Erdogan droht US-Truppen in Syrien

Die «Operation Olivenzweig» hält die Türkei in Atem. Die Verluste für die Armee steigen.

Mit drohenden Worten geht die Türkei in die zweite Woche dieses neuen Kriegs im Nachbarland Syrien.

Mit drohenden Worten geht die Türkei in die zweite Woche dieses neuen Kriegs im Nachbarland Syrien.

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Die Poster auf Häuserdächern und Werbetafeln an Ankaras Ausfallstrassen zeigen einen neuen Präsidenten. Nicht den Parteichef Tayyip Erdogan, der unermüdlich im Dienst des Volkes steht, oder den Grossbaumeister Erdogan mit seinen Flughäfen, Brücken und Tunnelröhren. Das hier ist der Vaterlandsverteidiger: Erdogan, der eine blutrote türkische Fahne wie einen Kelch in beiden Händen hält und das Tuch küsst. Oder der Menschenfreund: Erdogan, der ein syrisches Mädchen an seine Wange drückt und die Augen schliesst.

Mit drohenden Worten ihres Staatschefs geht die Türkei in die zweite Woche dieses neuen Kriegs im Nachbarland Syrien. Nicht nur die Übernahme der kleinen Grenzprovinz Afrin ist nun das Ziel. Auch ein Stück weiter nach Südwesten in die nächste Provinzhauptstadt Idlib will Erdogan seine Soldaten schicken. «Meinen kleinen Mehmet», wie der Staatspräsident in einer Rede am Wochenende sagte. «Mehmet» ist das Kosewort für den türkischen Soldaten im Allgemeinen. Und Richtung Osten, dort, wo die Amerikaner ihre Spezialkräfte stationiert haben, will die Türkei ohnehin. Die USA müssen sofort ihre Truppen aus der Region Manbij abziehen, erklärte Erdogans Aussenminister Mevlüt Çavusoglu am Samstag. Eine bis dahin unerhörte Herausforderung des grössten Nato-Partners.

Weitere Tote am Wochenende

Ob man das alles ernst zu nehmen hat, ist offen. Der Feldzug der Türkei in der kleinen syrischen Grenzprovinz Afrin, der den Friedensnamen «Operation Olivenzweig» trägt, geht offenbar mühsam voran. Zwei weitere türkische Soldaten sind am Samstag im Kampf gegen die Kurdenmilizen gefallen. Fünf Soldaten hat die Türkei damit offiziell seit Beginn der Militärintervention verloren; die Verluste bei der von Ankara unterstützten Freien Syrischen Armee – ein Verband mehrheitlich islamistischer Milizionäre – sind höher; bis Freitag waren nach Angaben der türkischen Regierung elf FSA-Kämpfer gefallen.

Die Kurdenmiliz YPG, die eigentlich der wichtigste Verbündete der USA auf dem syrischen Kriegsschauplatz ist, wehrt sich verbissen. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR) ist die türkische Armee bisher auch nur an den Rändern der Provinz Afrin eingedrungen. Sie greift derzeit vor allem aus der Luft an mit Kampfjets und Hubschraubern, weniger mit Bodentruppen. Nach Informationen von SOHR sind die Verluste auch höher: Die Beobachtungsstelle gibt die Zahl der getöteten türkischen Soldaten mit sieben an, mindestens 69 Tote aufseiten der FSA und 59 bei den kurdischen Volksstreitkräften YPG.

Der Afrin-Krieg hält die türkische Nation in Atem. Hausfrauen tun sich zusammen und kochen Essen für die Soldaten. Bäcker schicken kiloweise Süssigkeiten an die Front. Der Gesundheitsminister besucht Verwundete im Krankenhaus. 484 «Terroristen» seien bereits liquidiert worden, tönt es aus den Fernsehern, die in Schnellrestaurants und Läden ununterbrochen laufen. Die syrischen Kurden in Afrin sind also Terroristen, so wie die PKK und der Islamische Staat? «Ich weiss es wirklich nicht», sagt ein Ladenbesitzer, «Erdogan weiss es. Er hat alle Informationen.»

Es ist ein komplizierter Krieg, nicht nur für die Türken. Die USA sind dabei, wenn auch bisher nur mittelbar mit der Kurdenmiliz YPG, die Ankara nun bekämpft. Die Russen stehen im Hintergrund. Sie haben den Einmarsch der Türken erlaubt und werden etwas dafür haben wollen. Der Kampf gegen den Terrorismus ist das Argument, mit dem die türkische Führung ihre «Operation Olivenzweig» begründet. Und etwas Druck aus dem Dampfkessel im eigenen Land, das mittlerweile dreieinhalb Millionen syrische Flüchtlinge beherbergt, will die Regierung auch lassen. Die syrischen Familien in der Türkei sollen nach Afrin ziehen, wenn der Krieg gewonnen ist. Wie schon im Gebiet um die syrische Grenzstadt Jarablus, die türkische Truppen 2016 einnahmen, soll auch die Provinz Afrin zumindest zum Teil eine Sicherheitszone für syrische Zivilisten werden.

Die Gemengelage von Staaten und Interessen rund um Afrin ist für viele Türken verwirrend. Dass der türkische Regierungschef Binali Yildirim zudem dieser Tage vage «indirekte Kontakte auf niedriger Ebene» mit dem Regime vom Bashar al-Assad in Damaskus einräumte, nährt Spekulationen. Der «Ölzweig», den die Türkei mit ihrer Intervention austrecke, sei doch in Wahrheit für Assad gedacht, räsonniert ein Kunde in einer Buchhandlung in Ankara. Um die Kurden zu vertreiben, wäre Ankara also bereit, wieder Frieden mit Assad zu machen. Doch die Kurdenmiliz selbst rief mittlerweile auch Damaskus um Hilfe.

Wie einst Gaddafi und Hussein

Bilal Erdogan, der jüngere der beiden Söhne des Präsidenten, beobachtete die Anfangsphase der Operation von den Monitoren im Kommandostand der türkischen Armee. Das Bild vom Präsidentensohn löste einige Debatten in der Türkei aus und geht manchen noch immer nicht aus dem Kopf. «Wissen Sie, an was ich da denken muss?», sagt ein Tischnachbar abends im Restaurantviertel von Besiktas, einer Zufluchtsburg der Regierungskritiker in Istanbul: «An den Gaddafi-Sohn und an Udai und Kussei, die Söhne von Saddam. Wir werden ein typisches Nahostland.»

Auch Selcuk Bayraktar, ein Schwiegersohn des Staatschefs, war beim Besuch im Kommandostand dabei. Der junge Ingenieur entwickelt und produziert gemeinsam mit seinem Vater Drohnen für das Militär. Afrin ist wohl auch ein Testfall für die türkische Armee, die zweitgrösste der Nato.

Auf der anderen Seite geht die Regierung weiter gegen Kritiker der Militärintervention vor. 150 Festnahmen meldete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu Mitte vergangener Woche; ein weiteres Dutzend sollen es am Freitag gewesen sein. Nicht alle dieser Twitter-Schreiber oder Facebook-Poster bleiben gleich in Haft. Doch Dissens lässt die Regierung nicht zu.

«Terroristenverehrer» nannte Erdogan gar die Türkische Ärztevereinigung. Die hatte einen Aufruf mit dem Slogan «Nein zum Krieg, Frieden jetzt sofort» verfasst. Vor einer Replik schreckte der Präsident der Istanbuler Ärztevereinigung nicht zurück. Für Frieden einzutreten sei wahrer Patriotismus und Liebe für die Menschheit, schrieb Selcuk Erez. (Basler Zeitung)

Erstellt: 29.01.2018, 07:33 Uhr

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