Sondersignal in den Tod

Der Fahrdienstleiter verursachte das schwere Bahnunglück von Bad Aibling. Er übersteuerte die automatische Sicherung von Hand. Warum?

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Es muss ein schrecklicher Moment gewesen sein, morgens um Viertel vor sieben, am Dienstag vor einer Woche. Im Stellwerk von Bad Aibling realisierte der Fahrdienstleiter, dass er zwei Züge auf demselben Gleis aufeinander zurasen liess. Ein automatisches Brems- und Warnsystem sorgt dafür, dass dies unmöglich aus Versehen geschehen kann. Der 39-jährige Bahnmitarbeiter hatte das System jedoch manuell übergangen, indem er, wahrscheinlich mehrmals, ein sogenanntes Sondersignal setzte. Der Lokführer des Zuges, dem es galt, sah zwar immer noch ein rotes Stopplicht, drei weisse Punkte daneben signalisierten ihm aber, dass er gleichwohl fahren könne.

Kurz darauf muss der Fahrdienstleiter gemerkt haben, welch fatalen Fehler er begangen hatte. Über Sprechfunk setzte er zwei Notrufe an die Züge ab, wie der «Spiegel» und die «Augsburger Allgemeine» mit Verweis auf Ermittlerkreise bereits am Wochenende berichtet hatten. Der erste Notruf soll 200 Meter vor der Unglücksstelle eingetroffen sein. Einer der beiden Züge habe danach noch bis auf eine Geschwindigkeit von 52 km/h abgebremst. Der zweite Notruf ging bereits ins Leere. Die beiden Züge stiessen frontal zusammen, 11 Menschen starben, unter ihnen die beiden Lokführer, mehr als 80 wurden verletzt. Gemäss der Boulevardzeitung «Bild» erlitt der Fahrdienstleiter unmittelbar nach dem Unfall einen Zusammenbruch und gestand gegenüber Arbeitskollegen den Fehler ein. Den Ermittlern hingegen sagte er eine Woche lang gar nichts – bis er am Montag im Beisein von zwei Anwälten stundenlang aussagte.

Die Minuten nach dem Unglück: Ein Passagier filmt die Zerstörung nach dem Zusammenprall (Video: Youtube/Marcel Coolio).

Warum der Fahrdienstleiter, der 19 Jahre Berufserfahrung mitbringt, das fatale Sondersignal gesetzt hatte, sagten die Staatsanwälte nicht, die am Dienstag in Bad Aibling informierten. Sie gehen jedoch davon aus, dass der Mann es nicht mit der Absicht gesetzt hatte, den Unfall vorsätzlich herbeizuführen. Gegen ihn wird nun wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Kommt es zu einem Prozess, drohen ihm bis zu fünf Jahre Haft. Möglich sind auch Klagen auf Schadenersatz. Experten schätzen die Folgekosten auf 30 bis 70 Millionen Euro. Der verheiratete Mann ist auf freiem Fuss. Er wurde allerdings an einen sicheren Ort gebracht, weil es ihm «nicht gut geht».

Der Fahrdienstleiter, der seine Arbeit um fünf Uhr begonnen hatte, stand weder unter Alkohol-, noch unter Drogeneinfluss. Die Ermittler gehen auch nicht von einer besonderen medizinischen oder psychischen Notlage aus. Warum also das Sondersignal? Der Zug, der aus Holzkirchen Richtung Rosenheim fuhr, hatte drei bis vier Minuten Verspätung. Wollte der Mann im Stellwerk dem Lokführer die Möglichkeit geben, die Verspätung aufzuholen und vergass, dass schon ein Zug auf der Strecke war? Private Gesellschaften wie die Bayerische Oberlandbahn stehen nach Ansicht von Experten unter grossem Druck, pünktlich zu sein, weil sie sonst fürchten müssen, Konventionalstrafen an die staatlichen Vertragspartner bezahlen zu müssen.

Gemäss dem «Spiegel» diskutieren Eisenbahnerkollegen aus der Gegend aber noch eine andere Hypothese. Die Passierstelle der beiden Züge war je nach Fahrt einmal im Bahnhof Kolbermoor und einmal in Bad Aibling angelegt. Hatte sich der Fahrdienstleiter schlicht in der Uhrzeit vertan? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.02.2016, 20:31 Uhr

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