«Es gibt Städte, wo Menschen längst am Verhungern sind»

Jakob Kern hat einen der wichtigsten Jobs in Syrien. Er leitet ein UNO-Programm für Nothilfe. Wieso Lieferungen 37 Stunden dauern, obwohl das Ziel nur 20 Minuten entfernt ist.

Nahrungsmittel für über vier Millionen Syrer: Jakob Kern, der das UNO-Welternährungsprogramm in Damaskus leitet. Foto: WFP/Syria

Nahrungsmittel für über vier Millionen Syrer: Jakob Kern, der das UNO-Welternährungsprogramm in Damaskus leitet. Foto: WFP/Syria

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In Aleppo toben heftige Kämpfe. Die Lage für die 300'000 Bewohner im Osten der Stadt, die von der Opposition kontrolliert wird, ist dramatisch. Wie hilft das UNO-Welternährungsprogramm (WFP) den Menschen von Aleppo?
Ost-Aleppo ist seit Wochen nicht zugänglich. Bis vor einem Monat konnte eine Partnerorganisation von der Türkei aus rund 120'000 Menschen mit Nahrungsmitteln versorgen. Das WFP hat Ende Juni seine letzte Lieferung geleistet: Wir erreichten die Familien mit Nahrungsmitteln für eineinhalb Monate. Damit das Essen länger reicht, verteilen unsere Partner nur noch halbe Tagesrationen. Im Osten Aleppos reichen die Nahrungsmittel noch maximal zwei Wochen, vermutlich bis Ende August.

Für Aleppo gilt seit letzter Woche angeblich eine tägliche dreistündige Feuerpause, um humanitäre Hilfe zu ermöglichen. Was bringt das, falls die Waffenruhen tatsächlich eingehalten würden?
Jede Waffenruhe nützt den Bewohnern. In dieser Zeit können sie ihre Besorgungen erledigen. Für unsere Ernährungshilfe sind drei Stunden Feuerpause nicht genug. Unsere schnellste Mission in einem belagerten Gebiet dauerte sechs Stunden. In der Regel brauchen wir eine Feuerpause von 48 Stunden. 4 bis 5 Stunden warten wir ab, um sicher zu sein, dass die Waffenruhe tatsächlich eingehalten wird. Drei Stunden warten wir normalerweise an einem Checkpoint, bis alle Lastwagen kontrolliert sind. (Russland hat inzwischen seine Bereitschaft signalisiert, jede Woche eine 48-stündige Feuerpause einzuhalten; Anmerkung der Redaktion.)

Wird die dreistündige Feuerpause für Aleppo überhaupt eingehalten?
Das ist schwierig zu beurteilen. Darüber gibt es unterschiedliche Berichte. Wenn die Waffen mehrere Stunden ruhen, kann das auch bedeuten, dass diese Zeit für das Nachladen benutzt wird. In diesem Fall ist es keine offizielle Waffenruhe.

Russland liess verlauten, dass es selber Hilfslieferungen leistet. Stimmt das?
Humanitäre Hilfe für die Bevölkerung leisten die Russen sporadisch. Sie helfen in Gebieten, wo die Regierungstruppen belagert werden. Sehr engagiert sind die Russen, wenn es um Verhandlungen über Waffenruhen geht. Wenn wir in belagerte Gebiete gehen wollen, kontaktieren wir meistens russische Kanäle. Manchmal begleiten uns die Russen zu Checkpoints, um sicherzustellen, dass wir in die Kriegszone rein können.

Der deutsche Aussenminister Frank-Walter Steinmeier hat eine Luftbrücke für Aleppo vorgeschlagen. Was halten Sie davon?
Kein Helikopter und kein Flugzeug landet in einem Gebiet, wo geschossen und bombardiert wird. Selbst für eine Luftbrücke braucht es eine Waffenruhe. Und bei einer Waffenruhe ist keine Luftbrücke nötig. Wenn die Kämpfe für 48 Stunden eingestellt würden, könnten wir mit unseren Lastwagen nach Ost-Aleppo fahren.

Wie ist die Versorgungssituation in West-Aleppo, das von der Regierung kontrolliert wird?
Letzte Woche sperrten Kämpfer der Opposition die Hauptstrasse nach West-Aleppo. Für unsere Lastwagentransporte benutzen wir eine Kiesstrasse, die die Regierung als Alternativweg nach West-Aleppo gebaut hat. Dort haben wir dieses Jahr 600'000 von 1,6 Millionen Einwohnern versorgt. Im Osten der Stadt waren es bisher 150'000 von 300'000 Einwohnern. So schlimm die Lage in Aleppo auch ist – in Syrien gibt es Städte, wo die Menschen längst am Verhungern sind.

Welche Städte meinen Sie?
Foah, Kafraya, Madaja und Zabadani. Zu diesen Städten hatten wir seit fast vier Monaten keinen Zugang mehr. Anfang Jahr gingen Bilder von ausgemergelten Menschen aus Madaja um die Welt. Die Lage in diesen vier Städten dürfte wieder so schlimm sein.

Sind Abwürfe von Hilfsgütern aus Flugzeugen oder Helikoptern kein Thema?
Luftabwürfe über besiedelten Gebieten können wir nicht machen. Einzige Ausnahme ist die vom IS belagerte Stadt Deir ez-Zor im Osten des Landes. Dort haben wir seit April knapp 100 Abwürfe mithilfe von Flugzeugen und Fallschirmen durchgeführt. Lokale Partner von uns kümmern sich um die Verteilung der Nahrungsmittelpakete. In Deir ez-Zor können wir 110'000 Menschen versorgen. Hilfe in IS-Gebieten auf dem Landweg zu leisten, ist zu gefährlich. Der IS missachtet humanitäre Grundsätze.

Verteilung von Hilfsgütern in Moadamiyeh, einer Stadt in der Nähe von Damaskus. Foto: WFP/Syria

Wie viele Millionen Syrer brauchen Lebensmittelhilfe? Und wie viele Menschen erreicht das UNO-Welternährungsprogramm WFP tatsächlich?
Von den 18 Millionen Syrern, die noch im Land leben, sind 8,7 Millionen auf Ernährungshilfe angewiesen. Das WFP unterstützt über 4 Millionen Menschen und erreicht 13 von 14 Provinzen Syriens. 2 weitere Millionen Syrer erhalten Ernährungshilfe von Partnerorganisationen der UNO. 2,7 Millionen Menschen können wir nicht erreichen, weil sie in Gebieten leben, die vom Islamischen Staat (IS) kontrolliert werden. Für das WFP sind jeden Tag 200 bis 300 Lastwagen unterwegs.

Wie gefährlich sind diese Missionen?
Mit Risiken verbunden sind die Hilfslieferungen in belagerte und umkämpfte Gebiete. Von den Kriegsparteien brauchen wir Bewilligungen und die Zusicherung, dass die Kämpfe für mindestens 48 Stunden eingestellt werden. In diesem Jahr haben wir schon etwa 100 Hilfskonvois organisiert, die versprochene Waffenruhe wurde nur zweimal gebrochen.

Was ist passiert?
In einem Fall wurde ein Lastwagenfahrer angeschossen. Im anderen Fall hatte erst die Hälfte der Lastwagen den letzten Checkpoint passiert, als die Feuerpause gebrochen wurde. Wir mussten mit beiden Seiten Verhandlungen führen. Nach drei Stunden konnten wir unsere Arbeit fortsetzen. Wirklich gravierende Zwischenfälle gab es nicht. Es kann passieren, dass wir eine Bewilligung erhalten, aber die Kämpfe wieder in Gang sind. Waffenruhen um Ernährungshilfe zu leisten, werden in der Regel respektiert. Es braucht aber viel Vorarbeit und viel Geduld, bis die Lieferungen durchgeführt werden können.

Inwiefern wird die Arbeit des WFP von den Kriegsparteien behindert?
Manchmal vergehen Tage oder sogar Wochen, bis unsere Transporte zugelassen werden. Jeder Helfer braucht eine Bewilligung, jeder Lastwagen wird kontrolliert und versiegelt. Wir werden von jeder Kriegspartei überprüft. Unsere Einsätze dauern durchschnittlich zehn bis zwölf Stunden. Ich habe aber auch schon eine Hilfslieferung miterlebt, die knapp 37 Stunden dauerte, obwohl wir nur 20 Minuten fahren mussten.

Was war das Problem?
An einem Regierungscheckpoint sassen wir 20 Stunden fest. Alle Nahrungsmittelpakete von 50 Lastwagen wurden ausgeladen und auf Waffen kontrolliert. Lastwagentanks wurden ausgepumpt, damit wir kein Diesel ins belagerte Gebiet schmuggeln konnten. Auch die Kontrollen der anderen Kriegspartei dauerten ihre Zeit. Sie durchsuchte alle Lastwagen nach Kämpfern und Waffen. Die Ablieferung der Hilfspakete dauert ebenfalls ihre Zeit, das Abladen dauert eine Stunde pro Lastwagen. Lokale Partner stellen sicher, dass die Notrationen an die Menschen verteilt werden, die diese auch brauchen.

Was ist drin in solchen Notrationen?
Etwa zehn verschiedene haltbare Nahrungsmittel wie Kichererbsen, Linsen, Bohnen, Reis, Weizenmehl, Linsen, Salz und Zucker. Ein Nahrungsmittelpaket wiegt 64 Kilo. Es ist für eine Familie mit fünf Personen gedacht und muss einen Monat reichen. Das sind 1700 Kilokalorien pro Person und pro Tag. Damit kann man überleben, mehr nicht.

Sie leben seit Anfang des Jahres in Damaskus, wo sich das WFP-Hauptquartier für Syrien befindet. Wie ist der Alltag in der syrischen Hauptstadt?
Damaskus wirkt weitgehend wie eine normale Stadt. Aber in der Nacht hört man immer wieder Explosionen aus den Vororten oder in der Stadt selber. Ich lebe und arbeite in einem Hotel. Das ist der einzige Ort in Damaskus, der sicher genug ist. In zwei Räumen, wo normalerweise Hochzeiten gefeiert werden, haben wir ein Büro mit 140 Mitarbeitenden. Ausserhalb des Hotels können wir uns nur in einem Umkreis von 200 Metern bewegen. Um 22 Uhr beginnt die Ausgangssperre, die bis 7 Uhr dauert.

Wie ist ein solches Leben auf engem Raum in einer kriegerischen Umgebung auszuhalten?
Alle vier Wochen können wir für eine Woche nach Hause zu unseren Familien. Was das Leben ebenfalls erträglicher macht, ist das Internet. Per Skype habe ich regelmässigen Kontakt zu meiner Familie, die derzeit in Bangkok lebt. Bei solchen Videokonferenzen helfe ich manchmal meinen Kindern bei der Lösung ihrer Hausaufgaben.

Sie haben in vielen Krisen- und Kriegsgebieten für humanitäre Organisationen gearbeitet. Wie sehen Sie den Syrien-Krieg im Vergleich zu anderen Konflikten?
Das ist der mit Abstand komplexeste Krieg mit sehr vielen Konfliktparteien und ständig wechselnden Allianzen und Kampffronten. Das Leben und Arbeiten in einem Hotel wird schnell zu einem goldenen Käfig. Trotzdem: Die Einschläge von Bomben und Granaten machen uns Tag für Tag klar, dass wir in einem Kriegsland leben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.08.2016, 20:46 Uhr

UNO-Ernährungshilfe für Syrien

600'000 Tonnen Nahrungsmittel pro Jahr

Das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen ist seit 2012 in Syrien aktiv. Für das laufende Jahr stehen dem WFP 450 Millionen Dollar für Ernährungshilfe zur Verfügung. Das Hauptquartier der Syrien-Mission befindet sich in Damaskus. Von dort aus koordiniert das WFP auch den Hilfseinsatz in Syriens Nachbarstaaten Türkei, Libanon und Jordanien. Allein in Syrien werden rund vier Millionen Menschen unterstützt. Seit Kriegsbeginn hat das WFP mehr als zwei Millionen Tonnen Nahrungsmittel geliefert, pro Jahr sind das durchschnittlich 600'000 Tonnen Ernährungshilfe. Für die Versorgung mit Wasser und Medikamenten sind zwei andere UNO-Organisationen verantwortlich, WHO und Unicef.

Im Gegensatz zu anderen UNO-Organisationen ist das WFP komplett auf Spenden angewiesen. Die grössten Geberländer sind die USA, Deutschland und Grossbritannien. Die Schweiz spendete in den letzten fünf Jahren 17 Millionen Dollar an WFP in Syrien, weitere 30 Millionen gingen an die WFP-Programme für Syriens Nachbarländer.

Die WFP-Mission in Syrien wird seit Anfang des Jahres von Jakob Kern geleitet. Der 55-jährige Appenzeller arbeitet seit 1998 in leitenden Funktionen für WFP. Davor hatte er ein Kulturingenieur-Studium an der ETH Zürich und ein Nachdiplomstudium in Kanada absolviert. Kern lebte viele Jahre in Rom, wo sich der WFP-Hauptsitz befindet. Zudem arbeitete er in vielen Krisen- und Kriegsregionen, so zum Beispiel in Nepal, Liberia, Nordkorea, Eritrea und USA. Kern lebt das Leben eines modernen Nomaden. Er besitzt neben dem schweizerischen auch den amerikanischen Pass und ist mit einer britisch-somalischen Doppelbürgerin verheiratet, mit der er zwei Knaben hat. Seine Familie lebt derzeit in Bangkok. Kerns Engagement in Syrien dauert bis mindestens Ende 2017.

Für WFP in Syrien sind 300 Mitarbeitende tätig. Weltweit sind über 14'000 Personen in mehr als 80 Ländern im Einsatz für WFP. Die UNO-Organisation leistet Nothilfe und bekämpft die Ursachen von Hunger und Armut. (vin)

«Wir brauchen eine Waffenruhe von 48 Stunden»: Jakob Kern. Foto: WFP/Syria

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