«Ich kann heute besser gehen als früher»

Die querschnittsgelähmte Ex-Stabhochspringerin Kira Grünberg über Pech, bewusstes Laufen und inneren Stress.

«Viele Handicapierte bekommen auf dem Arbeitsmarkt keine Chance.» Kira Grünberg setzt sich politisch für Behinderte ein.

«Viele Handicapierte bekommen auf dem Arbeitsmarkt keine Chance.» Kira Grünberg setzt sich politisch für Behinderte ein. Bild: Keystone

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Während dieser Tage in London die besten Leichtathleten der Welt um Medaillen und Bestzeiten kämpfen, ist eine junge Österreicherin, die unter anderen Umständen auch an der Weltmeisterschaft mittun dürfte, nur Zuschauerin. Der Trainingsunfall, der die Karriere der ambitionierten Stabhochspringerin Kira Grünberg abrupt beendete, jährte sich vor wenigen Tagen zum zweiten Mal. Das Leben der 23-Jährigen dreht sich seit ihrer Querschnittslähmung um Medientermine, Motivationsvorträge – und seit neustem um die Politik.

BaZ: Kira Grünberg, sind Sie glücklich?

Kira Grünberg: Ich würde schon sagen, ja.

Werden Sie das oft gefragt?
Sagen wir so: Sässe ich nicht im Rollstuhl, würde ich das wohl nicht so direkt gefragt werden. Ich glaube, es ist selten, dass man Menschen fragt, ob sie glücklich sind. Als Sportlerin bin ich das nie gefragt worden.

In London geht gerade die Leichtathletik-Weltmeisterschaft über die Bühne. Verfolgen Sie sie mit?
Ich wollte eigentlich hinfliegen, aber meine Pläne haben sich nun kurzfristig geändert. Aber ich schaue sie mir auf jeden Fall an, auch weil viele Österreicher und Schweizer dabei sind, die ich von meiner Zeit als Sportlerin noch sehr gut kenne.

Fragen Sie sich manchmal, was passiert wäre, wenn Sie vor zwei Jahren auf statt neben der Matte gelandet wären?
Eigentlich nicht. Direkt nach dem Unfall war das anders: Besonders als die Weltmeisterschaft 2015 stattfand, habe ich mit dem Gedanken gespielt, jetzt eigentlich mit dabei sein zu können. Heute passiert mir das selten.

Auch diese Woche nicht?
Nein, mittlerweile kann ich diese Wettkämpfe wieder geniessen. Es macht mir grossen Spass, Stabhochspringwettbewerbe zu verfolgen. Ich fiebere auch wieder richtig mit.

Haben Sie demnach mit Ihrem Unfall abgeschlossen?
Nein, aber ich habe ihn akzeptiert.

Gibt es noch viel Stabhochspringen in Ihrem Leben?
Ja, schon. Ich besuche nach wie vor Trainings, wenn ich die Zeit dazu finde. Ich habe auch noch engen Kontakt mit Leuten von damals.

Das klingt nicht nach einer traumatischen Beziehung zu ihrem Sport.
Nein, im Gegenteil. Es ist jedes Mal ein Heimkommen.

Praktizieren Sie zurzeit auch eine Sportart aktiv?
Ich mache viel Sport, aber nicht auf professioneller Ebene. Ich handbike viel und hebe Gewichte. Sport mache ich nur noch aus Spass.

Können Sie sich vorstellen, wieder wettkampfmässig Sport zu treiben?
Zurzeit gar nicht. Dazu müsste ich eine Sportart finden, die mich so sehr fasziniert, dass ich wieder alles reinstecken würde. Die habe ich bis jetzt nicht gefunden. Vielleicht wird es irgendwann wieder so weit sein.

Stabhochspringen werden Sie nie wieder können. Wie schwierig war es, das zu akzeptieren?
Sehr schwierig. Abgesehen davon, dass es unglaublichen Spass machte, hatte ich noch viele Ziele, die ich erreichen wollte. Zu wissen, nie höher springen zu können, als ich es damals tat, ist hart. Ich weiss, dass ich höher hätte springen können.

Nervt Sie das manchmal?
Früher schon, mittlerweile überhaupt nicht mehr.

Wie sieht denn Ihr Alltag aus, jetzt, wo der Sport weggebrochen ist?
Es bleibt mir gar nicht mehr so viel Zeit wie früher, weil jetzt alles ein bisschen länger dauert. Dinge wie anziehen, duschen, irgendwo hinfahren, das ist alles viel zeitaufwendiger geworden. Den Tag durch gebe ich oft Interviews oder halte Motivationsvorträge, spätnachmittags habe ich dann meistens noch Therapie.

Sie erreichen seit Ihrem Unfall mehr Leute, als Sie es mit Stabhochspringen vielleicht je geschafft hätten.
Das ist eigentlich schade. Als Sportlerin habe ich alles investiert, damit mich die Öffentlichkeit wahrnimmt. Tragischerweise brauchte es einen solchen Unfall, um mich bei den Menschen bekannt zu machen und meinen Worten mehr Gewicht zu verleihen. Andererseits profitiere ich natürlich auch davon.

Glauben Sie, in Ihrer jetzigen Position mehr bewirken zu können als als Weltmeisterin oder Olympiasiegerin?
Ja, besonders indem ich zeige, dass man im Rollstuhl ein glückliches Leben führen kann mit der richtigen Motivation und Einstellung. Das sind die wichtigen Dinge und wertvoller als ein Medaillengewinn an grossen Sportanlässen.

Die Lebensfreude haben Sie mit Ihrem Unfall offensichtlich nicht verloren. Aber ist mit dem Genickbruch Ihr Lebenstraum geplatzt?
Natürlich wollte ich einmal an den Weltmeisterschaften oder den Olympischen Spielen starten. Aber ich habe auch schon zu meinen Kolleginnen vom Stabhochspringen gesagt, dass sie jetzt für mich mitspringen müssen. Insofern bin ich auch immer dabei. Die privaten Träume sind die gleichen geblieben; ich will nach wie vor eine eigene Familie gründen.

Und die beruflichen?
Das ist schwer zu beantworten. Ich habe keine konkrete berufliche Zielsetzung. Die Motivationsvorträge machen mir grossen Spass. Vielleicht verfolge ich auch mein Pharmaziestudium weiter. Es stehen momentan viele Türen offen.

Jetzt sind Sie ja gerade in die Politik eingestiegen. Warum?
Eigentlich wollte ich nie in die Politik (lacht). Als ich in der Reha war, habe ich viele Menschen mit ähnlichem Schicksal kennengelernt, die über die Hindernisse gesprochen haben, die als Rollstuhlfahrer auf einen zukommen. Von da an habe ich den Entschluss gefasst, mich für Menschen mit Behinderung einzusetzen. Als mich ÖVP-Chef Sebastian Kurz dann angefragt hat, seinem Team beizutreten, hätte ich es feige gefunden, abzulehnen. Ich bin sehr von seinen Ideen angetan.

Was wollen Sie konkret verändern?
Viele Handicapierte bekommen gar nicht die Chance, sich in der Arbeitswelt zu beweisen. Die Behindertenquote wird kaum irgendwo erfüllt. Die Rückkehr ins Berufsleben müssen wir für Menschen mit Behinderung auf jeden Fall erleichtern. Auch die Bürokratie ist unnötig verkompliziert. Ein taubstummer Jugendlicher muss beispielsweise sechs Anträge ausfüllen, um um einen Sprachcomputer zu bitten. Oftmals wissen die Behörden selbst nicht, wer für was zuständig ist.

Wie verändert sich denn die Sicht auf die Welt vom Rollstuhl aus?
Es wird alles ein bisschen langsamer (lacht). Ich war früher sehr ungeduldig. Das hat sich enorm verbessert, seitdem ich im Rollstuhl bin. Es ist vieles entspannter geworden. Mein früheres Leben war stressiger. Ich habe zwar heute immer noch viel zu tun, aber ich nehme es gelassener.

Hat der innere Stress nachgelassen?
Ja, so könnte man es formulieren. Vor dem Unfall bin ich ins Bett gefallen und habe bereits an all die Dinge gedacht, die es noch zu erledigen gilt. Das Gedankenkarussell dreht sich heute nicht mehr so schnell.

Sie sprechen in Zusammenhang mit Ihrem Unfall nie von Pech oder Schuld. Was empfinden Sie wirklich, wenn Sie an den Unfall zurückdenken?
Wenn ich einen Schuldigen für den Unfall suchen müsste, dann wäre es am ehesten ich selbst. Ich hatte den Stab in der Hand, und ich bin auch gesprungen. Und Pech würdigt das Ganze als Begriff zu wenig. Pech ist, wenn ein Glas herunterfällt. Dann empfinde ich es lieber als Schicksal.

Glauben Sie, dass es einen Grund für das gibt, was Ihnen passiert ist?
Ich gehe davon aus, dass es vorherbestimmt war. An einen Grund glaube ich nicht, das klingt, als wäre ich für ein schlimmes Vergehen in der Vergangenheit bestraft worden. Dieses Gefühl habe ich überhaupt nicht.

Ihr Unfall hat sich letzten Monat zum zweiten Mal gejährt. Sind Sie bereits wieder im Leben angekommen?
Ja, ich bin wieder in der Normalität angelangt. Natürlich hat es mir auch geholfen, nach der langen Zeit im Krankenhaus wieder nach Hause kommen zu können.

Sie sprechen die rund achtmonatige Rehabilitationszeit nach dem Unfall an. Wie war diese Zeit für Sie?
Unterschiedlich. Die ersten Wochen auf der Intensivstation habe ich, wenn man das so sagen kann, als schön empfunden. Natürlich waren da Medikamente im Spiel (lacht), aber ich habe mich gut gefühlt. Auf der normalen Station, wenn einem bewusst wird, was es bedeutet, sich nicht mehr bewegen zu können, kommt man dann schon ins Denken. Rückblickend hatte ich aber eine gute erste Phase direkt nach dem Unfall. Ansonsten hätte ich das Ganze wohl nicht so gut überstehen können.

Sie sagen immer, dass Sie nicht mehr viel an den Unfall zurückdenken. Was geht Ihnen denn oft durch den Kopf?
Das ist eine gute Frage (überlegt). Ich mache viel Mentaltraining. Dort stelle ich mir dann vor, wie es ist, zu laufen. Ich bewege alles, was ich nicht bewegen kann. Damit beschäftige ich mich am meisten: Nicht zu vergessen, wie man geht. Ich gehe sehr viel im Kopf, um bereit zu sein, wenn die Medizin Fortschritte macht.

Wie muss man sich das genau vorstellen?
In meinen Gedanken kann ich alles bewegen. Ich versuche, meine Gliedmassen anzusteuern. Es bewegt sich nichts, aber auf der rein mentalen Ebene ist noch alles so wie früher. Ich gehe auch viel bewusster. Als gesunder Mensch geht man ja normalerweise ganz unbewusst, man denkt nicht darüber nach. Ich kann vom Kopf her besser gehen als vor dem Unfall. Ich gehe auch mehr als früher.

Können Sie das noch näher erklären?
Alles, was ich nicht bewegen kann, bewege ich bewusster. Ich gehe teilweise auch ganze Trainings im Kopf durch und bemühe mich, alles intensiv wahrzunehmen. Ich versuche, den Wind am ganzen Körper zu spüren, oder mich zu erinnern, wie es sich anfühlt, den linken oder den rechten Fuss mehr zu belasten.

Die mentalen Umstellungen seit dem Unfall scheinen gross. Was war die grösste?
Dass man akzeptiert, auf viel Hilfe angewiesen zu sein und diese auch annimmt. Wenn man zuvor ein selbstständiger Mensch war, ist das ein enormer Schritt.

Vermissen Sie es sehr, nicht mehr laufen zu können?
Schon. Es ist doch alles einfacher, wenn man nicht im Rollstuhl sitzt. Das Leben im Rollstuhl kann genauso schön sein, aber natürlich wünscht man es sich anders.

Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie je wieder gehen können?
Die Hoffnung gibt man natürlich nie auf, ohne die wäre es schwer, zu leben. Ich persönlich rechne in den nächsten zehn Jahren nicht damit, in 20 oder 25 Jahren könnte es vielleicht so weit sein.

Sie wirken sehr gefasst, mit sich und Ihrer Situation im Reinen. Gibt es auch Tage, an denen Sie hadern?
Natürlich. Es wäre komisch, wenn es nicht so wäre. Oft sind es Kleinigkeiten, wie wenn ich eine Schublade nicht aufbekomme oder wenn mir zum fünften Mal etwas herunterfällt. Dann geht es mir für kurze Zeit schlecht.

Sie haben Ihre Eltern nach dem Unfall in psychologische Behandlung geschickt. Das hätte man als Aussenstehender eher umgekehrt erwartet.
Das war für mich von Anfang an klar. Ich habe durch den Sport ein sehr starkes Team um mich herum aufgebaut und musste nach dem Unfall schauen, dass alle stark bleiben, um mir helfen zu können. Ich wollte nicht, dass jeder wegen mir sein Leben auf den Kopf stellt.

Sind Sie noch in psychologischer Betreuung?
Momentan kaum noch. Da war ich als Sportlerin öfter beim Psychologen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 11.08.2017, 10:18 Uhr

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