Spannung bis zuletzt

Die Franzosen wählen am Sonntag zwei Kandidaten in den Schlussgang. Es ist alles offen. Das sind die Szenarien für die Stichwahl.

TA-Grafik mrue / Quelle: Cevipof, Ipsos – Sopra Steria und «Le Monde»


Vier eindeutige Favoriten – und doch völlige Unklarheit: Drei Tage vor dem ersten Wahlgang der französischen Präsidentschaftswahl kann niemand vorhersagen, wer künftig im Elysée-Palast regieren wird. Die Finanzmärkte sind nervös, in Brüssel und in den EU-Hauptstädten blicken die Europäer bange auf die Hochrechnungen.

Macron knapp vorne

Auch die aufwendigste Umfrage mit mehr als 11'000 Befragten, konzipiert vom angesehenen Centre de Recherches politiques (Cevipof) in Paris und publiziert von «Le Monde», bestätigt: Der Sozialliberale Emmanuel Macron (23 Prozent) und die Rechtspopulistin Marine Le Pen (22,5 Prozent) liegen zwar knapp vorn, doch der Republikaner François Fillon (19,5 Prozent) wie auch der linksradikale Jean-Luc Mélenchon (19 Prozent), der Anführer des «Unbeugsamen Frankreich», haben noch beste Chancen, es in die Stichwahl am 7. Mai zu schaffen.

Wichtigster Grund für die Ungewissheit ist das Wahlrecht: Die Franzosen dürfen zweimal votieren. Im ersten Durchgang am 23. April haben sie die Wahl zwischen elf Kandidaten, nur der Erst- und Zweitplatzierte kommen in die Stichwahl zwei Wochen später. Traditionell stimmen viele Bürger im ersten Durchgang mit dem Herzen ab, ohne taktische Hintergedanken.

Bei bisherigen Wahlen galt als Faustregel, dass die Vernunft der Franzosen – also die Bereitschaft, fürs «kleinere Übel» zu stimmen – erst nach der ersten Runde einsetzt. Diesmal jedoch gelten andere Regeln, diesmal sind Kalkül und Strategie bereits zu Beginn gefragt. Vor allem die Sympathisanten der Linken müssen abwägen, wie sie das – aus ihrer Sicht – «Horror-Duell» zwischen Marine Le Pen vom Front National und dem rechtskatholischen François Fillon abwenden: Stärken sie per «vote utile» (nützliche Stimme) den gemässigten Macron oder lieber den tiefroten Mélenchon? Ein ähnliches Dilemma plagt moderate Republikaner: Bleiben sie ihrem von Skandalen belasteten Parteikandidaten Fillon treu – oder wechseln sie lieber präventiv zu Macron?

Geringe Beteiligung erwartet

Fallen beide an diesem Sonntag durch, stünde Frankreichs politische Mitte am 7. Mai vor einer schwierigen Entscheidung: Le Pen oder Mélenchon. Der Verlierer wäre Europa: Beides sind Extremisten, beide wollen raus aus der EU. Es wird eine Zitterpartie, bis Sonntagnacht. Denn 28 Prozent jener Wähler, die an die Urnen gehen wollen, sagen, sie seien sich noch unsicher. Nur Le Pen und Fillon haben mit mehr als 80 Prozent fest entschlossener Anhänger einen recht zweifelsfreien Wählersockel.

Hinzu kommt die absehbar niedrige Wahlbeteiligung. 28 Prozent aller Befragten sagten, sie wollten nicht wählen gehen. So viele Wahlabstinente gab es zuletzt 2002: Damals scheiterte der Sozialist Lionel Jospin im ersten Wahlgang, stattdessen zog Jean-Marie Le Pen, der Vater von Marine, gegen Jacques Chirac ins Rennen. Chirac gewann die Stichwahl mit 82 Prozent. Ein Blick auf die folgenden sechs möglichen Duelle in diesem Jahr zeigt: Auch diesmal würde die Familie Le Pen wohl nicht durchkommen. Aber: Sicher ist in dieser Wahl nichts.

Den Teilnehmern der Umfrage wurde die Frage gestellt: «Stünde am nächsten Sonntag der 2. Wahlgang an und es käme zu den nachfolgenden Paarungen: Wen würden Sie wählen?» Die Szenarien sind in absteigender Wahrscheinlichkeit aufgelistet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.04.2017, 18:02 Uhr

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