Wir hören nicht gerne zu

Die AfD wurde demokratisch gewählt. Das ist zu respektieren. Toleranz heisst, dass wir auch da tolerant sind, wo es weh tut.

Es ist eine unumstössliche Tatsache, dass die AfD mit 90 Abgeordneten Teil des Deutschen Bundestages ist.

Es ist eine unumstössliche Tatsache, dass die AfD mit 90 Abgeordneten Teil des Deutschen Bundestages ist. Bild: Keystone

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Diese Woche war ich als Teilnehmer eines Politpodiums zum Thema «Europa in Aufruhr» eingeladen, organisiert von Polito Fachverein der Universität Zürich zusammen mit foraus – Forum Aussenpolitik. Auf dem Podium war unter anderem Corinna Miazga, eine Bundestagsabgeordnete der AfD.

Die interessante Veranstaltung wurde von zirka 200 Studenten besucht. Leider musste ich feststellen, dass die Meinungsfreiheit für zirka 20 junge Studenten nicht den gleichen Wert hat wie für mich. Als die AfD-Abgeordnete das Wort zum ersten Mal ergriff, wurde das Panel von Demonstranten durch Protestparolen, Flugblätter und erhobene Mittelfinger gestört. Glücklicherweise verliessen die Demonstranten den Saal.

Die AfD vertritt sehr viele zweifelhafte Positionen, an denen auch ich mich stosse und hat Personen in der Partei, die extremistische Meinungen vertreten. Jedoch ist es unumstössliche Tatsache, dass die AfD mit 90 Abgeordneten Teil des Deutschen Bundestages ist. Auch wenn einem das nicht passt, diese Abgeordneten sind in freien Wahlen demokratisch in ihr Amt gekommen. Das ist zu respektieren.

Eine Wahl zählt eben nicht nur dann, wenn wie in Frankreich ein dynamischer und visionärer Emmanuel Macron gewinnt, sondern auch wenn eine unliebsame Partei Stimmen erhält. Die Diskussionsverweigerung erscheint mir da weder zielführend noch vereinbar mit unserer Diskussionskultur und dem Wettbewerb der Argumente. Sie ist zutiefst undemokratisch.

Die Opferrolle kann man Parteien wie der Alternative für Deutschland nur nehmen, indem man mit ihnen eine harte, aber faire Debatte führt. Erhobene Mittelfinger und Niederschreien sind unserem Verständnis der Debatte nicht würdig. Kommt hinzu, dass diese Woche an der Zürcher Universität bereits eine Rede von Ex-US-General David Petraeus abgesagt werden musste, weil linke Chaoten Drohungen ausgesprochen haben. Was sind denn das für Zustände?

Mit scharfer Klinge

Wir hören offensichtlich nicht gerne zu – oder wir hören nur gerne uns selber sprechen und diejenigen, die unsere Meinung vertreten. Aber wir gehen nicht gerne auf die Argumente der Gegenseite ein. Dabei müssen wir das, sonst können wir ihnen nicht aufzeigen, wo sie falsch liegen. Lieber bleiben wir auf unserem hohen Thron der Moral sitzen und kanzeln andere ab. Und dann wundern wir uns, wieso es so weit kommen konnte, dass die AfD über zehn Prozent der Stimmen gemacht hat und die klassischen Parteien so viel verloren haben.

Wenn im US-Fernsehen ein William F. Buckley Jr. mit den Black Panthers, der Frauenrechtsbewegung oder mit Nixon diskutierte, konnten die Positionen oft nicht gegenseitiger sein – aber es wurde mit spitzer Zunge und mit scharfer Klinge debattiert, argumentiert und Positionen gefestigt. Dasselbe gilt für einen Noam Chomsky, den emeritierten Professor für Linguistik, der bis heute den Diskurs nicht scheut und uns immer wieder eindrücklich aufzeigt, wo wir falsch liegen könnten. Und sogar Franz Josef Strauss und Herbert Wehner haben sich fair und mit Respekt duelliert – obwohl sie Welten voneinander entfernt waren.

Wie John Dewey, ein grosser liberaler Denker, richtig erkannte, kann ohne moralische Richtlinien keine soziale Ordnung geschaffen werden. Ohne Verständnis, aus welchen Komponenten der Gesellschaft sich ein Staat zusammensetzt, kann keine liberale Ordnung entstehen. Dieses Verständnis gilt auch für jene, die unsere moralischen Richtlinien infrage stellen. Europa bedeutet Vielfalt, so auch Vielfalt der Meinungen und Positionen. Toleranz heisst, dass wir auch da tolerant sind, wo es weh tut. Dadurch wird die Demokratie gestärkt, nicht durch Niederschreien und Drohungen.

«Ich bin zwar anderer Meinung als Sie, aber ich würde mein Leben dafür geben, da Sie Ihre Meinung frei aussprechen dürfen.» Auch wenn dieses Zitat fälschlicherweise Voltaire in den Mund gelegt wird – die Aussage stimmt. Chaoten aller Schattierungen sollten sich dies einprägen.

Thomas Borer ist ehemaliger Schweizer Botschafter und führt heute ein Consulting-Unternehmen. Dominic Betram arbeitet für Thomas Borer.



(Basler Zeitung)

Erstellt: 07.10.2017, 09:59 Uhr

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