, das bisher als äusserst steiniger Boden für Konservative gegolten hatte, legten die Tories deutlich zu. Die SNP wuchs dort moderat und bleibt stärkste Kraft; Labour, das die schottische Politik vor 20 Jahren noch dominiert hatte, fiel auf Rang drei zurück.

Theresa May tat am Freitag, was sie im Hinblick auf den 8. Juni vernünftigerweise tun musste: Sie versuchte, die Euphorie in den eigenen Reihen zu bremsen. Sie sehe nichts als gegeben an, sagte die Premierministerin. (Basler Zeitung)

Erstellt: 06.05.2017, 08:22 Uhr

Artikel zum Thema

Mad-Woman-Theorie

Analyse Jean-Claude Juncker behauptet, Theresa May leide unter Realitätsverlust. Für die britische Premierministerin könnte es indes von Vorteil sein, wenn die Gegenseite an ihrer Zurechnungsfähigkeit zweifelt. Mehr...

Generalprobe für Mays Brexit-Strategie ein wuchtiger Erfolg

Die Konservativen knöpfen allen voran Labour bei den Kommunalwahlen 558 Sitze ab – auch die schottischen Nationalisten legen zu. Ein wichtiger Stimmungstest vor den Parlamentswahlen. Mehr...

Kommentare

Blogs

Geldblog Softwarefirma profitiert von Banken unter Druck
Sweet Home Japandi statt Skandi
Mamablog Beisshemmung vor der Zahnspange

Service

Agenda

Alle Events im Überblick.

Die Welt in Bildern

Schmucke Brille: Ein Model führt in Mailand die neusten Kreationen von Dolce und Gabbana vor. (24. September 2017)
(Bild: Antonio Calanni/AP) Mehr...