Assads kleiner Bruder zieht eine Blutspur durch Syrien

Präsident Assad hat die politische Macht in Syrien. Doch ohne seinen jüngeren Bruder wäre er verloren: Maher al-Assad befehligt die militärischen Elitetruppen und macht Jagd auf Oppositionelle.

Der würdige Politiker und der rücksichtslose Vollstrecker: Die Brüder Bashar (rechts) und Maher (links) am Begräbnis ihres Vaters, des ehemaligen Präsidenten Hafez al-Assad.

Der würdige Politiker und der rücksichtslose Vollstrecker: Die Brüder Bashar (rechts) und Maher (links) am Begräbnis ihres Vaters, des ehemaligen Präsidenten Hafez al-Assad. Bild: AFP

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Der Mann wird in der «New York Times» als hoch intelligent, gut organisiert und äusserst grausam beschrieben: Maher al-Assad, der um drei Jahre jüngere Bruder des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad, wurde vom Vater aufgezogen, um die syrischen Streitkräfte zu führen und die Macht der Familie mit harter Hand zu verteidigen.

Und dies tut er auch: Mit der vierten Armeedivision stürmte Maher al-Assad Ende April die ländliche Grenzstadt Daraa, eine der Keimzonen der Proteste gegen das Regime seines Bruders Bashar. Maher al-Assad liess Wohnhäuser mit Artillerie beschiessen und nahm Hunderte von Zivilpersonen in Gefangenschaft. Daraa wurde in ein Kriegsgebiet verwandelt, Dutzende von Menschen wurden getötet.

Auch die Militäroperation in der Küstenstadt Banias wurde von der vierten Armeedivision durchgeführt. Als Reaktion auf die dortigen Proteste rollte Maher al-Assad Anfang Mai mit Panzern in die Stadt ein und liess die sunnitischen Viertel nach Oppositionellen durchkämmen. Die Operation forderte Dutzende Todesopfer unter der Zivilbevölkerung, mehrere Hundert Personen wurden verschleppt.

Wenn es hart auf hart geht

Die Rolle der vierten Armeedivision bei der Niederschlagung der syrischen Proteste zeigt: In Zeiten der Revolution ist Maher al-Assad eine der wichtigsten Stützen seines Bruders Bashar. Und diese Unterstützung hat der Präsident auch dringend nötig – denn es mehren sich Berichte, dass sich innerhalb der syrischen Armee Widerstand gegen Bashar al-Assads gewaltsames Vorgehen gegen die eigene Bevölkerung regt.

So tauchen im Internet Videos von Armeeangehörigen auf, die ihre Landsleute zu Meuterei und Desertion aufrufen. Weiter wurde gestern bekannt, dass sich in der Ortschaft Jisr al-Shogur Soldaten geweigert hätten, auf unbewaffnete Zivilisten zu schiessen. Laut Berichten solidarisieren sich viele der jungen Soldaten in der Infanterie mit den Demonstranten, weil diese, wie sie selbst auch, überwiegend sunnitischer Abstammung sind, aus ärmlichen Verhältnissen stammen und nur das Nötigste zum Überleben besitzen.

Um die Städte Hama, Rastan und Talbiseh toben derweil weitere Gefechte, die allein übers Wochenende gegen hundert Todesopfer forderten. Auch in Damaskus ist die Situation angespannt.

Wie die Väter, so die Söhne

Dass offene Aggressionen in der Hauptstadt bislang noch ausblieben, liegt gemäss «New York Times» auch am Einfluss von Maher al-Assad. Denn er befehligt nicht nur die vierte Armeedivision, sondern auch die 10'000 Mann starke republikanische Garde. Diese hat als einzige Armeeeinheit die Befugnis, sich in Damaskus aufzuhalten. Sie kontrolliert die Stadt voll und ganz und stellt damit die Lebensversicherung von Bashar al-Assads Regime dar.

Die Rollenverteilung in der Familie Assad – hier der redegewandte Politiker Bashar, dort der rücksichtslose Armeeführer Maher – weist Parallelen auf zur Herrschaft der früheren Generation der Assads. Hafez al-Assad, der Vater der beiden Brüder, hatte sich während seiner Präsidentschaft die Machtausübung in ähnlicher Weise mit seinem jüngeren Bruder Rifaat geteilt, wie es heute Bashar und Maher tun.

Wer hat das Sagen in der Familie?

Unter den beiden Brüdern gilt Bashar als die zögerlichere Persönlichkeit. Maher al-Assad hat dagegen das Image eines skrupellosen Killers – ähnlich wie sein Onkel Rifaat, dem ein 1982 in Hama angerichtetes Massaker mit 10'000 Todesopfern zur Last gelegt wird. Die Furcht vor Maher speist sich auch aus Gerüchten: So kursiert im Internet ein unverifiziertes Video aus dem Jahr 2008, auf dem Maher al-Assad angeblich zu sehen ist, wie er nach einem niedergeschlagenen Gefängnisaufstand in der Stadt Sednayah genussvoll die verstümmelten Leichen der Insassen fotografiert.

Wer in der Familie Assad heute tatsächlich das Sagen hat, ist schwer zu beurteilen. Der ehemalige syrische Diplomat Bassam Bitag glaubt zu wissen, dass es eher der jüngere der beiden Brüder ist. Die «New York Times» zitiert ihn mit den folgenden Worten: «Maher al-Assad hat die Kontrolle über den syrischen Sicherheitsapparat – damit ist er faktisch der Erste in der Befehlskette und nicht der Zweite.» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.06.2011, 17:30 Uhr

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