Für 25 Dollar über den Jihad-Highway

Sie stehen am Flughafen und halten Schilder mit den Namen ausländischer Extremisten in die Höhe: Schlepper erzählen, wie sie fremde Kämpfer über die Türkei in den syrischen Bürgerkrieg schleusen.

Die Terrormiliz rekrutiert über Facebook und Twitter Extremisten aus dem Westen: IS-Kämpfer in der syrischen Stadt Raqqa. (Undatiertes Bild, publiziert am 14. Januar 2014)

Die Terrormiliz rekrutiert über Facebook und Twitter Extremisten aus dem Westen: IS-Kämpfer in der syrischen Stadt Raqqa. (Undatiertes Bild, publiziert am 14. Januar 2014) Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Mann flüstert auf Arabisch. «Schmuggel? Wollt ihr rüber?», fragt er eine Gruppe Menschen, die nicht mehr weiterkommen, weil ihnen die richtigen Papiere fehlen. So beschreiben zwei Reporter des US-Nachrichtenportals «Bloomberg» eine Szene am Grenzübergang in Reyhanli zwischen Syrien und der Türkei.

Als in Syrien vor drei Jahren der Bürgerkrieg ausbrach, wurde der Grenzposten zu einem wichtigen Nadelöhr, durch das Waffen und ausländische Extremisten nach Syrien gelangen. Zu Beginn machte es sich vor allem die Oppositionsgruppe Freie Syrische Armee, die gegen den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad kämpft, zunutze, dass die türkische Regierung vor dem blühenden Schmuggelgeschäft beide Augen verschloss. Doch seit dem Erstarken der islamistischen Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat sich die türkisch-syrische Grenze zu einem regelrechten Jihad-Highway gewandelt. Zahlreich gelangen Ausländer, oft aus Europa, nach Syrien, um im Bürgerkrieg zu kämpfen – viele davon an der Seite des IS und weiterer militanter Milizen.

Alarmierende Anzahl ausländischer Extremisten

Denn der IS baut seine Stärke längst auch auf die zahlreichen ausländischen Extremisten auf, die für ihn freiwillig in den Kampf ziehen. Gemäss dem Nachrichtensender CNN geht der US-Geheimdienst CIA davon aus, dass der IS mittlerweile zwischen 20'000 und 31'500 Extremisten umfasst. Diesen starken Zuwachs verdanke die Terrormiliz einer intensiven Rekrutierung seit Juni, die wiederum Folge des territorialen Vorrückens sei sowie der Ausrufung des eigenen Kalifats, vermutet ein CIA-Sprecher.

Allein im syrischen Bürgerkrieg kämpfen Schätzungen zufolge 12'000 Extremisten aus 74 Ländern an der Seite des Islamischen Staates und anderer Milizen. Dies gab der Direktor des internationalen Zentrums für Studien zur Radikalisierung am King's College (ICSR) in London vergangene Woche vor dem UNO-Sicherheitsrat in New York bekannt. 60 bis 70 Prozent der Kämpfer kommen demzufolge aus Ländern des Nahen Ostens, 20 bis 25 Prozent aus westlichen Nationen.

Gemäss dem ICSR-Direktor Peter Neumann ist der Konflikt in Syrien damit die grösste Mobilisierung von ausländischen Kämpfern seit dem von der Sowjetunion geführten Krieg in Afghanistan in den 1980er-Jahren. Damals seien innerhalb eines Jahrzehnts rund 20'000 Ausländer mobilisiert worden.

Wie ein Chauffeur in der Wartehalle

Zurück zur syrisch-türkischen Grenze in Reyhanli. Wer keinen Pass besitze, müsse nur kurz an der Schranke warten, schreiben die «Bloomberg»-Reporter, und schon näherten sich Schlepper. Der Preis: 25 Dollar pro Person inklusive des Versprechens, dass das Gepäck nicht durchsucht werde. Dieser Betrag nannten drei Schlepper den Reportern.

Ein anderer Schlepper, er nennt sich Yusuf, berichtet gegenüber der Nachrichtenplattform «Buzzfeed» von über 1000 ausländischen Jihadisten, die er über die Türkei nach Syrien geschleust habe. Der gut zwanzigjährige Syrer erzählt von Dutzenden bärtigen Männern mit ausländischem Akzent, die ihn über den eigens dafür eingerichteten Facebook-Account mit Anfragen überhäuft hätten. Im Jahr 2012 habe er als Schlepper angefangen, sagt Yusuf, und je stärker sich der Konflikt ausweitete, umso mehr hätten sich Extremisten aus dem Ausland gemeldet.

Er sei in den Ankunftshallen der Flughäfen von Istanbul, Antalya, Hatay und anderen türkischen Städten gestanden, erzählt Yusuf, und habe wie ein Taxichauffeur Tafeln mit den Namen der ausländischen Jihadisten in die Höhe gehalten. «Manchmal umarmten sie mich, ich erwiderte die Umarmung und hiess sie herzlich willkommen», erzählt er. Viele von ihnen seien über soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter rekrutiert worden.

Probleme, über die Grenze zu gelangen, habe es nie gegeben, sagt der Schlepper Yusuf. Manchmal seien die ausländischen Jihadisten-Kämpfer gar als willkommen angeschaut worden. Die türkische Regierung hätte nichts dagegen gehabt, wenn mit Unterstützung der ausländischen Extremisten die Rebellen den syrischen Präsidenten Assad gestürzt hätten. Indem er die Grenze durchlässig hielt, konnte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan den regionalen Konflikt in Syrien beeinflussen.

Stimmung ist gekippt

In den vergangenen Monaten ist die Stimmung allerdings gekippt. Im Juni brachte der IS in der irakischen Stadt Mosul 49 türkische Diplomaten und Wachleute sowie deren Familien in seine Gewalt. Und die Ermordung von westlichen Geiseln durch die IS-Extremisten hat die internationale Aufmerksamkeit auf die Türkei verstärkt. US-Verteidigungsminister Chuck Hagel nannte die Türkei kürzlich einen «absolut unverzichtbaren» Partner im Kampf gegen den IS.

In den vergangenen Monaten hat sich die Türkei darum bemüht, die Grenze zu Syrien besser zu bewachen. Gemäss «Bloomberg» hat sie Massnahmen ergriffen, um die Grenze zu Syrien schwerer passierbar für ausländische Extremisten zu machen: Patrouillen wurden eingesetzt, Checkpoints gebaut und Zäune errichtet.

Inwiefern dies das Problem tatsächlich entschärft, bleibt offen. Sowohl gegenüber «Bloomberg» als auch «Buzzfeed» erzählen Schlepper, die Kontrollen seien zwar strenger, das Überführen von ausländischen Jihadisten aber weiterhin ohne grossen Aufwand möglich. Ein Experte sagt gegenüber «Bloomberg», es sei fast unmöglich für die Türkei, die gesamte syrische Grenze zu kontrollieren. Das Gebiet sei sehr flach, und die Einheimischen hätten über die Jahre hinweg sichere Wege durch die Minenfelder gefunden. Somit bleibt der Weg nach Syrien für die Jihadisten-Söldner offenbar noch lange kein grosses Hindernis. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.09.2014, 16:57 Uhr

Viele Extremisten aus Skandinavien

Mehr als 12'000 Extremisten aus 74 Ländern kämpfen im syrischen Bürgerkrieg an der Seite der Terrorgruppe Islamischer Staat und weiterer Milizen. Dies schätzt das internationale Zentrum für Studien zur Radikalisierung am King's College in London. 60 bis 70 Prozent dieser Kämpfer kommen demzufolge aus Ländern des Nahen Ostens, 20 bis 25 Prozent aus westlichen Nationen. Dem Direktor Peter Neumann zufolge kommen mit bis zu 3000 die meisten Extremisten aus Tunesien. Saudiarabien schätze die Zahl von Kämpfern aus seinem Land auf 1200 bis 2500. Aus Marokko und Jordanien kämen jeweils rund 1500. Aus Frankreich stammten schätzungsweise rund 700 Kämpfer, aus Grossbritannien 400, aus Belgien 300 und aus den USA 100.
Wenn man die Zahl der Kämpfer in Bezug zur Gesamtbevölkerung setze, seien Länder wie Belgien, die Niederlande und die skandinavischen Länder Dänemark, Schweden und Norwegen am meisten betroffen – sie seien klein und hätten dennoch jeweils 50 bis 300 Kämpfer in Syrien. In einigen europäischen Ländern liege der Anteil der Frauen, die nach Syrien gingen, bei 10 bis 20 Prozent. Zweifellos habe diese Entwicklung das Internet gefördert. Dadurch könnten Frauen bei einer ihnen ansonsten verbotenen Bewegung mitmachen, da es ihnen sonst ja noch nicht einmal erlaubt sei, im selben Raum wie die Extremisten zu sein.
Neumann sagte, es gebe für die jungen Männer, die nach Syrien gingen, mehrere Anreize, unter anderem eine Art Abenteurertum. Der IS wolle allerdings solche Leute nicht, da sie die falsche Art von Rekruten seien. In den vergangenen Wochen, nach der Enthauptung der beiden amerikanischen Journalisten James Foley und Steven Sotloff, würden «mehr und mehr ausländische Extremisten auch darüber sprechen, gegen den Westen und gegen die USA zu kämpfen». (sda)

Bildstrecke

Jihadisten auf dem Vormarsch im Irak

Jihadisten auf dem Vormarsch im Irak Die irakische Staatsmacht verliert immer mehr Boden an die Jihadisten.

Artikel zum Thema

Diese 25 Länder unterstützen den Kampf gegen IS

In Paris hat eine internationale Konferenz zur Sicherheit im Irak stattgefunden. Für Frankreichs Präsident Hollande gilt es, «keine Zeit zu verlieren». Mehr...

Noch will niemand Obamas Krieg führen

Eine ganze Reihe von Staaten hat den USA versprochen, gegen den Islamischen Staat zu kämpfen. Nur Bodentruppen hat niemand öffentlich zugesagt. Doch die sind dringend nötig. Mehr...

Frankreich ist zu Luftschlägen gegen den IS bereit

Frankreich ist nach Worten von Aussenminister Laurent Fabius bereit zu Luftangriffen auf die Terrormiliz Islamischer Staat im Irak. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Frühe Botschaft: Der offizielle Weihnachtsbaum 2017 wird direkt zur First Lady Melania Trump und ihrem Sohn Barron ins Weisse Haus geliefert. (20.November 2017)
(Bild: Carlos Barria) Mehr...