Ein Armband gegen Willkür und Polizeigewalt

Ein Hightech-Armband soll Menschenrechtsaktivisten vor gewalttätigen Übergriffen schützen.

Mit diesem Notrufsender am Arm können Menschenrechtler jederzeit Alarm auslösen – und sind damit sicherer. Foto: PD

Mit diesem Notrufsender am Arm können Menschenrechtler jederzeit Alarm auslösen – und sind damit sicherer. Foto: PD

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Hassan Ali Guyo könnte noch am Leben sein. Wären die Kollegen des kenianischen Menschenrechtsaktivisten rechtzeitig auf den Plan gerufen worden, hätte es sich der Offizier gewiss zweimal überlegt, bevor er Guyo mit einer Kugel in den Kopf tötete. Der Major wollte Guyos Kamera haben, mit der der Zeuge das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte dokumentiert hatte. Solche Hinrichtungen von Menschenrechtsaktivisten sind im ostafrikanischen Staat Kenia keine Seltenheit. 2009 waren zwei Anwälte am helllichten Tag mitten in der Hauptstadt Nairobi in ihrem Fahrzeug erschossen worden. Sie hatten sich um von Polizeibeamten begangene Morde gekümmert. Im vergangenen Jahr wurden in Kenia fast 100 Menschen wie Guyo durch illegale «Hinrichtungen» sogenannter Ordnungskräfte umgebracht.

Ein Thema, das auch David Kuria nicht in Ruhe lässt. Der Menschenrechtsaktivist aus der Provinzhauptstadt Nakuru wurde wegen seines Engagements gegen Übergriffe der Polizei wiederholt eingesperrt, verprügelt und mit Schusswaffen bedroht – jetzt kann er wenigstens hoffen, dass er nicht spurlos verschwinden wird. Denn Kuria trägt seit ein paar Wochen ein neu entwickeltes Hightech-Armband, das ihn über Satellit und das Mobilfunknetz ständig mit der Welt verbindet und auf diese Weise schützen soll. «Das Ding hat mir bereits geholfen», sagt der 51-jährige Vater von fünf Kindern. «Seit ich es trage, gibt es deutlich weniger Drohungen gegen mich.»

Eine Idee aus Schweden

David Kuria ist in Nakuru eine Institution. Seit über 20 Jahren setzt sich der ehemalige Hobbyboxer dafür ein, dass die Bewohner der Stadt von den Ordnungskräften, die sie eigentlich schützen sollten, nicht schikaniert werden. Heute kümmert sich Kuria um Überlebende der nach den Wahlen im Dezember 2007 ausgebrochenen Gewalt. Manche von ihnen sind akut bedroht, weil sie sich bereit erklärt haben, als Zeugen vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag auszusagen. Kuria, der einen Kiosk im Stadtzentrum Nakurus betreibt, macht sich auf diese Weise bei den Mächtigen unbeliebt. Seitdem braucht er Schutz mindestens genauso wie seine Mandanten. Fast 50 Menschenrechtsaktivisten aus aller Welt sind mit dem Armband bereits ausgerüstet worden, sagt Robert Hardh, Exekutiv­direktor der Stockholmer Menschenrechtsorganisation Civil Rights Defenders. In Afrika, Südostasien und Ost­europa ist das Interesse an dem Alarmsystem besonders gross.

Die schwedische Organisation kam auf die Idee, gefährdete Menschenrechtsschützer mit dem Hightech-Gerät zu versorgen, als die russische Zivilrechtlerin Natalia Estemirova 2009 ermordet wurde. Die preisgekrönte Aktivistin hatte zahllose Menschenrechtsverletzungen der russischen Armee in Tschetschenien aufgedeckt und war daraufhin entführt und wenig später mit Schusswunden im Kopf tot aufgefunden worden. Hinter dem Mord werden russische Sicherheitskräfte vermutet. «Wir waren damals masslos frustriert darüber, dass wir ausser reden, reden und reden gar nichts auszurichten vermochten», sagt Exekutivdirektor Hardh. Da stiessen die Civil Rights Defender auf ein eigentlich für Teenager entwickeltes Armband, das als Notrufsender und den Eltern als Überwachungsgerät dient. Mütter und Väter können auf diese Weise ständig den Aufenthaltsort ihrer Kinder eruieren. Für die Menschenrechtsschützer musste diese Funktion angepasst werden. Denn sonst könnten schnüffelnde Ordnungshüter jede Bewegung ihrer potenziellen Opfer verfolgen.

«Die Welt ums Handgelenk»

Das Gerät funktioniert denkbar einfach: Sobald sich ein Aktivist in Gefahr wähnt, drückt er einen Knopf, um ein Signal sowohl zu einem Kreis ausgewählter Vertrauter als auch zur Zentrale der Zivilrechtsverteidiger nach Stockholm zu senden. Der Notruf gibt auch gleich die Koordinaten durch, sodass zumindest feststeht, wo der Träger des Armbands entführt worden oder in Bedrängnis geraten ist. Während die Stockholmer Zentrale über ihre Kanäle und die sozialen Netzwerke Öffentlichkeit herzustellen und diplomatischen Druck auszuüben versucht, wird der Unterstützerkreis des Angegriffenen vor Ort aktiv. So wird zumindest garantiert, dass die Angreifer nicht im Verborgenen agieren können. Versucht jemand, dem Träger das Band mit Gewalt abzunehmen, löst er Alarm aus. Deaktivieren kann man ihn nur mit einem Anruf in Stockholm.

Für manchen Menschenrechtsschützer, vor allem aus der Schwulen-, Lesben- und Transsexuellen-Szene, habe schon das blosse Tragen des Armbands eine schützende Funktion, fügt Hardh hinzu: Sie trügen bei öffentlichen Protesten und Umzügen «die Welt um ihr Handgelenk». Auch David Kuria aus Nakuru fühlt sich mit dem elektronischen Partner wesentlich sicherer: «Seit ich das Armband trage, habe ich viel weniger Angst.» Ganz sicher wird sich der Menschenrechtsaktivist allerdings niemals wähnen können. Die Ordnungshüter haben mehrmals seinen Kiosk zerstört und «aus Versehen», wie es hiess, seine Schwester erschossen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.02.2015, 18:11 Uhr

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