Die Lust des Islamischen Staates am Morden

Zu den Grausamkeiten des IS gehört, dass Opfer bei lebendigem Leib begraben werden, auch Frauen und Kinder. Töten bereitet den Islamisten offenbar Freude.

Flucht vor den Schlächtern. Geschätze 45?000 Jesiden sollen die Grenze nach Syrien überquert haben.

Flucht vor den Schlächtern. Geschätze 45?000 Jesiden sollen die Grenze nach Syrien überquert haben. Bild: Reuters

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Der heilige Berg Sindschar stinkt nach Tod. Hunde würden die Leichen auffressen, die dort herumliegen, berichten diejenigen, die den Horror überlebt haben. So prekär sei die Wasserversorgung, dass Mütter ihren Kindern ins Gesicht spucken, damit diese wenigstens ein Minimum an Flüssigkeit aufnehmen.

Die Jesiden haben an ihrem heiligen Ort Zuflucht gesucht, auf der Flucht vor den Truppen des Islamischen Staates. Zehntausende von Jesiden und Christen wurden in die Flucht geschlagen, unweit der kurdischen Stadt Erbil. Jetzt sind die Jesiden von den Islamisten eingekesselt, abgeschnitten von der Aussenwelt. Ihre Lage ist verzweifelt.

Zwar werfen amerikanische, britische und irakische Flugzeuge aus der Luft Mahlzeiten und Wasser ab. Aber ein grosser Teil der Hilfe sei «nutzlos», sagt ein irakischer Beamter: Sie werde ohne Fallschirm abgeworfen und überstehe den Aufprall nicht. Und die meisten Jesiden sind zu schwach für den Abstieg vom Berg. Sie erhalten jetzt zwar Wasser und Brot aus der Luft, auch Schuhe, damit sie über die Felsen gehen können – doch nur die wenigsten können davon profitieren. Viele werden von ihren Angehörigen zurückgelassen, weil sie zu schwach sind, um sich retten zu können.

«Wir haben bloss noch einen oder zwei Tage, um diesen Menschen zu helfen,» zitiert die englische Zeitung Telegraph einen irakischen Jesiden-Parlamentarier. Und ein irakischer General, der die Hilfsaktion leitet, meint über die Menschen auf dem Berg Sindschar: «Sie sind in einem Todestal. Bis zu 70 Prozent von ihnen sind tot.»

Jahrhundertelang unterdrückt

Die Jesiden sind die jüngsten Opfer des Islamischen Staates (IS). Sie sind im Mittleren Osten eine Minderheit, die seit jeher immer wieder verfolgt wurde. Sie galten als «böser Mann», der Kinder erschrecke, oder als Teufelsanbeter, die man hinrichten müsse. Trotz jahrhundertelanger Unterdrückung haben Jesiden ihre alte Religion am Leben erhalten. Sogenannte «Talkers» haben den Text des verloren gegangenen Heiligen Buches über Generationen hinweg mündlich weitergegeben. Die Ursprünge ihrer Religion können bis in die ­Antike zurückverfolgt werden. Jesiden sprechen kurdisch, haben aber zu den Kurden in der Region ein gespanntes Verhältnis. Eine besondere Gefahr stellen für sie Islamisten dar, die sie als Teufelsverehrer betrachten. Sie grenzen sich in mehrfacher Hinsicht von der Umgebung ab.

Argwohn erwecken die Jesiden vielleicht auch deshalb, weil sie sich in mancherlei Beziehung bewusst von ihrer Umgebung absondern und abheben wollen. So tragen sie zum Beispiel niemals blaue Kleider, und sie dürfen keinen Salat essen. Im Gegensatz zur Tradition im arabischen Raum gibt es bei Jesiden keine arrangierten Hochzeiten. Stattdessen muss der Möchtegern-­Ehemann seine zukünftige Braut kidnappen. Falls die Frau einverstanden ist, müssen die Brauteltern die Liaison akzeptieren.

Die Jesiden kennen auch brutale Bräuche. Um als Minderheit nicht unterzugehen, werden Mitglieder, die aus der Religion austreten wollen, umgebracht. So soll vor sieben Jahren eine Frau zu Tode gesteinigt worden sein, weil sie zum Islam konvertiert war, um einen Muslim zu heiraten.

Jesiden waren von Saddam Hussein verfolgt worden, der viele ihrer Dörfer ausgelöscht hatte, als irakische Truppen gegen die Kurden vorgegangen waren. Zuvor hatten sie unter den Osmanen gelitten. Aber nie war es für sie so schlimm wie jetzt. Der IS will sie ausrotten.

«Islam oder Schwert»

Sobald Jesiden vom Berg herab­steigen, warten die Jihadisten auf sie. Das bedeutet dann Gefangenschaft, Versklavung oder Tod. Wiederholt höre man, dass Jihadis Hunderte von Jesidinnen gefangen genommen hätten, so der Telegraph. Das könne zwar nicht bestätigt werden, gelte aber als glaubwürdige Schilderung: «Wir nehmen an, dass die Terroristen sie mittlerweile als Sklaven betrachten und Bösartiges mit ihnen vorhaben», sagt ein Beamter des irakischen Ministeriums für Menschenrechte. Die Gefangenen werden vor die Wahl «Islam oder Schwert» gestellt.

Zu den Grausamkeiten des IS gehört, dass Opfer bei lebendigem Leib begraben werden, auch Frauen und Kinder. Töten bereitet den Islamisten offenbar Freude: «Auf einigen Bildern, die wir erhalten haben, sind Reihen von toten Jesiden zu sehen, die einen Kopfschuss erhalten, während Milizen des IS jubeln und ihre Waffen über die Körper schwenken», sagt der irakische Beamte Mohammed Shia al-Sudani. Islamisten nehmen sich beim Exekutieren der Jesiden selber auf. Einige Opfer werden ans Kreuz geschlagen, andere geköpft. Seine Milizen gehen mit beispielloser Brutalität gegen alle vor, die nicht Sunni sind. Der IS frönt dem Todeskult und hasst jeden, der sich nicht seiner Interpretation des Islam beugt.

Jesiden sind nicht die einzigen, die im Vielvölkerstaat Irak entwurzelt werden. Auch Christen oder Turkvölker wurden aus Gebieten vertrieben, in denen sie in den letzten tausend Jahren gewohnt hatten. Das kommt einem fast tödlichen Schlag für die pluralistische Vergangenheit des Irak gleich. (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.08.2014, 11:02 Uhr

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