Neue Ausweichroute über Rumänien

Anstatt übers Mittelmeer suchen Schlepper nun vermehrt Überfahrten via Schwarzes Meer.

Gefordert. Rumänischer Grenzpolizist, der innerhalb der EU, aber ausserhalb des Schengenraums arbeitet.

Gefordert. Rumänischer Grenzpolizist, der innerhalb der EU, aber ausserhalb des Schengenraums arbeitet. Bild: Keystone

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Die Befürchtung vieler, auch offizieller Stellen wie des Staatssekretariats für Migration bewahrheitete sich nicht. Die Befürchtung lautete: Die Anzahl Migranten in Italien könnte im Sommer stark zunehmen. Das Gegenteil ist eingetroffen. Wie die meisten Medien vergangene Woche berichteten, sind im Juli und im August die Zahlen der Flüchtlinge, die in Italien von der gegenüberliegenden Mittelmeerküste her gekommen sind, um etwa 90 Prozent zurückgegangen. Dies im Vergleich zum Vorjahr.

Die Ursachen sind noch unklar, denkbar sind entsprechende Bestrebungen der deutschen Regierung angesichts des laufenden Wahlkampfs bis hin zu vermuteten Zahlungen von Italien an Libyen, auf die auch in der gestrigen Ausgabe der Sonntagszeitung hingedeutet wurde.

Verstärkte Schleppertätigkeit

Ungeachtet der Gründe für die zunehmend verschlossene Mittelmeerroute nach Italien, fragen sich Sicherheitsbeobachter nun, auf welche Ausweichrouten die Schlepper zurückgreifen werden. Denn klar ist, das Schleppen von Migranten ist ein zu lukratives Geschäft – nach wie vor einträglicher als Drogenhandel –, als dass Kriminelle freiwillig darauf verzichten würden. Neben der Route Marokko–Spanien, die allerdings gut kontrolliert ist, dürften die Schlepper in den kommenden Monaten vermehrt Rumänien ansteuern.

Auf eine neue Route Türkei–Rumänien via Schwarzes Meer deuten heute vermehrte Aufgriffe illegal Eingereister auf rumänischem Boden. Das EU-Mitglied Rumänien gehört noch nicht zum Schengenraum, weil es nach EU-Vorgaben zuerst Korruptionsprobleme in den Griff bekommen muss. Die vermehrten Aufgriffe von Migranten in Rumänien der letzten Tage und Wochen zeigen, dass Schlepper die Schwarzmeerroute derzeit austesten. Die ungarischen Behörden stellen ihrerseits eine verstärkte Schleppertätigkeit an der Grenze zu Rumänien fest.

Die Basler Zeitung konnte die folgenden aktuellen Vorkommnisse aus Rumänien in Erfahrung bringen: Letzte Woche fand die Polizei in einem Motel in Temeschwar 105 Migranten. 82 kamen aus dem Irak, unter ihnen mehrere Kinder; acht kamen aus Somalia, drei aus Ägypten, zwei aus Liberia, zwei aus Iran, zwei aus Eritrea, einer aus Nigeria sowie fünf aus Syrien. Einige Zeit zuvor erwischte die Küstenwache zwei Schlepper in flagranti. Der eine war Bulgare, der andere Griechisch-Zypriot; sie versuchten, per Schiff 69 Personen ins Land zu bringen. An Bord des Schiffs «Emek 1» befanden sich zehn Frauen, 29 Kinder und 30 Männer. Das Schiff hatte offenbar am 11. August von der türkischen Küste abgelegt.

Wiederum letzte Woche stiess die Polizei bei Temeschwar auf 25 Iraker, die sich in einem Feld versteckten. Am 28. August machten rumänische Polizisten gar von ihren Schusswaffen Gebrauch, nachdem serbische Schlepper von zwölf Afghanen versuchten, eine Kontrolle gewaltsam zu durchbrechen. Zwei Flüchtlinge wurden dabei verletzt.

Ungarn verlängert Grenzzaun

Über die türkische Seite an der neuen Route wird derweil berichtet, Kontrollen, die gegen Schlepper gerichtet sind, seien während der Touristensaison intensiver als davor und danach. Trifft dies weiterhin zu, könnten die illegalen Menschentransporte auf Schlepperbooten von der Türkei aus nach Rumänien in den kommenden Wintermonaten zunehmen. Umgekehrt wäre dies dann nicht der Fall, sollten türkische und rumänische Behörden vermehrte Anstrengungen unternehmen, Schlepperfahrten über das Schwarze Meer zu verhindern. Sicherheitsbehörden in Europa gehen davon aus, dass die Schlepperorganisationen noch einige Monate benötigen, bis sie ihre Logistik und die personelle Organisation für die Schwarzmeerroute aufgebaut und perfektioniert haben.

Für die Schweiz würde eine vermehrte Nutzung der Schwarzmeerroute unter Umständen einen erhöhten Migrationsdruck auf die östliche Grenze zu Österreich bedeuten. Dies wäre dann der Fall, sollte ein Migrantenstrom von Rumänien aus via Ungarn und Österreich einsetzen und das Hauptzielland nicht wie das letzte Mal Deutschland sein, sondern die Schweiz.

Allerdings könnten auch bei diesem Szenario die Ungarn den Schleppern einen Strich durch die Rechnung machen, wie bei der Schliessung der Balkanroute 2016. Die ungarischen Behörden planen heute offenbar die Verlängerung ihres Grenzzauns zu Serbien, und zwar entlang der Grenze zu Rumänien. Zuerst soll Nato-Draht ausgelegt, danach ein doppelter Zaun errichtet werden. (Basler Zeitung)

Erstellt: 04.09.2017, 09:49 Uhr

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