Streitfall Chemnitz

Wenn das vermeintlich Gute im Höllenloch der Heuchelei ersäuft.

So abgründig. Zehntausende nahmen am Solidaritätskonzert Anfang September in Chemnitz teil.

So abgründig. Zehntausende nahmen am Solidaritätskonzert Anfang September in Chemnitz teil. Bild: Keystone

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In Chemnitz wurde vergangenen Montag ein Zeichen gesetzt. Ein Zeichen gegen Rechtsradikale, Neonazis, Flüchtlingsgegner und Ausländerfeinde. Gegen Hetzer, Populisten, gegen Gewalt. Gegen rechte Gewalt. Gegen Hetzjagden, Lynchmobs und Pogrome. Es wurde ein Konzert veranstaltet unter dem Motto «wir sind mehr».

Das fand breite Zustimmung, vom deutschen Bundespräsidenten hinunter bis zu einem Schweizer Korrespondenten, der sich im Vorfeld nicht entblödet hatte, zu behaupten, dass in Chemnitz die deutsche Rechte «die Machtfrage» stelle. Das dem Guten und Besseren verpflichtete neue Justemilieu in Medien und Politik war also auf Betriebstemperatur, nämlich im höchsten Erregungszustand. Es geht um nichts weniger als: «Stoppt die Nazis jetzt.» Wie gut, dass hier nun gegen braune Fäuste, gegen prügelnde Glatzen, gegen primitive Rechtsrocker gezeigt wurde, wie überlegen humanistisches Liedgut sein kann.

Welche Welten liegen hier zu Songtexten wie: «Ich ramm die Messerklinge in die Journalisten-Fresse.» Das ist so widerlich, dass ich es bei einem weiteren Liedzitat bewenden lasse: «Ich fick sie grün und blau, wie mein kunterbuntes Haus. Nicht alles, was man oben reinsteckt, kommt unten wieder raus.» Man muss schon ein militanter Anhänger der künstlerischen Freiheit sein, wenn man solchen Texten nicht mit der erhobenen Faust oder zumindest einer Anzeige begegnet. Wie ist es nur möglich, dass so etwas zum Liedgut von Musikgruppen gehört, die vor über 60'000 Menschen sangen?

Hetzjagden, Lynchmobs und Pogrome

Genau, das wurde bei der grossen Zeichensetzung gegen Menschenverachtung und braunen Hass vorgetragen. Entrüstet sich nun das neue Justemilieu wenigstens auch darüber, verurteilt solche Gewaltfantasien mit der gebotenen Schärfe, mit dem gleichen Wortschatz, mit dem schon der Hitlergruss eines rechten Idioten als Anfang vom Ende bejammert wird? Findet es ein Wort der Verteidigung für Polizisten, über die gesungen wird: «Die Bullenhelme, sie sollen fliegen. Den Knüppel kriegt ihr in die Fresse rein»?

Ach was, das neue Justemilieu in den Medien hat ganz andere Probleme. Es berichtete bekanntlich über Hetzjagden, Lynchmobs und Pogrome in Chemnitz. Ohne sich bei den russischen Juden und den afroamerikanischen US-Bürgern für den Missbrauch der beiden letzten Begriffe zu entschuldigen. Nun stellte der CDU-Ministerpräsidenten von Sachsen, Michael Kretschmer, klar: «Es gab keinen Mob, es gab keine Hetzjagd, und es gab keine Pogrome in dieser Stadt.» Er stellt damit immerhin sein Renommee als seriöser Politiker aufs Spiel, sollte man ihm nachweisen können, dass seine Aussage falsch ist. Aber es kommt noch dicker, der Präsident des deutschen Verfassungsschutzes sagt, dass er die Echtheit eines Videos bezweifle, das die Verfolgung eines dunkelhäutigen Menschen in Chemnitz zeige, zudem habe er «keine belastbaren Informationen» über Hetzjagden auf ausländisch aussehende Menschen. Es gibt auch bislang nur dieses eine, kurze Video.

Da japst das Justemilieu nach Luft, denn die beiden Begriffe Lynchmob und Pogrom hat es wohlweislich gestrichen, aber im deutschen Feuilleton wurden umfangreiche semantische Auslegungen angestellt, ab wann man den Begriff «Hetzjagd» benützen dürfe, ob denn nicht schon alleine das Gefühl einer Bedrohung dafür ausreiche. Während hier mit unvorstellbarer Sprachsensibilität vorgegangen wurde, wird dem Verfassungsschutzpräsidenten und dem sächsischen Ministerpräsidenten Verharmlosung oder Unfähigkeit vorgeworfen, natürlich begleitet von Rücktrittsforderungen.

Bodenlose Heuchelei

Wie verblödet kann man beim Versuch, die Wirklichkeit so hinzurücken, wie sie einem passt, eigentlich sein? Ersetzen wir doch nur den Begriff «Hetzjagden auf Ausländer» durch «Hetzjagden auf Rechtsradikale». Wollen wir uns vorstellen, was in den Medien abginge, würde diese Behauptung von konservativen Publizisten aufgestellt und sich als zumindest schwer übertrieben herausstellen? Wollen wir nicht. Während die Medien einmal mehr ihre wichtigsten Assets, Vertrauen und Glaubwürdigkeit, in die Tonne treten, dabei unterstützt von Politikern, die meinen, indem man den Boten köpft, habe man seine Nachricht gekillt, zeigen alle Teilnehmer an dem Solidaritätskonzert und alle, die das uneingeschränkt gut finden, etwas noch viel Schlimmeres: abgründige Heuchelei.

Am grossartigen «Solidaritätskonzert» unter dem einfältigen Motto «wir sind mehr» wurde zu einer Schweigeminute für den ermordeten Daniel H. (notabene mit pietätloser Nennung des ganzen Namens) «und für alle Opfer rechter Hetze» aufgerufen. Auch das ist so abgründig, dass es selbst mich für einmal zu einem Vergleich mit braunen Zeiten treibt: Den in Chemnitz mutmasslich von Flüchtlingen ermordeten Deutschen zum Opfer rechter Hetze umzudeuten, ist so bodenlos wie die Stilisierung des Zuhälters Horst Wessel zum Märtyrer durch die Nazis. Wer erwidert, das Wörtchen «und» trenne, betreibt dumme Rabulistik. Noch bodenloser ist, wenn sich das steigern liesse, dass sich an diesem Gratis-Konzert wohlfeil Musikgruppen mit gewaltverherrlichenden Texten profilieren durften. Wenn ich eine Liedzeile beisteuern darf: «Tanz den Betroffenheitsschwurbel auf einer Leiche macht nur richtig Spass, wenn es umsonst ist.»

Wer die rechts stehende Publizistin Eva Herman mal «grün und blau ficken» will, wer über Gewalt gegen Journalisten und Publizisten singt, der benütze nur ein zugegebenermassen provokantes Rollenspiel, schwurbelt die Alleserklärmafia in den Feuilletons. Und mit dieser bodenlosen Heuchelei macht sie sich bei der Verurteilung rechter Gewalt unglaubwürdig. Dieser Niedergang der Medien und vieler Intellektueller darf niemanden mit klammheimlicher Freude erfüllen. Denn so schlimm wie die Rechtsradikalen zu sein, nur anders und doch gleich, löst die gesellschaftlichen Probleme, die es nicht nur in Deutschland gibt, garantiert nicht. Die gleichen Grossinquisitoren, die in der Schweiz vom konservativen Publizisten Roger Köppel eine «klare Distanzierung» von deutschen Rechtsradikalen fordern, bloss weil der seiner Berichterstatterpflicht nachging, denken nicht im Traum daran, sich von solchem Liedgut zu distanzieren. So wie sie vor noch nicht allzu langer Zeit den unverschämten Aufruf «Tötet Köppel» eines dümmlichen Provokateurs als Ausdruck künstlerischer Überhöhung umdeuteten. So ersäuft das vermeintlich Gute im Höllenloch der Heuchelei. (Basler Zeitung)

Erstellt: 10.09.2018, 11:20 Uhr

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