Schweiss und Tränen, nur kein Blut

Auf dem Parteitag der britischen Konservativen erleidet Theresa May einen Hustenanfall. Dass dieser vom Inhalt ihrer Rede ablenkt, sollte ihr eher recht sein. Ihrem Rivalen Boris Johnson gelingt es immerhin, den Parteitagsblues zu vertreiben.

«Ich bleibe dabei, um Ungerechtigkeit auszurotten und jedem im Land eine Stimme zu geben»: Theresa May bei ihrer Rede am Mittwoch.

«Ich bleibe dabei, um Ungerechtigkeit auszurotten und jedem im Land eine Stimme zu geben»: Theresa May bei ihrer Rede am Mittwoch. Bild: Keystone

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Es ist Sonntagabend, der Parteitag der britischen Konservativen hat vor wenigen Stunden begonnen, und Theresa May, die Premierministerin, erlebt den ersten von zahlreichen heiklen Momenten: Der schottische Zweig ihrer Partei hat zu einem Umtrunk eingeladen, der Abend ist spät, der Alkoholpegel der Zuhörer hoch: keine einfache Ausgangslage. Bei den Parlamentswahlen vom Juni haben die schottischen Tories elf Mandate hinzugewonnen, sensationell und gegen den nationalen Trend.

Ihre Chefin Ruth Davidson, eine Frau mit burschikosem Kurzhaarschnitt, ist wie immer auf Betriebstemperatur: «Ich wollte, dass David endlich ein paar Freunde hat auf den grünen Bänken da unten», sagt sie mit Blick auf David Mundell, der bis vor Kurzem noch der einzige schottische Konservative in Westminster war.

Mundell lacht gutmütig, dann überlässt Davidson May die Bühne. Die übt sich zunächst in Demut. «Das Wahlergebnis kam nicht ganz so heraus, wie wir uns das vorgestellt haben», sagt sie, dann greift sie nach Davidsons Hand, reisst diese mit nach oben und ruft: «Aber gemeinsam haben wir die Union gerettet!» Jubel brandet auf, auch wenn Mays Aussage die Realität eher unzureichend beschreibt: Wenn überhaupt war es Davidson, welche die schottischen Nationalisten gebändigt hat. Einige sehen sie nun als potenzielle Premierministerin, dennoch scheint sich May in ihrer Gesellschaft relativ wohlzufühlen. Schottlands politische Landschaft habe sich mittlerweile von jener Englands mental weitgehend abgekoppelt, erklärt mir Brian Taylor, ein altgedienter Reporter von BBC Scotland, das Phänomen. May müsse Davidson nicht fürchten, weil Letztere ihren Ehrgeiz vorerst darauf verwende, in Edinburgh an die Macht zu kommen.

Corbyn als dramaturgischer Fehler

Womöglich aus Unkenntnis der schottischen Verhältnisse macht Theresa May einen dramaturgischen Fehler: Sie erwähnt Jeremy Corbyn, den Chef der Labour-Partei – und verliert schlagartig die Aufmerksamkeit des Publikums. Der bärtige Marxist aus dem fernen London scheint für schottische Tories kaum mehr darzustellen als eine besonders kuriose Erscheinungsform des ihnen ohnehin zunehmend fremden Engländertums. May kriegt gerade noch die Kurve, was bedeutet, dass sie ihre Rede beendet. Beim Hinausgehen, aus der Nähe betrachtet, wirkt sie wie eine alte Frau: leicht gebeugt und mit einem steifen Rücken.

Warum, so frage ich Michael Crick, macht May eigentlich weiter? Politiker seien nun einmal «keine normalen Menschen», erklärt Crick, der seit Jahrzehnten als Kommentator für Channel 4 arbeitet: «Wenn ich so dumm angemacht würde wie ein Premierminister, würde ich nach drei Tagen hinschmeissen.» Woraus genau sie ihre Kraft ziehe, das könne er sich auch nicht erklären. Theresa May bleibt ein Rätsel.

Am Dienstag ist «Boris-Tag», wie ein Delegierter mir sagt: Der Auftritt von Aussenminister Boris Johnson steht an; er gilt als Mays gefährlichster Rivale. Kabinettskollegen, die vor ihm auftreten, machen Scherze auf seine Kosten: Britannien habe William Shakespeare hervorgebracht und Jane Austen, Alexander Fleming und James Dyson – «und wir bilden die besten Diplomaten der Welt aus, was es ihnen erlaubt, für den Aussenminister zu arbeiten», sagt Brexit-Minister David Davis. «Innerhalb einer Woche haben wir 600 Soldaten, drei Helikopter und einen Aussenminister in die Karibik entsandt», scherzt Verteidigungsminister Michael Fallon wenig später. Durch Witzeleien versuchen sie, Johnson kleiner zu machen, tatsächlich erreichen sie eher das Gegenteil: Es gibt keine Boris-freie Pointe an diesem Dienstag.

Rituelles Show-Joggen

Der Aussenminister selbst beginnt den «Boris-Tag» mit seinem rituellen Show-Joggen in der Innenstadt von Manchester. Keuchend und mit wedelnden Armen rennt er durch die Strassen, der Journalistenmeute bellt er im Vorüberrennen Worte zu, die nicht immer leicht zu dechiffrieren sind. «Dass ein Mann, der joggt, so fett sein kann», murmelt ein Reporter.

Theresa May ist bei Johnsons Rede nicht im Saal. Man kann darin ein Zeichen sehen oder auch nicht: Finanzminister Philip Hammond hat sie am Montag mit ihrer Anwesenheit beehrt. Die Rede des Aussenministers sei mit 10 Downing Street abgestimmt, heisst es von dort. May könne leider nicht kommen, sie müsse Interviews geben.

Wer Johnson live erlebt, sieht ihn mit anderen Augen: Seine Rede dauert noch keine fünf Minuten, da ist der Parteitagsblues, der sich nach anderthalb Tagen gestanzter Politiker-Sätze unter künstlichem Licht unweigerlich eingestellt hat, auch schon verflogen. Seinen Staatssekretär Alan Duncan nennt er «einen Mount Rushmore der Weisheit». Selbst der Name Verhofstadt gerinnt ihm durch seltsame Aussprache zur Pointe; Schulbildung für Mädchen bezeichnet er als «Schweizer Armeemesser gegen Islamismus». Johnson prägt Bilder, die dem Zuhörer bleiben.

Selbst schwache Pointen schlagen ein, weil man sich dann über seine Schusseligkeit amüsiert oder über die Amüsiertheit seiner Fans. «Ha, selbst Sie als neutraler Beobachter mussten lachen, geben Sie es doch zu!», triumphiert Katy, eine rothaarige Rentnerin aus der Grafschaft Kent, als ich sie nach ihrer Meinung frage. «Er versteht es, sich aus jeder Sackgasse, in die er sich selbst hineinmanövriert hat, mit einer Pointe wieder herauszuziehen», sagt Matthew, ein korpulenter Jung-Tory.

Nominell steht er hinter ihr

Der konservative Daily Telegraph wird später behaupten, Johnsons Rede sei grossartig gewesen, der linke Guardian wird sie furchtbar finden. Mehrheitlich vertreten die Zeitungen die Ansicht, Johnson habe seinen Anspruch auf das Amt des Premierministers unterstrichen. Das kann man so sehen, wenn man eine starke Rede automatisch als Kampfansage betrachtet; nimmt man Johnson dagegen beim Wort, hat er sich hinter May gestellt: «Bis in jede Silbe» stimme er ihrer Florentiner Brexit-Rede zu, sagte er.

Die Premierministerin spricht am Mittwochmittag, und ihre Rede wird zweifellos im Gedächtnis bleiben. Zu verdanken hat sie dies zum einen Simon Brodkin, einem Aktivisten, der als Humorist gilt und ausserhalb Grossbritanniens dadurch bekannt wurde, dass er den damaligen Fifa-Chef Sepp Blatter mit Papiergeld bewarf. Brodkin tritt während Mays Rede an deren Pult heran, überreicht ihr ein sogenanntes P-45-Formular, das britische Arbeitnehmer bei ihrer Entlassung erhalten, sagt, «das soll ich Ihnen von Boris geben», und wird nach einem Tumult, von dem sich May nicht sonderlich beeindruckt zeigt, abgeführt. Später dann wird May von einem hartnäckigen Hustenanfall geschüttelt, die Stimme versagt ihr immer wieder.

So bleibt ihre Rede auf ihre Weise spannend – immer wieder fragt man sich, ob sie wohl bis zum Ende durchhalten wird. Ihre Parteikollegen verschaffen ihr durch Standing Ovations Pausen, Finanzminister Philip Hammond überreicht ihr ein Hustenbonbon. «Haben Sie das gesehen? Der Schatzkanzler gibt etwas gratis her», scherzt May, die nicht gerade für Humor und Spontaneität bekannt ist, gar nicht so übel. Sie wird nun von ihrer Mannschaft getragen und erfährt so endlich einmal die Unterstützung, die ihr oft fehlte. Beinahe könnte man meinen, einige begännen aus Solidarität zu husten. May hält durch, es ist eine Schweiss-und-Tränen-Rede, nur das Blut fehlt.

Kaum Neues

Hört überhaupt noch einer auf den Inhalt? Neues hat May kaum zu sagen. Mehr Geld für den Wohnbau verspricht sie und macht damit immerhin den Versuch, Labour junge Wähler abspenstig zu machen. Die Frage, warum sie an der Macht festhält, beantwortet sie, allerdings auf eher phrasenhafte Weise: «Ich bleibe dabei, um Ungerechtigkeit auszurotten und jedem im Land eine Stimme zu geben», sagt sie. Dennoch, am Ende herrscht selbst im Medienzentrum, dem lokalen Hauptquartier des Zynismus, mehr Wohlwollen als Spott. Die Premierministerin habe verletzlich gewirkt und gerade dadurch Stärke gezeigt, lautet der Tenor unter den Journalisten.

Ihre Stellung dürfte Theresa May damit zumindest verteidigt haben. Sie hängt weiter an ihrer Partei – und ihre Partei an ihr. Wenigstens vorerst. (Basler Zeitung)

Erstellt: 05.10.2017, 09:16 Uhr

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