Viele Spuren führen nach Moskau

Nach dem Anschlag auf einen Ex-Agenten in England spricht einiges dafür, dass die Drahtzieher in Russland sitzen. Für Geheimdienst-Experten stellt der Anschlag einen Tabubruch und damit eine neue Eskalationsstufe dar.

Ein Opfer Wladimir Putins? Im August 2006 muss sich Sergej Skripal vor einem Moskauer Gericht wegen Spionage verantworten.

Ein Opfer Wladimir Putins? Im August 2006 muss sich Sergej Skripal vor einem Moskauer Gericht wegen Spionage verantworten. Bild: Keystone

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Im Fall des früheren russischen Doppelagenten Sergej Skripal haben britische Behörden gestern bekannt gegeben, dass dieser mit einem Nervengift angegriffen worden sei; von einer «sehr seltenen giftigen Substanz» schrieb der London Evening Standard unter Berufung auf eine Quelle im Kabinett. Dies deutet darauf hin, dass staatliche Stellen hinter der Tat stecken könnten: Das Gift, mit dem Skripal traktiert wurde, dürfte für Privatpersonen wenn überhaupt nur sehr schwer erhältlich sein.

Skripal, 66, und seine Tochter Julia, 33, waren am Sonntagnachmittag in der südenglischen Kleinstadt Salisbury ins Spital eingeliefert worden. Laut britischen Medienberichten befinden sich beide noch immer in Lebensgefahr. Skripal ist ein ehemaliger Offizier des russischen Militärgeheimdienstes GRU, daneben arbeitete er seit 2003 als Doppelagent für den britischen Auslandsgeheimdienst MI6.

Nach vier Jahren begnadigt

2006 hatte ein Moskauer Gericht Skripal wegen Hochverrats und Spionage zu 13 Jahren Haft verurteilt. Vier Jahre später wurde er im Rahmen eines Gefangenenaustauschs an Grossbritannien überstellt – im Gegenzug kam damals unter anderem Anna Chapman frei, die vom FBI in New York verhaftet worden war. In Russland startete sie eine Karriere als TV-Moderatorin und Jugendfunktionärin der Putin-Partei Einiges Russland und wurde so einem breiteren Publikum bekannt.

Sergej und Julia Skripal hatten am Sonntag in einer Pizzeria im Zentrum Salisburys zu Mittag gegessen. Danach bewegten sie sich in Richtung eines nahe gelegenen Einkaufszentrums, wo sie auf einer Parkbank aufgefunden wurden. Das Restaurant wurde von der Polizei versiegelt und später dekontaminiert. Skripal und seine Tochter hätten über Atemnot und gereizte Augen geklagt und seien von Krämpfen geschüttelt worden, bevor sie das Bewusstsein verloren hätten, berichteten Helfer, die die beiden notfallmässig versorgten.

Dass staatliche russische Stellen hinter dem Attentat stecken, ist zwar nicht erwiesen, erscheint aber doch relativ wahrscheinlich: Skripal hatte nicht nur als Doppelagent für einen westlichen Dienst gearbeitet, sondern sich später in Grossbritannien auch als Gegner von Wladimir Putins Regime zu erkennen gegeben: Auf Facebook signalisierte er offenbar Zustimmung zu Putin-kritischen Kommentaren. Skripals Ehefrau Ludmilla starb 2012 59-jährig in England an Krebs, sein Sohn Alexander kurz darauf 43-jährig in einem Petersburger Spital. Eine Ferienreise hatte ihn nach Russland geführt; als Todesursache gaben die dortigen Ärzte ein Versagen der Leber an. Die britische Polizei kündigte am Dienstag an, beide Todesfälle noch einmal untersuchen zu wollen. Laut BBC soll auch Skripals älterer Bruder in den letzten zwei Jahren gestorben sein.

Erinnerungen an Trotzki

Für Geheimdienstexperten, die sich nun in britischen Medien äussern, stellt der Anschlag auf Skripal in zweifacher Hinsicht einen Tabubruch und damit eine neue Eskalationsstufe dar: Zum einen wurde das Kind eines Anschlagsopfers in Mitleidenschaft gezogen; dies habe es nicht mehr gegeben, seit Josef Stalin 1937 Leo Trotzki angreifen liess.

Zum anderen habe es überhaupt noch nie ein Attentat auf eine Person gegeben, die in einem Gefangenenaustausch freigekommen sei. Ausgetauschte Gefangene seien stets geschont worden – weniger aus humanitären denn aus praktischen Gründen. Morde an ihnen würden den Markt ruinieren. Zynisch gesagt: Die Tauschware verliert ihren Wert, wenn man nicht mehr damit rechnen kann, dass sie noch längere Zeit weiterlebt.

Unklar ist weiterhin, was Skripal in Salisbury machte. Er selbst gab sich offenbar als Rentner aus, doch wird nun darüber spekuliert, er könnte weiterhin westliche Dienste beraten haben. Laut britischen Medienberichten soll er Christopher Steele gekannt haben, einen früheren MI6-Mitarbeiter, der 2016 ein Dossier darüber zusammenstellte, wie Putins Regime versuchte, Einfluss auf Donald Trump zu nehmen. Auch ist die Rede davon, Skripal könnte für die russische Mafia gearbeitet haben, was den Kreis der Tatverdächtigen über staatliche russische Stellen hinaus ausweiten würde.

Der britische Aussenminister Boris Johnson schlug bereits am Dienstag scharfe Töne an. Russland sei «eine bösartige und Unruhe stiftende Kraft», sagte er im Parlament und regte an, britische Würdenträger, namentlich Prinz William, sollten die Fussball-WM boykottieren, die im Sommer in Russland stattfindet. Johnson erinnerte auch an den Tod Alexander Litwinenkos. Dieser, ein früherer Offizier des russischen Geheimdienstes FSB, hatte ebenfalls für den MI6 gearbeitet und war Ende 2006 in London mit radioaktivem Polonium vergiftet worden.

Kreml-Sprecher Dimitri Peskow wies die Vorwürfe im Fall Skripal zurück. «Wir haben keinerlei Informationen», sagte er am Dienstag. Sein Land sei Opfer von Verschwörungstheorien. Zugleich kündigte er an, bei der Aufklärung des Verbrechens helfen zu wollen.

Lasche Ermittlungen aus Furcht vor Moskau?

Diesen Worten dürfte man in London kaum Glauben schenken. Im Fall Litwinenko jedenfalls verhielt sich Moskau kaum kooperativ, ganz im Gegenteil: Dem Agenten, der Litwinenkos Tee vergiftet hatte, wurde später ein Abgeordnetenmandat in der Duma zugeschanzt. Litwinenkos Witwe kritisierte seinerzeit, London wolle Moskau nicht verärgern und tue deswegen nicht genug, um den Fall aufzuklären.

Tatsächlich kam erst wieder Bewegung in die Sache, nachdem sich die Beziehungen aufgrund des Ukraine-Konflikts ohnehin verschlechtert hatten. Auf die Regierungen von Tony Blair und Gordon Brown (beide Labour) wirft dies kein allzu günstiges Licht, ebenso wenig auf Browns Nachfolger David Cameron (Tory) – und auch nicht auf die derzeitige Premierministerin Theresa May, die unter Cameron als Innenministerin diente. Zwischen 2012 und 2014 kamen in Grossbritannien vier weitere Putin-Kritiker unter ungeklärten Umständen ums Leben.

Anfang 2016 kam der Vorsitzende Richter Robert Owen zu dem Urteil, der Mord an Alexander Litwinenko sei nicht nur vom Chef des FSB, sondern wahrscheinlich auch von Wladimir Putin persönlich gebilligt worden.

(Basler Zeitung)

Erstellt: 08.03.2018, 10:49 Uhr

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