Wahlkampf zum Davonlaufen

Weil die 10-Prozent-Parteien insgeheim hoffen, den Sprung in eine Bundesregierung zu schaffen, fahren sie gegenüber ihren natürlichen politischen Feinden einen Schmusekurs.

Alice Weidel, Spitzenkandidatin der AfD, überraschte in einer Politrunde im ZDF zum Thema «Wie geht’s, Deutschland?» mit einem unplanmässigen Abgang.

Alice Weidel, Spitzenkandidatin der AfD, überraschte in einer Politrunde im ZDF zum Thema «Wie geht’s, Deutschland?» mit einem unplanmässigen Abgang. Bild: Keystone

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Endlich bewegt sich etwas im deutschen Wahlkampf, und, endlich, er bewegt erstmals. Man ist ja inzwischen froh um jedes kleine Stückchen Unruhe in dieser Veranstaltung, die in ihrer Passivität nicht einmal an einen Fernsehabend im Altenheim erinnert.

Vorgefallen ist nicht ein Parforceritt von Martin Schulz oder ein Fauxpas von Angela Merkel oder umgekehrt, auch kein politischer Amoklauf von Horst Seehofer, obwohl das Timing passen würde, das nicht, doch immerhin eine Unziemlichkeit in einer Politrunde im ZDF zum Thema «Wie geht’s, Deutschland?»: Alice Weidel, die Spitzenkandidatin der AfD, der Rechtspartei, deren Rechts bisweilen grenzenlos und die das deutsche Bassin für Unzufriedene, flüchtig Gebildete und Ewiggestrige ist, bewegte sich aus Protest gegen alle und alles, dennoch nicht gänzlich zu Unrecht, aus der Sendung. Das Publikum johlte und klatschte, die Politiker lächelten süffisant, und die Moderatorin Marietta Slomka trat nach: «Das ist doch eine eigenartige Diskussionskultur.»

Weidels unplanmässiger Abgang gilt inzwischen als Eklat und Skandal und sie selbst als ein arrogantes Etwas, was natürlich aufgebauschter Blödsinn ist. Festzuhalten gilt aber, dass Frau Weidels Aktion, egal, ob geplant (Vermutung Bild-Zeitung), oder spontan (Unschuldsvermutung), der bisherige emotionale Höhepunkt eines Wahlkampfes ist, der so prickelnd daherkommt wie die Lektüre des Geschäftsberichtes der Deutschen Bundesbank.

Beklagenswert ist, dass das Unbedeutende zu Bedeutendem wird.

Nicht die Tatsache, dass Frau Weidel einen Abgang machte, nachdem sie vom deutschen SPD-Justizminister mehrmals pampig angegangen, von der Moderatorin öfters gezickt und unterbrochen und vom an sich unbedeutenden CSU-Generalsekretär primitiv in die Nazi-Ecke gedrängt wurde, ist eklatös. Beklagenswert ist, dass das Unbedeutende zu Bedeutendem wird. Und das Bedeutende entweder im ideologischen Klein-Klein oder dann im episch ausgebreiteten Detail zu einer Masse unbedeutenden Hackepeters wird, die niemand möchte.

Die CDU – selbstzufrieden, die CSU – Identitätskrise, die Grünen – selbstverliebt, die Linke – ideologiegefangen, die SPD – selbstgenügsam, die AfD – pubertär, die FDP – plutokratisch; das ist der aktuelle Stand der Dinge. Aber weil diese 10-Prozent-Parteien, ausser den Aussatzparteien Linke und der AfD, insgeheim hoffen, vielleicht in irgendeiner Kombination den Sprung in eine Bundesregierung zu schaffen, fahren sie gegenüber ihren natürlichen politischen Feinden einen Schmusekurs. Zum Davonlaufen ist das. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.09.2017, 13:02 Uhr

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