Mit Trompetengeheul gegen Bosnien

Die Führung der bosnischen Serben zelebriert den Gründungstag ihrer Teilrepublik mit Pomp und Parade. Damit wird der Gesamtstaat untergraben.

Eine Provokation für die bosnischen Muslime: Parade zum 25. Jahrestag der Republika Srpska in Banja Luka.

Eine Provokation für die bosnischen Muslime: Parade zum 25. Jahrestag der Republika Srpska in Banja Luka. Bild: AFP

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Fahnen sind ein beliebtes Mittel zur Machtdemonstration. Dem Feind sollen sie die Grenzen aufzeigen – und gleichzeitig suggerieren, wie innig man die eigene Heimat liebt. Diese Botschaft, untermalt vom Trompetengeheul, ging am Montag von der bosnischen Stadt Banja Luka aus. Dort verschwand fast jede öffentliche Fläche hinter einem rot-blau-weissen Fahnentuch – entrollt in eisiger Kälte von patriotischen Händen. Gefeiert wurde in Banja Luka der 25. Jahrestag der Republika Srpska, der serbisch dominierten Landeshälfte von Bosnien Herzegowina.

Am 9. Januar 1992 hatte die damalige nationalistische Führung der bosnischen Serben entschieden, das multiethnische Bosnien zu zerschlagen und Teil eines grossserbischen Staates zu werden. Auf dem Weg zu diesem Ziel wurden ganze Landstriche dem Erdboden gleichgemacht, Städte zerstört und belagert. Im Juli 1995 ereignete sich der Völkermord in Srebrenica: Vor den Augen der Weltgemeinschaft ermordeten serbische Truppen unter dem Befehl von General Ratko Mladic etwa 8000 bosniakische (muslimische) Männer und Knaben. Mit dem Friedensvertrag von Dayton wurde zwar die Schaffung eines Grossserbien verhindert, die bosnischen Serben erhielten aber innerhalb Bosniens ihre eigene Republik.

«Eine tolle Idee»

Für die bosnischen Muslime, die grössten Opfer des Krieges, ist der 9. Januar kein Tag der Freude. Die wenigen, die in die Republika Srpska zurückgekehrt sind, fühlen sich von der Zeremonie diskriminiert. Das Verfassungsgericht Bosniens hat deshalb den serbischen Feiertag für illegal erklärt und die Behörden aufgefordert, ein anderes Datum festzulegen. Dagegen wehrte sich Milorad Dodik, der Präsident der bosnischen Serben und Leiter des nationalistischen Unterhaltungsprogramms in Personalunion.

Im vergangenen September liess er seine Landsleute in einem verfassungswidrigen Referendum über den Staatsfeiertag abstimmen. Das Ergebnis überraschte niemanden: Fast 100 Prozent der Serben votierten für die Beibehaltung «ihres» Feiertags. Daraufhin nahm die Justiz Ermittlungen gegen Dodik auf. Erst Ende Dezember gab er eine Stellungnahme in Sarajevo ab.

Serbische Machtphantasien: Milorad Dodik (links), Chef der bosnischen Serben, und der serbische Staatspräsident Tomislav Nikolic bei der Feier in Banja Luka. Foto: AFP

Kurz vor dem Jahrestag setzte Dodik seine Provokationen fort. Die Abspaltung der Republika Srpska und ein Anschluss an Serbien sei «eine tolle Idee». Zu diesem neuen Staat auf dem Balkan müssten auch vier serbische Gemeinden im Norden Kosovos gehören. Erstrebenswert sei zudem die Wiederherstellung der serbischen Dominanz in Montenegro. Für 2017 kündigte er «neue Offensiven» an. Dodik verhöhnt offen die Opfer des Krieges, indem er die «Gründer der Republika Srpska» Radovan Karadzic, Biljana Plavsic und Momcilo Krajisnik mit Orden ehrt. Alle drei wurden vom UNO-Tribunal als Kriegsverbrecher verurteilt.

Die gestrigen Feierlichkeiten zum Jahrestag der Republika Srpska sind ein weiterer Versuch, den bosnischen Gesamtstaat zu untergraben. Unter den 2000 geladenen Gästen waren der serbische Staatspräsident Tomislav Nikolic, der 1993 in den bosnischen Bergen den Titel «Tschetnikführer» erhielt, das Oberhaupt der serbisch-orthodoxen Kirche Irinej und der Sohn von Ratko Mladic, der an der Teilnahme verhindert war: Er steht in Den Haag wegen Kriegsverbrechen vor Gericht. Auf dem zentralen Krajina-Platz fand eine Parade statt – mit Sonderpolizisten, Feuerwehrleuten und Pöstlern. Dodik wollte auch eine Einheit der bosnischen Armee aufmarschieren lassen, wurde aber von der internationalen Gemeinschaft zurückgepfiffen.

Als Schaumschläger entlarvt

Westliche Diplomaten blieben dem Anlass fern. Die US-Botschaft rief die Justiz auf, jene Politiker zur Verantwortung zu ziehen, welche die Beschlüsse des Verfassungsgerichts missachten. Eine Botschaft, die Dodik kaum beeindrucken wird, weil die internationale Gemeinschaft seinem Treiben lange tatenlos zugeschaut hat. Seit Jahren ist er ein gern gesehener Gast im Kreml. Kürzlich behauptete Dodik, er habe aus Washington eine Einladung erhalten, um an der Amtseinführung des neuen US-Präsidenten Donald Trump teilzunehmen.

In den bosnischen Medien wurde der Serbenführer als Schaumschläger entlarvt: Er sei bloss von einem Lobbyisten zu einer Veranstaltung in einem Hotel in Washington eingeladen worden, hiess es. Dodik wäre gerne nach Washington gereist. Doch die US-Botschaft in Sarajevo verweigerte ihm ein Einreisevisum. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.01.2017, 10:59 Uhr

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